Betrachtungsfeld

Was der Mensch täglich mit seinen Füßen tritt, besser betritt, und nutzt, fällt gerade wegen dieses tagtäglichen Nutzens nicht weiter auf. Wer achtet schon auf die Bürgersteige und asphaltierten Straßen, die Häusermauern und Baumrinden? Wer bemerkt, dass so viele Steine zerbrochen und einige Gehflächen mit Kaugummiresten übersät sind? Wer stellt sich die Frage, warum dies so ist? Welcher Nutzer macht sich Gedanken über die Beeinflussung der Umwelt, der er jeden Tag ausgesetzt ist? Kaum ein Mensch, wenn er nicht gerade mit dem Straßenbau beschäftigt, aus Versehen gefallen ist oder sich künstlerisch betätigt, ausgenommen spielende Kinder, nimmt sich die scheinbar unsinnige Muße, sich zum Boden zu bücken, um die Struktur des Bodens zu erkunden. Kaum ein Mensch, wenn nicht gerade Maurer, Sprayer oder Verliebter, hat die Zeit die Miniaturlandschaften einer Häuserwand zu ertasten. Kaum ein Mensch, wenn nicht gerade ein Archäologe, hat ein Interesse daran, die Reste eines Steines oder eines Gebrauchsgegenstandes zu zeichnen. Kaum ein Mensch, wenn nicht gerade ein Biologe, studiert mit offenen Augen die Außenhaut eines Baumes oder das heruntergefallene, halbverrottete Blatt einer Platane. Gerade dies aber als persönliche Befindlichkeit zu thematisieren kann sehr reizvoll sein und mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Schwierigkeiten, die auf den ersten Blick doch so scheinbar nichts sagend sind. Wie zum Beispiel könnte man Menschen, die sehr viel Wert auf ihr Äußeres legen, immer gepflegte Fingernägel haben, dazu bewegen, sich auf den ach so schmutzigen Straßenbelag einzulassen, Schülern, welche die Straße als Spucknapf und Aschenbecher nutzen, verdeutlichen, dass die Straße auch als Bildvorlage einen Sinn haben kann bzw. als Betrachtungs- und Untersuchungsfeld?

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO veröffentlicht zwischen 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus  Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.