Die Poesie der Nächstenferne

WEIGONI: Muss man in der Doppelexistenz als bildender Künstler / Schriftsteller nicht zu sehr aufs Optische achten?
ANDRÉ RONCA: Das Wort visuell will offensichtlich auf etwas hinweisen, was der traditionellen Lyrik entgangen ist, nämlich auf die Bildfunktion eines Gedichts. Nun ist, ebenso traditionsreich, das stumme Bild vor allem der Malerei lange Zeit vorbehalten gewesen. Die Malerei war von Anbeginn an bis ins 19. Jahrhundert an der Darstellung von Sinnbildern orientiert. Also im eigentlichen Sinne eine literarische Funktion bildlich darzustellen, in dem sie sie auf einen bezeichnenden Moment zuspitzt; sozusagen alles in einer bezeichnenden Szene einfriert. Unsere indoeuropäische Schrift hingegen hatte sich vom ursprünglich zeichnerischen Element gelöst und sich mehr oder weniger gut an der Phonetisierung versucht und weiter entwickelt. Wenn man im herkömmlichen Sinne von bildhafter Sprache redet, meint man in erster Linie die Metonymie und vor allem die Metapher.
WEIGONI: Wie konkret muss Poesie in den 90-ern sein?
RONCA: Das hat ja bereits eine Geschichte, zur Erinnerung würde ich gern die wesentlichen Textstellen einiger Manifeste anführen…
WEIGONI: Aber bitte!
RONCA: Max Bill: „konkret ist das wirkliche, das vorhandene, sichtbare und greifbare objekt. konkret ist ein nachweisbarer gegenstand, der in der realität besteht, der nicht nur gedacht ist, nicht nur ein begriff ist, der ist konkret. konkret ist der gegensatz zu abstrakt.“ – „konkrete kunst nennen wir jene kunstwerke, die aufgrund ihrer ureigensten mittel und gesetzmäßigkeiten – ohne äußerliche anlehnung an die naturerscheinungen oder deren transformierung, also nicht durch abstraktion, entstanden sind.“ – „vorher nur in der vorstellung bestehende abstrakte ideen werden in konkreter form sichtbar gemacht.“ – Eugen Gomringer: „mit dem vorbild der konkreten kunst, also eines visuellen bereichs, ist die frage nach der herkunft der bezeichnung `konkrete` poesie zum teil beantwortet.“ Bezeichnenderweise finden wir analog zur Feststellung von Bill, dass eine Linie eine Linie und eine Farbe eine Farbe sei und nichts anderes, die Konzentration in der Konkreten Poesie auf das Wort-Material. Die Bezugnahme auf den Untergrund, den Raum, die Gestalt der Schrift, versteht sich insofern als Selbst-Bezüglichkeit des Wortes. Zur Methode der konkreten Poesie gehört, wie gesagt, „die reduktion aus dem metaphorischen sprachgebrauch und die kombinatorik mit den unbestimmbarkeiten der bedeutung, der typographie und der lautgestalt“ (Helmut Heißenbüttel).
WEIGONI: Vor-Bildner oder Vorgänger?
RONCA: Mit der konkreten Kunst teile ich die Ansicht, dass Kunstwerke aufgrund ihrer ureigensten Mittel – also ohne äusserliche Anlehnung an die Naturerscheinungen oder deren Transformierung – entstehen müssen, wenn man sich der metaphysischen Konnotationen entledigen will. In der Malerei interessiert, was an ihr die Bedingung ihrer Möglichkeit ist: Form (vom Farbfleck bis zur geometrischen Konstruktion) und Farbe. Die Rangerhöhung der Farbe ist denn auch mein spezielles Anliegen und insofern meine grosse Differenz zur konkreten Malerei. Die Farbe ist das Konkretum der Malerei mittels einer Struktur (die durch die Pinselführung entsteht). In meiner von mir als konzeptionelle Malerei bezeichneten Kunst wird die Form durch ein wohlausgewogenes, stets im Verhältnis zur Farbe, rational & intuitiv bestimmtes Rechteck begrenzt. Die Farbe erhält dadurch im Verhältnis zu den in ihrer Nachbarschaft angesiedelten Töne eine sie untereinander verbindende gemeinsame Bedingung. Die Abstufungen der Töne untereinander, genauer nebeneinander, differieren minimal und werden je nach Raum in dem sie präsentiert werden, anders gehängt. Der Rhythmus ergibt sich dabei zwangsläufig durch die Farbe (und ihrer Struktur/Form) im Verhältnis zum Raum.
WEIGONI: Es scheint, dass wir in den 90-ern an Sprachdurchfall leiden. Wie kommt bei all dem Letterngeschwätz das Wort zu Wort?
