Risikogesellschaften: Lyrik und ihre Bilder vom Sozialen

 

Man kann eigentlich nichts sagen gegen die junge deutsche Lyrik: sie ist hand­werklich gut gemacht, ausge­wogen im Ton, ernst­haft, ja hoch reflektiert.1

Das genau ist aber auch das Problem. Denn was ihr fehlt, oder besser: was mir fehlt2, ist – das Wagnis, das Risiko, die Leidenschaft – sowohl inhallich als auch formal. Analog zur jung­deutschen Prosa sucht man Experi­mente nahezu ver­gebens. Erstaun­licher­weise (für mich als Eher-nicht-Lyriker) sind anscheind nicht Thomas Kling oder der frühe Bert Papenfuß Ausgangs- und Anknüp­fungs­punkte für die junge Lyrik3, sondern eher jemand wie Durs Grünbein und dann auch noch dessen pein­liche Antike­verwurstung4 („Auch ich habe unter Hadrian gelebt…“), neo-wilhel­ministische Stilblüte, zurecht und zuneh­mend belächelt.

Was mir fehlt – zumindest als Alter­native –, ist eine Lyrik, die aus heftigem Leben oder Erleben heraus entsteht, muss nicht hard mouthed poetry sein, aber unmittel­bares Sprechen, Intensität, Dylan Thomas, Beatrix Haustein manchmal, die „junge Lyrik“ dagegen formuliert immer durch den Filter der Poetik.

Mir noch wichtiger: Wo sind die sozialen Bilder in einer Zeit, die eben dieses Soziale bewusst und aus politi­scher Absicht exklu­diert. Nicht öffent­lich­keits­fähig. Maybrit Illner fragt angesichts des (behaupteten) Aufschwungs: Wer jetzt noch noch keinen Job hat, ist selber schuld?! Ganz recht, da waren wir schon mal, Drückeberger, Faulenzer, Aussätzige, selber schuld, weg damit, Arbeits­lager, konzentrieren müssen die sich, muss man die, all die 45-, 55-jähirgen Arbeits­losen mit den Super­chancen am Arbeitsmarkt, wo ist die Lyrik, die darüber spricht? Erdbeben in Peru, Überschwem­mung in Bangladesh, Attentate im Irak – Bio-Politik, Hilfe ist ange­laufen, Luftbrücke, Auffang­lager, Organi­sation von Men­schen­strömen, Zahlen, Zahlen­mengen, aber was ist das und wie fühlt sich das an? Wo ist die globale Per­spektive? Wo die Position? Muss nicht wenigstens die Kunst, alle Künste, also auch die Lyrik die Utopie des Mögli­chen auf­recht­erhalten?

Ich kann etwas anfangen mit analy­tischer Durch­dringung des poetischen Gegen­stands5, auch damit, der bestän­digen Innovation eine Lanze zu brechen6 – denn beides ist auf formalem Wege analog mit meinem Glaube an das Fort­schreiten des Projekts Zivilisation. Dies alles ergän­zend möchte ich jedoch eine Nuance ins Spiel bringen, die mit so etwas Anti­quiertem wie „Haltung“ zu tun hat. D.h. es geht um eine zugrunde­liegende ethische Qualität, in dem Sinne dann doch vorschriftlich.

Der poetologische Diskurs ist in meinen Augen zu selbst­bezüglich – die Frage nach dem Verhält­nis zur Welt wird ausge­klammert7, Autopoiesis, Worte über Worte, sicher beschäf­tigt sich dir Lyrik, gerade die neuere, vornehm­lich mit Worten, banale Sentenz, beschäftigt sich mit ihrem Verhältnis zu den Worten, weiter banal, der Beziehung zwischen Worten und Gegen­ständen, weniger banal, aber immer noch im Rahmen tradi­tioneller Linguis­tik.8 Muss sie auch, doch was ist dahinter? Was ist das Ziel?

Hier kommt Haltung ins Spiel, sollte zumin­dest, was will ich mit den Worten? Woran glaube ich, nachts, wenn der Spiegel blind ist und das Telefon schweigt, an die Dichtung und nur an die Dichtung? Hält das die Welt davon ab, sich zu drehen?9
Es geht also – einmal mehr – um das Verhältnis der Dichtung zur Welt, aber nicht vordringlich die „Dinge“ (nominalistisch), sondern eher das Verhältnis der Dinge, der Schichten, der Gesellschaften, weniger ontologisch also als sozial.

