Seltsamer Attraktor • Über Physik & Poesie

Allgemeine Relativität

Die moderne Physik übt auf eine Reihe von Dichtern eine starke Anziehung aus. Das zeigt sich zum Beispiel an den Titeln mancher Gedichte von Raoul Schrott: Albert Einstein – Allgemeine Relativität oder Niels Bohr – Korrespondenzprinzip.

Hans Magnus Enzensberger hat dem sogenannten Higgs-Boson, dessen Entdeckung in unseren Tagen auch für erhebliche mediale Wirbel sorgte, ein Gedicht gewidmet. Der Titel: Warum wiegt etwas etwas und nicht vielmehr nichts? Und so ist der Auftakt:

Woher sie nur kommt, die Masse im Bauch
und in den Galaxien? Wir wissen es nicht;
doch schön und ehrenvoll ist es,
so wie Bose & Higgs danach zu fragen.

Manche der ›biographischen‹ Gedichte Enzensbergers haben Leben und Werk von Physikern und Mathematikern zum Inhalt, so zum Beispiel in Leichter als Luft. Moralische Gedichte (Suhrkamp 1999) ein Gedicht über John von Neumann, den Begründer der modernen (abstrakten) Version der Quantentheorie und Pionier der Computertechnik:

… Manchmal kritzelt er Hilbert-Räume,
Ringe und Ideale hin. Unbeschränkt
operiert er mit unbeschränkten Operatoren …

Viele Vorstellungen der zeitgenössischen Physik werden oft als grotesk und bedrohlich empfunden. Auch das findet seinen Niederschlag in Gedichten. In Simon Armitages’ Gedichtbuch Zoom! (Berlin Verlag 2011) sind im gleichnamigen Gedicht diese Verse zu lesen:

… until suddenly,
mercifully, it is drawn aside through the eye
of a black hole
and bulleted into a neighbouring galaxy, emerging
smaller and smoother
than a billiard ball but weighing more than Saturn …

 Nicht ohne Reiz

Henning Heske hat das Schreiben von Gedichten nah an der Physik – oder allgemein den Naturwissenschaften – zum Programm erhoben. In einem manifestartigen Aufsatz Fragmente einer naturwissenschaftlichen Poetologie beschreibt er Grundlagen und Beispiele. So weist er auf das lyrische Potential vieler Neologismen der modernen Physik hin. Auch manche Akronyme sind nicht ohne Reiz, zum Beispiel susy (von super symmetry) oder wimps (weakly interacting massive particles), kreiert zur Deutung der dunklen Materie. Lyrische Effekte, so Heske, lassen sich auch erzielen durch einen die Fachtermini verfremdenden Kontext. Viele Möglichkeiten also, ein fruchtbares Feld für den lyrischen Kompilator.

 Chaostheorie

Die Attraktivität der modernen Physik ist nicht auf Dichter beschränkt. Viele Menschen interessieren, begeistern sich heute für die Probleme der Quantenmechanik, Kosmologie oder Chaostheorie. So erklärt sich, daß immer neue populärwissenschaftliche Bücher über moderne Physik, meist geschrieben von bedeutenden Wissenschaftlern, in rascher Folge erscheinen. Sie erzielen häufig Bestseller-Auflagen. Von Stephen Hawkings Buch A Brief History of Time wurden ca. 10 Millionen Exemplare verkauft. (Das entspricht etwa dem Verkauf – wenn auch in verschiedenen Bevölkerungsschichten – von Albert Camus’ Die Pest oder Grace Metalious’ Peyton Place).

 Mesokosmos

Worin ist die enorme Attraktivität, das hohe Verführungspotential der modernen Physik für so viele Zeitgenossen begründet? Darin, daß die Beschäftigung mit Physik für kurze Zeit Rätsel und Geheimnis, Poesie in ihre meist ziemlich karg ausgerüstete intellektuelle Welt bringt? Rätsel zumal, die Geheimnis bleiben, auch wenn sie gelöst sind. Vielleicht auch, weil die Beschäftigung mit moderner Physik uns zwingt, vorübergehend den Mesokosmos zu verlassen, dem die Evolution unser Gehirn angepasst hat, und sich in Welten zu begeben, deren Dimensionen in Lichtjahren oder Nanometer gemessen werden, Welten, in denen es nicht-lineare Kausalitäten gibt? Meist ist die reine Fiktion ebenso langweilig wie das empirisch Gesicherte und theoretisch völlig Verstandene; in der Zwischenzone, da ist es interessant. Und in dieser Zwischenzone befindet sich heute die Physik und übt die Fernwirkungen aus, von denen hier die Rede war.