RONCA: Die Auseinandersetzung mit der konkreten & visuellen Poesie führte mich zu einer Grundlagenforschung, wie Schrift entstanden ist und was letztlich das Charakteristikum unserer phonetischen Schrift ist. Dabei trage ich bei meinen Textgrafiken dem Umstand Rechnung, dass die Schrift ein plakatives Medium ist, dass stets ornamental flächig in der Gestaltung ist. Der Reiz, ein zweisprachiges Gedicht zu schreiben, unter besonderer Berücksichtigung der rhythmischen Wiederholungen der Laute, veranlasste mich zu Textgrafiken, in denen die französische und die deutsche Sprache zu einer Sprache werden. Analog die Thematisierung der Schrift in Literatur, ihr grundsätzlich bildlich-plakativer Charakter, der stets ornamental flächig in der Gestaltung ist. Daraus folgend die Thematisierung der Differenz zwischen Zeichen und Begriff; deren Inkongruenz in der visuellen Poesie weniger ein Problem als eine poetische Qualität aufweist. Aber was dem einen das Schwätzen und Plappern, ist ihm das Schwelgen und Schwulstern. Souverän tönt das Ich des Lyrikers aus dem Abgrund des gestaffelten Seins. Hier wird einfach notiert, was die innere Stimme diktiert.
WEIGONI: Im Rahmen des Konzepts oder bleibt es im Fluss?
RONCA: Gerade in der bildenden Kunst zeigt es sich, dass auch komplexe Handlungen ein Konglomerat einzelner mehr oder weniger bewusster Entscheidungen sind, die meistenteils keinem rationalen Plan unterliegen, aber durchaus von einer schwebendem Aufmerksamkeit begleitet werden, die man Denken nennen kann, wenngleich die rasche Entscheidung zugunsten des einen oder andern Pinselstriches der sinnlichen Wahrnehmung untergeordnet ist – die ihrerseits kaum von jenem Denken zu unterscheiden ist, was ich als schwebende Aufmerksamkeit betitelt habe. Aufgrund dessen zeigt sich oftmals die Hinfälligkeit der Trennung zwischen Sinnlichkeit und Rationalität. Die künstlerische Wahrnehmung erprobt sich an ihrem Gegenstand, an ihrem Objekt. Wobei es missverständlich ist, von subjektiver Wahrnehmung zu sprechen. Die Auseinandersetzung mit Bildender Kunst zeigt oft genug, dass das scheinbar Individuelle eine Ansammlung unbewusster Vorbilder ist. Die Funktion des Unbewussten steht hier im Verdacht des Abkupferns. Die blosse rationelle Planung, das scheinbare Gegenstück dazu, wirkt meistenteils unkünstlerisch, da ihr die sinnliche Dimension abgeht und dadurch genauso einem gewissen vorgegebenen Bild des Denkens folgt, das im Verdacht steht, unbewusst vermittelt zu sein.
WEIGONI: Lässt sich das Problem der Wahrnehmung ein wenig ausführen?
RONCA: Man könnte als Beispiel die Fähigkeit erwähnen, Gesichter bereits nach wenigen Begegnungen wiederzuerkennen – also zu identifizieren; oder die Persönlichkeitsstruktur einer anderen Person schon aufgrund eines kurzen Kontaktes zu bestimmen und unter anderem mehr oder weniger treffend zu erraten, wie diese Person unter verschiedenen Bedingungen reagieren wird. Wir können intuitiv, mit blossem Auge, fünf bis sechs Striche erfassen und unterscheiden, Gruppen von 15 bis 16 Strichen können die meisten von uns nur in ihrer exakten Anzahl erfassen und auseinanderhalten, wenn wir sie abzählen. Mit Handlungen verhält es sich ähnlich. Für einfach motorische Handlungen genügt die sinnliche Wahrnehmung. Komplexere Handlungen, wie z.B. der Bau eines Hauses, bedürfen dagegen eines Planes.
WEIGONI: Das, was der Inhalt des Begriffs Poesie ist, ist labil und zeitgebunden, also in Wechselwirkung mit den übrigen Sektoren der sozialen Struktur.
RONCA: Schon, doch die poetische Funktion, die Poetizität, ist ein Element, das nicht auf andere Elemente zurückgeführt werden kann. Was ich hier andeute, ist die Autonomie der ästhetischen Funktion – und diese lässt sich meines Erachtens weder rational bestimmen noch subjektiv-gefühlsmässig erahnen. Ich wähle diese Kunstrichtung nicht bloss als eine Möglichkeit unter anderen Möglichkeiten aus, sondern bin der Überzeugung, dass sie das geeignetste Rüstzeug vorweist, um einen Einstieg bereitzustellen. Anders als etwa der frühe Expressionsimus waren die Vertreter dieser Kunstrichtung immer bemüht und teilweise auch erstaunlich befähigt, ihrer Kunst oder Poesie eine programmatische Beschreibung zu geben.