Ich weiß nicht, ob Hendrik Jackson für viele seiner Generations­genossen spricht, kann es mir aber vorstellen, wenn er sagt: „Bestimmendes Gefühl dieser Epoche scheint eine gewisse Hand­lungs­unfähig­keit zu sein, zumindest was die ›großen Kontexte‹ angeht. Dieses Gefühl scheint aber wenig Verzweiflung auszulösen, eher scheint es genau beobachtet und gelassen hinge­nommen zu werden.“10 Der Status Quo also ist nicht o.k., aber man registriert zu stark die eigene Ohnmacht und verharrt daher lieber in intelligentem Fatalismus. Abgesehen davon, dass man – um diese Handlungs­unfähigkeit gelassen hinnehmen zu können – schon in einer bestimmten (privilegierten) sozialen Situation sein muss, kann ich diese Haltung nicht verstehen, wenn­gleich sie gewiss reprä­sentativer Ausdruck einer Majo­rität im Gegenwarts­deutschland ist.

Ich habe in diesem Zusammenhang immer das Bild des Torpedo­käfers vor Augen aus der Biografie Franz Jungs, jenes eigenartigen Tiers, das immer wieder und mit unvermittelter Heftigkeit gegen eine Wand fliegt, abprallt und jeden dieser erfolglosen Versuche zum Anlass nimmt, es noch einmal mit noch größerer Anstren­gung zu probieren.11 Auch wenn es so scheint, ist das keineswegs eine Sisyphos-Variation, sondern eher das Symbol eines histo­rischen Opti­mismus. Irgendwann und wenn erst in hundert Jahren wird es zumindest eine Schramme geben im Beton. Und selbst wenn nicht, so weiß man wenigstens, was man getan hat und warum.

Was das mit Lyrik zu tun hat? Nichts und alles. Letzteres deswegen, weil dieser Kontext ihr eine Aufgabe zuweisen kann: zu zeigen, was ist, was und wer dahinter steht, denn die im Dunkeln sieht man nicht. Eine Form des Realismus. Schwieriges Wort im Zusammenhang mit Lyrik, gewiss. Realismus in der Lyrik kennt man vor allem aus Zeiten der (seligen) Neuen Subjektivität, Born, Brinkmann, Fauser, Theobaldy. Speziell Brinkmann formulierte in Anschluss an Frank O’Hara apodik­tisch, „daß schlechthin alles, was man sieht und womit man sich beschäftigt, wenn man es nur genau genug sieht und direkt genug wiedergibt, ein Gedicht werden kann.“12 Kein anderes Material gebe es als das, „womit jeder täglich umgeht, was man auf­nimmt, wenn man aus dem Fenster guckt, auf der Straße steht, an einem Schaufenster vorbeigeht, Knöpfe, Knöpfe, was man gebraucht, woran man denkt und sich erinnert, alles ganz gewöhnlich, Filmbilder, Reklamebilder, Sätze aus irgendeiner Lektüre oder aus zurück­liegenden Gesprächen, Meinungen, Gefasel, Ketchup, eine Schlager­melodie“.13

Dieses Konzept, kulmi­nierend in jenen berühmten Sentenzen über die „Ober­fläche“14, u.a. auch Ausgangs­punkt aller Debatten zur deutschen Popliteratur, führt – gerade in der Lyrik – nicht allzu weit. Wir wissen nicht, welche Entwicklung Brinkmann weiter genommen hätte, die zeitge­nössische Kritik an seiner Position, wie sie etwa Nicolas Born übte, trifft den Sachverhalt ziemlich präzise. Gefragt von Volker Hage in einem – bislang unver­öffent­lichten Interview –, ob die distanzlose „Verwendung“ des Trivialen nicht endlich in Affir­mation umschlüge, antwortet Born: „Bei Brinkmann ist es wirklich so. Auf die Dauer ist es dann so: dann ist es wirklich seine Wirklich­keit, er hat nichts anderes mehr.“15 Als poetischer Gegen­stand erschöpft sich der Alltag schnell, es muss schon ein deutende, wertende, verdichtende Weiter­verarbeitung des Materials geben – entweder als poetische Ver­fremdung, die unmittelbar Gegebenes, Alltägliches nicht als Alt­bekanntes darstellt, sondern in einem neuen Licht zeigt. Oder auch analy­tische Bezüge herstellt, was liegt woran.16

