Fingerspitzengefühl

Wenn die Kälte draußen so weit unter Null gefallen ist, dass in schlecht isolierten Dachgeschosswohnungen sogar die Wasserleitungen zufrieren, dann kann von Winter gesprochen werden. Vorher nicht. Dies hatte Herr Nipp für sich und die gesamte Menschheit beschlossen und entschieden, alles andere war doch nur albernes Vorgeplänkel. Dazu fühlte er sich im Recht. Er lebte tatsächlich in einer solchen Wohnung. Bei minus acht Grad fror als erstes die Warmwasserleitung zu, bei minus achtzehn Grad dann auch die Kaltwasserleitung. Wieso dies so eintrat, musste wohl irgendwas mit dem Mpembaeffekt zu tun haben, hatte er mal gehört. Hatte nicht ein Mann namens Mpemba entdeckt, dass kaltes Wasser schneller zum Kochen zu bringen war, als lauwarmes, oder war es umgekehrt gewesen, dass nämlich heißes Wasser schneller gefror als kaltes? Auf jeden Fall hatte Herr Nipp in jener Zeit eines längeren Krankenhausaufenthaltes, wegen eines Beinbruchs versteht sich (alle anderen Mutmaßungen über eventuelle andere Beschwerden sollten an dieser Stelle sofort und unwiderruflich eingestellt werden), den Wassertest gemacht. Zunächst hatte er kaltes Wasser aus dem obersten Stockwerk geschleudert, mit dem Ergebnis, dass das Wasser unten als solches ankam. Dann aber wurde fast kochendes Wasser genutzt, und tatsächlich: Unten schneite es. Schöne Vorstellung, dass man selber aus dem Krankenhausbett heraus Frau Holle spielen kann.

Nun war es für ihn nicht das schlimmste Gefühl, kein warmes Wasser mehr zu haben, denn glücklicherweise besaß er immerhin noch einen, wenn auch veralteten Wasserkocher aus erster Ehe, wie man so schön sagt. Und geduscht wird dann eben im Fitnessstudio. Die ersten Tage also konnte er sich das Spülwasser noch selber produzieren. Erst als auch das Kaltwasser seinen Dienst aufgab, wurde ihm etwas mulmig zumute. Kein Kaffee morgens, das geht nun gar nicht. Er musste also den Revisionsschacht öffnen und nachschauen, was zu machen wäre. Tatsächlich kam ihm wie ein Hauch des Todes kälteste Luft entgegen. Nichts zu machen. Er nahm allen Mut zusammen und umfasste die Leitungen, wollte seine Wärme weiterreichen. Im Wissen, dass Kupfer ein guter Wärmeleiter ist. Nichts passierte, die Hände wurden kalt, eiskalt. Erst als er Angst bekam, erste Erfrierungen zu erleiden, gab er diesen Versuch auf. Andere würden an dieser Stelle wahrscheinlich aufgeben und den Klempner rufen. Nicht so er, er dachte nach und wollte eine eigene Lösung finden. Schon die alten Griechen aber wussten, dass man am besten denken kann, wenn während des Prozesses auch der Körper in Bewegung gerät. Er stand also auf, schüttelte die Hände, rieb sie an einander, machte erste Schritte. Nichts wollte ihm einfallen. Herr Nipp wandte sich schon frustriert ab und stolperte im Hinausgehen zur Küche, dort lag die mobile Telefoniereinheit, über den Föhn, den irgendjemand mal wieder mitten im Weg hatte liegen lassen. Das also war die Hilfe, Föhn an und draufhalten. Nach fünf Minuten lief auch das Wasser wieder. Nur die Finger hatten eine ganze Weile kein Gefühl.

***

Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus ab 2017 Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.