Widerstand gegen das Verordnete

Das Faszinosum, das ist ein sprechender Fakt, steigert sich mit dem wiederholten Lesen dieser Texte, sie beginnen sich in ihrer sonderbaren surrealen Wendigkeit und sprachlichen Kraft nach und nach zu entblättern, ja, und einzubrennen. Nachhaltigkeit nennt das der Beflissen-Moderne, der Anachronist nennt es magische Kraft, mit der diese Sammlung Berichte, Begebenheiten, Selbstversuche ihre geschmeidigen Fesseln auslegt. In der Tat: mit diesem Buch hat es einiges auf sich – unter dem Subtitel Wundprotokolle vereinigt Francisca Ricinski eine Reihe kleiner Erzählungen, Grotesken, parabolische Exegesen und Texte, die den Grabenbruch zur Poesie offenbar spielend überschreiten.

Mehr noch: das Poetische scheint oft das Grundsubstrat dieser Forschungen zu sein, dafür sprechen nicht zuletzt die sich in visueller Form bündelnden Stücke und eingedampften Sequenzen; und es weist auf die Grundintention eines solchen Schreibens zurück. Auf silikonweichen Pfoten verhandelt in geradliniger Folge und mit wechselndem Ton und Parlando die Umstände einer Muss-Bestimmung im Ringen um Anwesenheit und wenigstens zeitweise Erlösung im l’autre monde eines Bei-sich-Seins bzw. Über-sich-Befindens im Angesicht einer vorbeirauschenden Welt; ein Besinnen, für das die Kunst ein Katalysator ist: eine Mélange aus melancholischer Vergewisserung, akkurat gesetzter Sekundenaufnahme und zuweilen ironisch gehaltener Ansprache.

Nomen est omen, ist man versucht zu sagen, und so berichten diese Texte bei aller surrealen Wucht auf eine geradezu vorsichtige Weise von Verletzungen und vom Vergessenwerden, vom schönen Trug und vergeblicher Mühe, und zuweilen brechen sie ins Skurrile um, lösen sich die Gesichte ins Nichts auf oder sogar: eine seltsame Ruhe tritt ein. Und immer wieder Momente von Klage und Erschöpfung und jene Zustände, da die Protagonisten plötzlich hinter die Wörter sehen, aus denen sie gemacht sind. „Die Augen der Frau wackelten einige Male, bevor sie in die Laubblätter fielen, und die Laubblätter schauten nun mit den gelben Augen der Frau in die Augen des Windes“ – das ist solch eine Passage: der Text gespiegelt in sich selbst, der Herbst bricht herein, und im nächsten Augenblick wird ein Reisepass für das Paradies ausgestellt, dass einem Hören und Sehen vergeht.

Überhaupt ist in der kleinen Form wohl der elementarste Ausdruck existentiellen Schreibens möglich, denn so muss man diese Prosastücke trotz ihrer Vielfalt an Themen und Blicken durchweg bezeichnen, sie sind durchsetzt mit Trauer und Gesten des Abschieds, aber durchaus auch denen der Suche und einer unausgesetzten Hoffnung auf ein Gegenüber, das einem in den sich überschlagenden Windungen der Postpostmoderne nicht selten verwehrt bleibt, traurigerweise, und im untrüglichen Bewusstsein eines Auf-sich-gestellt-Seins, das diese Zeit einfordert und zugleich höhnisch befeixt.

Und so sind Francisca Ricinskis Miniaturen und Geschichten in vielerlei Hinsicht eine Form des Widerstands gegen das Verordnete und die Verklappung der Würde und ergeben eine Art  Kaleidoskop, das den in den literarischen Künsten Bewanderten in den Genuss einer genau gesetzten und treffsicher zielenden Folge von Worten bringt; sind diese Wundprotokolle ein Berichten vom zunehmend souveränen Versuch, mit den Anbrandungen von Eingriff und Verletzung, von denen ein Ich bedroht ist, in ein mutiges und selbstgewisses Verhältnis zu treten und nicht zuletzt: ihnen zu trotzen.

 

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Auf silikonweichen Pfoten, Wundprotokolle, Pop-Verlag 2005

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