Ein Monument vokaler Ausdruckskraft

Während Traditionalisten der 1990er-Jahre versuchten, den Jazz in ein museales Korsett zu zwängen, schuf Cassandra Wilson ein zeitloses Werk von rauer, erdiger Schönheit. Das Album fusioniert Jazz-Improvisation mit Blues, Folk, Country und Pop und beweist, dass tiefgründige Innovation oft in der Reduktion und der Rückkehr zu den musikalischen Wurzeln liegt.

Der eindringliche Charakter des Albums zeigt sich in seiner ungewöhnlichen Klanglandschaft. Statt der im Jazz üblichen Dominanz von Klavier und Bläsern setzt Wilson auf akustische Saiteninstrumente. Gitarren, Banjos und Mandolinen prägen den erdigen Sound. Perkussion und Kontrabass ersetzen das klassische Schlagzeug.

Die rauchige, tiefe Kontraalt-Stimme von Cassandra Wilson steht im Zentrum. Diese bewusste Reduktion schafft einen weiten, atmosphärischen Raum. Jede Note atmet. Die Musik schmiegt sich an Wilsons Stimme, anstatt sie zu erdrücken, wodurch eine fast hypnotische Intimität entsteht.

Der Charme von „New Moon Daughter“ liegt in Wilsons radikalen Neuinterpretationen fremden Materials. Sie eignet sich Songs aus völlig unterschiedlichen Welten an und gießt sie in ihre eigene, nächtliche Ästhetik. Sie transformiert U2s Stadion-Rock-Hymne „Love Is Blindness“ in ein schmerzhaftes, minimalistisches Klagelied. Hank Williams’ Country-Klassiker „I’m So Lonesome I Could Cry“ verliert seine typische Träne im Knopfloch und gewinnt stattdessen eine existenzielle, bluesgetränkte Tiefe. Selbst vor dem ikonischen „Strange Fruit“ schreckt Wilson nicht zurück. Wo Billie Holiday historischen Horror anklagte, wählt Wilson eine schleppende, fast geisterhafte Performance, die den Rassismus als ein noch immer unbewältigtes Trauma der amerikanischen Psyche spürbar macht.

Das Album ist tief im amerikanischen Süden verwurzelt. Als Tochter eines Jazzgitarristen aus Mississippi nutzt Wilson den Blues nicht als starres Formschema, sondern als spirituelles Fundament. „New Moon Daughter“ feiert die Black Americana, indem es die afrodiasporischen Linien nachzeichnet, die Folk, Country und Blues miteinander verbinden. Wilson singt nicht nur Lieder; sie betreibt musikalische Archäologie. Der Titel des Albums beschreibt perfekt diesen Zustand: Er steht für Erneuerung, Weiblichkeit und das Licht, das aus der tiefsten Dunkelheit geboren wird.

 

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New Moon DaughterCassandra Wilson. Blue Note, 1995.

Weiterführend Der Musikkritiker Ben Watson bezeichnet Zappas Mothers of Invention als „politisch wirksamste musikalische Kraft seit Bertolt Brecht und Kurt Weill“ wegen deren radikalem, aktuellen Bezug auf die negativen Aspekte der Massengesellschaft. So besehen war Frank Zappa neben Carla Bleys Escalator Over The Hill einer der bedeutendsten und prägendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die Komponistin führt uns vor Ohren, dass Improvisation ein gesellschaftspolitisches Idealmodell ist. Andere Nebenwege starten mit der Graham Bond Organisation, dem Blues… und diese Abwege münden in suitenartigen Kompositionen. Musikalisch konnte man seinerzeit auch Traffic nicht genau einordnen. „Extrapolation gilt heute als eines der klassischen Alben des britischen Jazz, auf dem „Jazz und Rock paradigmatisch fusioniert“ werden.“, schrieb Ulrich Kurth. Das Album dürfte neben Hot Rats von FZ für den Beginn des Jazz-Rock stehen.Es ist eine einzigartige Fusion so vieler unterschiedlicher Stile, was die eine Hälfte der Freude ausmacht; die andere Hälfte ist das Mysterium, wie es die Combo mit den wechselnden Besetzungen von Anfang bis Ende so wunderbar hinbekommt. Wenn man bedenkt, wie frei von allen Konventionen Soft Machine aus Canterbury klang, seit sie den Titel des Cut-up-Romans von William S. Burroughs angenommen hatte, hätte der Pate ihre Hinwendung zu den sich wandelnden Jazzformen zu Beginn der 1970er Jahre wahrscheinlich begrüßt. Fast alles, woran Steve Winwood beteiligt war, hatte etwas für sich, aber in all den Jahren hatte er seine besten Momente mit Traffic, mit zeitlichem Abstand lässt sich hören, wie gut diese Musik gealtert ist. Zu hören ist auch auf „Bitches Brew“ ein kollektives Musizieren, das Miles Davis als einen Komponisten erweist, der individuelle Freiheit mit respektvollem Zuhören vereint. Aus dem schillernden Klangbild der Lounge Lizards brechen reizvolle Statements hervor. Anton Fier belebt ein groovendes Energiefeld mit abstrakter Vieldeutigkeit. Spannend sind John Luries freidenkerische Dekonstruktionen der Jazz-Strukturen; Fake Jazz erscheint plötzlich als das Eigentliche!