Leseprobe aus „Der kleine Wagnerianer“

Anmerkung der Redaktion: Flankierend zum Kollegengespräch eine Leseprobe aus „Der kleine Wagnerianer“, die der Beck-Verlag aus dem Buch zur Verfügung stellt.

Regine Müller und Enrik Lauer. (c) für das Photo: Andreas Biesenbach

In der Disziplin der Musikwissenschaft denkt und arbeitet man traditionell in der Rückschau. Das liegt in der Natur der Sache. Die Relevanz musikalischer, ja künstlerischer Ereignisse und Entwicklungen generell lässt sich erst dann mit einiger Sicherheit beurteilen, wenn sich deren Spuren ausgebreitet und vertieft haben, statt im Sande zu verlaufen. So hat die Musikwelt, die natürlich nicht nur aus professionellen Chronisten, sondern auch aus der großen Schar der Musikliebhaber besteht, manchen Skandal, manchen Star und sogar manches Genre vergessen, wenn nachfolgende Generationen sich entweder nicht mehr darüber aufregen oder nicht mehr dafür begeistern wollten, was einst so singulär, skandalös und attraktivzu sein schien. Häufig ermächtigt sich die Musikwissenschaft allerdings auch selbst dazu, in der Rückschau Marksteine der (Be-)Deutung just dort zu sehen und zu setzen, wo die Zeitgenossen noch gleichgültig mit den Schultern zuckten. Oder nur eine verschwindend kleine Zahl von Menschen Zeugen eines Ereignisses von im Nachhinein als epochal begriffener Bedeutung waren.

Ein solches Ereignis war unzweifelhaft die Uraufführung von Claudio Monteverdis Favola in musica – grob übersetzt: Geschichte in Musik – L’Orfeo, die anno 1607 vor einer kleinen Schar feudaler Spezialisten und Gönner im Palazzo Ducale zu Mantua über eine eher improvisierte Bühne ging. Im Nachhinein wurde aus diesem höchst elitären Ereignis die Geburtsstunde der Oper. Sicher nicht zu Unrecht, denn es war in der Tat Monteverdi, der sich hernach noch über 35 Jahre seines Lebens mit dieser neuen Gattung beschäftigen sollte und sie zu einer ersten Blüte führte. Dennoch gab es sehr wohl Vorläufer des L’Orfeo – verloren gegangene Werke aus der Feder von Kollegen Monteverdis, die womöglich auch einen Anspruch auf Erfindung der neuen Kunstform Oper hätten erheben können. Das Aufkommen dieser Gattung kündigte sich an, drängte gewissermaßen zur Erfindung. Wie auch immer: Das Geburtsdatum der Oper – die damals noch gar nicht so hieß – wurde post festum auf 1607 festgelegt.
Vergleichbar marmorne Marksteine oder gar Revolutionen sind in der Musikgeschichte allerdings relativ selten. Gewiss, man zählt die Geburts- und Todestage der Meister-Tonsetzer und die Uraufführungsdaten ihrer einfl ussreichsten Werke zu den Weg- und Wendemarken. So wie die Experten der Musikgeschichte etlichen Unsterblichen aus dem Olymp der Komponisten das Etikett des Revolutionärs angeheftet haben. Natürlich gehören Mozart und Beethoven in diese Ahnenreihe. Haydn erfand das moderne Streichquartett, Schubert trieb das Lied zu ungeahnten Höhen voran. Und so fort.
Aber wann konnte und kann man schon einmal behaupten, dass von genau diesem einen Punkt an, mit genau diesem einen Werk alles anders wurde? Dass nach diesem Ereignis die Musikgeschichte nachweislich eine andere Richtung genommen hat? Eines dieser seltenen Ereignisse kann unbestritten Richard Wagner für sich reklamieren. Und zwar mit Tristan und Isolde, seinem subjektivsten und vielleicht auch seltsamsten Werk, in dem insbesondere der berühmt-berüchtigte Tristan-Akkord jenen magischen Moment markiert, der musikgeschichtlich zum Point of no Return wurde. Denn dieser Akkord stieß das Tor zur Moderne weit auf.
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Der kleine Wagnerianer: Zehn Lektionen für Anfänger und Fortgeschrittene, von Enrik Lauer und Regine Müller, Beck C. H., 2013