Verfrem­dung aber natürlich auch im Sinn Sklovskijs: „Ziel der Kunst ist es, ein Empfinden für die Dinge zu vermitteln, das sie uns sehen und nicht nur wieder­erkennen läßt; ihre Ver­fahren sind die ›Verfrem­dung‹ der Dinge und die erschwerte Form, ein Ver­fahren, das die Wahr­nehmung erschwert und verlängert. […] Durch die Kunst erleben wir das Machen der Dinge, das Gemachte ist ihr unwichtig.“17wenn die Zeiten schwierig sind, muss man den Schwierig­keits­grad der Künste erhöhen???… Das ist dann in etwa, was Ulf Stolterfoht „experi­mentell“ nennt, was ich eher „experimen­tierend“ oder formal innovativ nennen würde.18 Solche sprachlichen Versuchs­reihen, Erprobungs­räume können, sollten aber vielleicht besser nicht für sich selbst stehen. Zwar ist es in einer Welt ubiquitären Drauf­los­plapperns, dem gewaltigem Chor von Laber-Narzisten schon ein widerständiges Prinzip, sich dem (und dem alles integrierenden Common Sense) zu verweigern. Wahrscheinlich (oder zumindest meiner Ansicht nach) ist die Wirkung größer und auch nachhaltiger, wenn solche experimentierende Dichtung sich soziale Ziele setzt – rückwirkend legitimiert das doppelt die Verfrem­dungs­prozesse. Das muss man nicht so apo­dik­tisch sehen wie Brecht („Realis­tisches Schreiben ist keine Formsache. Alles Formale, was uns hindert, der sozialen Kausa­lität auf den Grund zu kommen, muß weg; alles Formale, was uns verhilft, der sozialen Kausalität auf den Grund zu kommen, muß her.“19) – aber so ganz falsch erscheint mir das auch heute nicht.

Eingreifender Realismus, der gleich­zeitig nicht auf die Forschung am Sprach- und Formen­bestand verzichtet, sich damit absichernd gegen die Vereinnahmung durch die allgefälligen Diskurse.

Die andere Variante ist eine Dichtung, die ich analog zu meinen ähnlich motivierten Prosa-Aktivitäten20 als „sozial-realistisch“ bezeichnet habe. Sie ist eher die Ausnahme …

Eher scheint mir zuzutreffen, was Alexander Nitzberg über das junge deutsche Gedicht sagt: „Es wächst und gedeiht wohlsituiert und – behütet. Seine Orte sind Cafés, Einkaufs­zentren, Schnee­landschaften und Polstermöbel mit Sojasauce­flecken.“21

 

 

Weiterführend 

Eine Würdgung des Hungertuchpreisträgers finden Sie hier. Lesen Sie auch den Artikel Perlen des Trash über 25 Jahre Gossenhefte und Enno Stahls fulminantes Zeitdokument Deutscher Trash. Eine Hörprobe von Trash me! finden Sie in der Reihe MetaPhon.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Bella Triste, 2007