WEIGONI: Was in den Poststrukturalismus mündete…
RONCA: Individuell sind Gedichte meist nicht in dem Sinne, dass sich die Einzigartigkeit des Sprechers darin zeigte, wie Saussure darlegt: „Wäre die Sprache nicht so sehr auf der Grundlage des gemeinsamen in der menschlichen Natur aufgebaut, so wäre sie auch nicht das geeignete Werkzeug für den allgemeinen Verkehr, umgekehrt, dass sie als solches dient, hat zur notwendigen Konsequenz, dass sie alles rein Individuelle, was sich ihr doch etwa aufzudrängen versucht, zurückstösst. Sie bewahrt und nimmt nichts auf, als was durch die Übereinstimmung einer Anzahl miteinander in Verbindung befindliche Individuen sanktioniert wird.” Die Sprache, schrieb Saussure weiter, ist: „der soziale Teil der menschlichen Rede und ist unabhängig vom Einzelnen, welcher für sich allein sie weder schaffen noch umgestalten kann; sie besteht nur kraft einer Art Kontrakt zwischen den Gliedern der Sprachgemeinschaft.” Als sprachliches Zeichen betrachtet Saussure die Verbindung eines Lautbildes mit einer Vorstellung. Oder, um es in seiner Sprache auszudrücken: die Verbindung eines Signifikanten mit einem Signifikat; also eines Bezeichnenden mit einem Bezeichneten.
WEIGONI: Wenn man von bibliophilen Handpressendrucken absieht, reduziert es sich heutzutage auf die Feststellung: In einem Text wird gelesen…
RONCA: … und somit haben wir es mit grafischen – also visuell vermittelten Zeichen zu tun – während wir im Gespräch Laut und somit akustisch vermittelte Zeichen gebrauchen. Auch die Elemente von Bildern sind visuell vermittelt, sie sind allerdings keine sprachlichen, sondern nichtsprachliche Zeichen.
WEIGONI: Beschränken wir uns vorläufig auf die Problematik des Zeichens von visueller Natur.
RONCA: Die klassische Definition des Zeichen hiess: aliquid pro aliquo (Etwas steht da, für etwas anderes.) Das Zeichen verweist auf etwas, das nicht es selbst ist, sondern etwas ausser ihm ist. Das Zeichen ist so verstanden die Präsenz von etwas Abwesendem. In einem gewissen Sinne kann man auch von der Abwesenheit der Präsenz sprechen.
WEIGONI: Steht ein Zeichen demnach für einen abwesenden Gegenstand oder Sachverhalt?
RONCA: Nach Peirce kann man drei Arten von Zeichen unterscheiden: Symbol, Ikon, Index.
WEIGONI: Zu den einzelnen Begriffen bitte Näheres:
RONCA: Symbole sind Zeichen, deren Beziehung zum Gegenstand willkürlich ist, z.B. die Lautzeichen der menschlichen Sprache, die mit dem Gegenstand nichts zu tu haben, was sich schon daraus ergibt, dass ein gleicher Objektbereich (z.B. die Klasse der Bäume) in verschiedenen Sprachen durch verschiedene Zeichen abgedeckt wird: Baum, arbre, tree.
WEIGONI: Ein Ikon..
RONCA: … ist ein Zeichen, welches eine Beziehung zum Gegenstand durch formale Ähnlichkeit verstärkt: ursprünglich waren dies die ideografischen Systeme bestimmter Sprachen wie z.B. die Hieroglyphen oder die chinesischen Schriftzeichen.
WEIGONI: Ein Index…
RONCA: … ist ein Zeichen, das durch einen natürlichen Zusammenhang, oder wie man zu sagen pflegt, durch ein Ursache-Folge-Verhältnis zum bezeichneten oder gemeinten Gegenstand steht: z.B. Rauch als Zeichen für Feuer, Torkeln als Zeichen für Trunkenheit etc.
WEIGONI: Gibt es in der Sprache nach der Rechtschreibreform noch ein Ampelmännchen oder lösen sich die Konventionen jetzt auf?
RONCA: Während die Beziehung zwischen dem Zeichen und einem Gegenstand verschiedenartig sein kann, ist die Beziehung zwischen Zeichenform und Zeicheninhalt eine zwar notwendige, aber nichtsdestoweniger willkürliche. Die Zeichenform ist durch den Inhalt in keiner Weise bestimmt. Die an sich willkürliche Bedeutung ist durch eine Abmachung stabilisiert. Damit ist keine private, sondern eine gesellschaftliche Abmachung gemeint, die als sprachliche Regel oder gesellschaftliche Norm zur Kultur einer Gesellschaft gehört, von allen Angehörigen erlernt wird und für alle verbindlich ist und sie von Angehörigen einer anderen Kultur, in welcher andere Regeln gelten, unterscheidet.
WEIGONI: Beginnt mit dem 21. Jahrhundert das Zeitalter der digitalen Sprache, der autorlosen Worte?

… lautete die letzte Frage in diesem Kollegengespräch, die André Ronca nicht mehr beantworten konnte. Am 17. Februar 1997 starb er durch einen tragischen Unfall.

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Aus Recherchegründen hat der vordenker die Kollegengespräche  ins Netz gestellt. Sie können hier abgerufen werden. Die Kulturnotizen (KUNO) haben diese Reihe in loser Folge ab 2011 fortgesetzt.

Einen Essay zu dieser Reihe finden Sie hier.