Ein Pirat entert das Denken

23. Juni 2013
Von

Ein digitaler Homme de lettres

Wer dem Wort zugetan ist – und damit der Sprache, dem Geist und der Vernunft der darf mit Fug und Recht Buchstabenmensch genannt werden. Von einem Homme de lettres erwartet man ebenso wie vom Scharfrichter, daß er sich ständig entschuldigt. Dieser muß Abbitte leisten, weil er zu tödlich ist, jener, weil er nicht tödlich genug ist. Joachim Paul setzt sich mit seinen Essays bewußt zwischen die Stühle, weil er gegen den intellektuellen Mainstream bürstet. Er weist damit den Verdacht zurück, seine Essays seien zu klein und zu nebensächlich, eine seltsame, längst veraltete Form des Journalismus.

Auch die mediale Zukunft braucht Herkunft

Paul studierte Physik an der Ruhr-Universität Bochum und  diplomierte im Fach Angewandte Physik/ Biophysik mit einer Arbeit zum Thema Strukturfluktuationen in Biopolymeren. Er ist Gründungsmitglied des „Institut für Kybernetik und Systemtheorie e.V.“ und nahm im Auftrag des Instituts an zwei internationalen, EU-geförderten Forschungsprojekten zu Themen der Künstlichen Intelligenz teil. Als Externer promovierte er am Institut für normale und pathologische Physiologie der Universität Witten/Herdecke bei Eberhard von Goldammer und Eduard David mit einer Arbeit im Schnittfeld von Biophysik, Informatik und Medizintechnik zur Computersimulation von neuronalen Netzen. Diese Themen findet man in seinem neuen Buch.

Wir müssen unser Denken und Handeln verändern

Pauls Essays sind kein langer Roman, auch keine wissenschaftliche Abhandlung, im Idealfall aber verbindet er die Qualitäten der Gattungen, er spricht von Gefühlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend. Die aktuellen Krisen, die unseren Globus schütteln, sind begleitet von einer Krise unseres Denkens, die damit auch zu einer Krise unseres politischen, kulturellen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Handelns wird. Wir müssen unser Denken und Handeln verändern und weiterentwickeln. Das ist eine politische Forderung, die in nahezu allen Texten von Paul implizit enthalten ist. Dieser Autor theoretisiert nicht nur, bei der vorgezogenen NRW-Landtagswahl am 13. Mai 2012 zog Paul über den Listenplatz 1 der Landesliste der Piratenpartei in den NRW-Landtag ein. Dort wurde er zum Fraktionsvorsitzenden gewählt.

Der vordenker als Versuchsplattform

Versuchsplattform für Pauls Schreiben ist der vordenker. Gegründet wurde dieses Forum von ihm in der Mediensteinzeit 1996. Zuverlässig versammeln sich dort Dichter und Denker. Paul erforscht Gebiete, die über den Rand der Buchstaben und Texte hinausreichen. Sie dehnen sich in gewisser Weise indes sogar über die Grenzen von Geist und Vernunft hinaus aus. Es entsteht eine Textdichte, die sich in dieser Form nicht oft finden lässt. Technik und Philosophie, Theorie und Kunst sind selten so dicht beieinander zu finden, ihre Interdependenzen werden spürbar. In der Tradition Montaignes versteht er den Essay als Versuch, gibt diesem aber den naturwissenschaftlichen Sinn des Experiments, der experimentellen Versuchsanordnung und zugleich die existenzielle Bedeutung des Lebensexperiments und vertieft beides so ins Abgründige, daß aus dem Versuch sowohl die Versuchung wie der Versucher und das Versucherische sprechen. Welche labyrinthischen Gedankengänge bei diesem Auswahl– und Transformationsprozess durchlaufen werden, wie schnell ein brauchbarer Gedanke zu Abfall und Nebensächliches fruchttragend werden kann, beschreibt Paul in seinen Essays.

 

 

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TRANS- … Reflexionen über Menschen, Medien, Netze und Maschinen, von Joachim Paul ist als ebook erschienen – nicht im epub-Format, sondern als pdf-Datei, die mit jedem gängigen pdf-fähigen Reader zu öffnen ist – zu beziehen hier bei epubli, exklusiv. Von einem Angebot auf anderen Verkaufsplattformen wurde abgesehen.

Die Totholz-Variante gibt es weiterhin, hier: TRANS- als klassisches Buch.

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