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1 Dass sich so junge Autoren wie etwa Ann Cotton und Steffen Popp so dezidiert poetolo­gisch äußern, wäre vor zwanzig Jahren ebenso undenkbar wie aussichts­los gewesen: niemand hätte ihnen zugehört! So weit, so gut also.
2 Es ist müßig den subjektiven Charakter der folgenden Ausführungen zu betonen, zumal man – angesichts einer Riesen­spann­breite poetischer Posi­tionen heute – kaum pauschal über die „junge Lyrik“ sprechen kann. Unter dieser, meiner persön­lichen Perspektiv­setzung ist das indes sehr leicht!
3 In „Bella triste“ 17 ist Kling als Bezugs­punkt und Name zwar allgegenwärtig, aber die Einflüsse sehe ich (außer bei Sabine Scho und Anja Utler) eigentlich nicht.
4 Das dann auch wieder bei Anja Utler, was Franz Josef Czernin meiner Ansicht nach zurecht kritisiert.
5 Czernins Fest­halten am Gedicht- und Selbst­erfahrungs­projekt der Moderne („Bella triste“ 17)
6 Ulf Stolterfohts Plädoyer für den Avantgardismus
7 Steffen Popp versucht ansatz­weise, diese Beziehung zu konturieren („Bella triste“ 18) – und stellt das Problem der Sprachs­pielhaf­tig­keit allen poe­tischen Sprechens dem faktischen In-der-Welt-Sein der Gegen­stände gegenüber. Den skepti­schen Konstruk­tivismus, den er daraus bezieht, kann ich zwar episte­mologisch akzeptieren, die herme­tische Kon­stel­lation begünstigt aber eine Praxis nicht unbedingt. Warum nicht einfach darüber hinaus­schreiten, all der Kompli­kationen eingedenk? Klassische philo­sophische Alternative zwischen Ontologie und lebens­philo­sophi­scher Ethik (vgl. Steffen Popp, Poesie als Lebensform, in: „Bella triste“ 18, (2007) insbes. S. 77-79.
8 À la Saussure und Austin
9 Vor einer Weile entzündete sich eine Debatte unter Kölner Autoren über den Wert und Sinn der Stadt als Lyrikstandort oder so ähnlich. Guy Helminger wies irgendwann darauf hin, welche Wirkung diesem Streit unter Autoren gegenüber ein Streik der Müllabfuhr auf die Bevölkerung hätte. Damit ist wohl alles gesagt.
10 Hendrik Jackson, Was zu beschreiben wäre, in: „Bella triste“17 (2007), S. 172
11 Vgl. Franz Jung, Der Torpedokäfer, Neuwied und Berlin: Luchterhand 1972, S. 405ff.
12 Rolf Dieter Brinkmann, Vorwort zu seinem Gedichtband „Die Piloten. Neue Gedichte, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1968“, hier zitiert nach: Rolf Dieter Brinkmann, Künstliches Licht. Lyrik und Prosa (Hg. Genia Schulz), Stuttgart 1994, S. 40
13 ebd.
14 „ich finde gewöhnliche Sachen schön, weil sie nichts bedeuten, und daß sie nichts bedeuten, ist ihre Tiefe – je weniger ›etwas‹ Bedeutung hat, desto mehr ist es ›es selbst‹ und damit Oberfläche, und allein Oberflächen, wie jeder weiß, sind ›tief‹!“ (Aus: Rolf Dieter Brinkmann, „Anmerkungen zu meinem Gedicht ›Vanille‹“, in: Mammut. März-Texte 1 und 2, 1969-1984 (Hg. Jörg Schröder), Herbststein: März 1984, S. 142)
15 Ein Auszug dieses Interviews findet sich in: Enno Stahl, Popliteraturgeschichte(n) 1965-2007. Texte, Schriften, Bilder, LAUT!Dichtung, Düsseldorf: Heinrich-Heine-Institut 2007, S. 35
16 Die Globalisierungsverlierer sind nicht nur ein gegebenes Sinnesdatum, das man registriert, sondern das Anlass zu Fragen oder gar Hintergrundsinformationen gibt, war steht dahinter, wer steht im Schatten?
17 Viktor Sklovskij, „Kunst als Verfahren“, in: Die Erweckung des Wortes (Hg. Fritz Mierau), Lepizig: Reclam 1991, S. 17/18.
18 Der von Stolterfoht so harsch kritisierte Enzensberger hat mit seiner Einschätzung, dass Poesie anders als die exakte Wissenschaft nicht in der Lage ist, ein „Experiment“ immer wieder neu mit ein und demselben Ergebnis durchzuführen, schlicht recht (vgl. ders., „Die Aporien der Avantgarde“, in: Einzelheiten, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1962). Der Begriff „Experiment“ ist für Dichtung daher eine schlicht unpräzise Benennung, so äußert sich auch Alexander Nitzberg, Zerhacktes oder Zusammengehämmertes?, in: „Bella triste“ 17, S. 49.
19 Bertolt Brecht, Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 23: Schriften 3, S. 419
20 vgl. dazu Enno Stahl, Der sozial-realistische Roman, Berlin: Sukultur 2006.
21 Alexander Nitzberg, Zerhacktes und Zertrümmertes? Über norbert Langes Lyrik, in: „Bella triste“ 17 (2007), S. 49.