Eine Chronotransduction

Carla Bley löst souverän den  alten Antagonismus von Emotionalität und Form auf, indem sie das Sinnliche intellektuell überhöht und die Abstraktion mit einer großen Portion Gefühl anreichert.

Harry Lachner

 

Escalator over the Hill von Carla Bley wird als Jazzoper bezeichnet; zu Recht? Veröffentlicht wurde die Jahrhundertaufnahme des Jazz im Frühjahr 1972 mit dem Untertitel „Chronotransduction“ mit „Worten von Paul Haines, Adaptation und Musik von Carla Bley, Produktion und Koordination von Michael Mantler“, gespielt von einer Vielzahl namhafter Musiker aus (Free) Jazz, Rock und Pop, unter anderem auch aus dem Jazz Composer’s Orchestra (JCOA).

„It’s again, and again, and again…“ – so lauten die ersten und die letzten Worte in Carla Bleys „Escalator Over The Hill“. Somit erscheint uns diese Oper nach Texten des Dichters Paul Haines als ein ewiger Zyklus, ohne Beginn, ohne Abschluss, ein endloses Band, verrätselt und vielschichtig wie „Finnegans Wake“, jenes Buch aller Bücher, dessen „riverrun“ Einstieg, Mitte und Schlusswort zugleich ist. Die von Carla Bleys damals in Indien lebendem guten Freund Paul Haines verfassten Texte liefern kein für eine Oper mit fortlaufender Handlung geeignetes Libretto, sondern sind eher surreale Poesie. Erzählt wird eine Geschichte über das dadaistische Leben von Ginger, David, Calliope Bill, Jack und vielen anderen in einem Hotel in Indien.

Was bei Carla Bley zählte, waren die Untertöne und Zwischentöne, vielleicht auch die gar nicht gespielten, aber eigentlich gemeinten Töne. Escalator Over The Hill wurde in einer gigantischen Anstrengung, einem langanhaltenden Anfall kreativen Slidens und musikalischer Weltrevolte über einen Zeitraum von drei Jahren – zwischen 1968 und 1971 – hinweg aufgenommen. Dieses zweistündige, sich über 6 LP-Seiten erstreckende Konzeptalbum, besitzt einen Stellenwert für den Jazz der siebziger Jahre, der nur vergleichbar ist mit dem Rang, den das Beach Boys Album Smile für die Popmusik besitzt. Die Erschütterungen waren programmatisch. Denn zum ersten Mal präsentierte sich ein Album in der vom Begriff der Authentizität verstrahlten Jazzlandschaft als reines Artefakt; als ein waghalsiges und fragiles Konzept, das zu Recht vor dem Licht der Bühne zurückschreckte und sich damit begnügte, ein Studioprodukt ohne Anspruch auf Aufführbarkeit zu bleiben.

Bei den Aufnahmen zu „Escalator over the Hill“, ein Werk, das sie Chronotransduktion nannte – „Ich habe vergessen, was das bedeutet, schlag im Wörterbuch nach oder nenn es einfach Oper“ –, hat Carla Bley ein abenteuerliches Ensemble geleitet. Linda Ronstadt singt eine Doppelarie mit dem Kontrabassisten Charlie Haden, begleitet von dem Saxophonisten Gato Barbieri, dem Jazzrockgitarristen John McLaughlin und dem Free-Jazz-Klarinettisten Perry Robinson. Mit diesem Werk hat sich Jazz zum ersten Mal einen künstlichen Raum geschaffen, wies eine Musik erstmals über sämtliche bis dato gepflegten Bedingungen und Ideologien, Restriktionen und Mißverständnisse hinaus. Musikalisch war Escalator Over The Hill, das seine endgültige Gestalt erst am Schneidetisch erhielt, ein Monstrum an Kreativität: ein Schnitt durch die Welt sämtlicher Spielarten der Musik zu einer Zeit, als der Begriff Polystilistik noch nicht inflationär grassiert, als man noch nicht von Stilpluralismus oder postmoderner Ironie daherfabulierte. In diesem musikalischen Fiebertraum, der nicht mehr den alten Gesetzmäßigkeiten von Komposition und Improvisation zu folgen wagte, der sich um den Genre-Begriff so wenig scherte wie um die Gesetze des Marktes, trafen Rock-Elemente mit Vaudeville-Anflügen zusammen, rieb sich klassische indische Musik an den am Jazz reflektierten und gebrochenen Klangvorstellungen der zeitgenössischen Musik und verschmolz Beatnik-Attitüde mit amerikanischen Alltags-Surrealismen.

Die vielen unterschiedlichen an der Originalaufnahme kollektiv beteiligten Musiker agieren in verschiedenen Kombinationen und decken dabei ein weites Spektrum musikalischer Ausdrucksformen ab: Klänge, die an die Theatermusik Kurt Weills erinnern, Free Jazz, Rock, Weltmusik (auch wenn dieser Begriff damals noch nicht existierte) – eine Collage aus den unterschiedlichsten Stilen der populären Musik oder, wie ein englischsprachiger Kritiker formuliert, „eine Zusammenfassung großer Teile der kreativen Energie, die von 1968 bis 1972 vorhanden war“.

Die Liste der beteiligten Musiker zeigt, was Carla Bley hier an Stilrichtungen versammelt hat: neben den Jazzmusikern Roswell Rudd, Gato Barbieri, Charlie Haden, Don Cherry, Enrico Rava, Jimmy Knepper, Jimmy Lyons, Paul Motian,  Howard Johnson, Sheila Jordan, Bob Stewart, Jeanne Lee, John McLaughlin finden sich Don Preston, der Bassist der Rockgruppe Cream Jack Bruce, die Warhol-Schauspielerin Viva, die Country-Sängerin Linda Ronstadt – und viele andere mehr. Carla Bley gelang mit den raffinierten Arrangements, diese unterschiedlichsten Stilmomente zu bündeln, kontrastiv gegeneinander zu setzen und teilweise auch zu synthetisieren. Man hatte in jener Zeit bereits damit begonnen, Mischformen quer durch alle Stile und Genres zu suchen.

Anders als im 21. Jahrhundert, wo es kein Wagnis sei, in einer Oper Jazz, Rock, Country, indische Musik, Hipsterlyrik und Ausbrüche freier Improvisation zu kombinieren, sei dies 1970 unvorstellbar gewesen. Dies stellt John Fordham von The Guardian zu Beginn seiner Würdigung des Albums als eines der fünfzig wichtigsten Jazzalben fest. Ohne finanzielle Unterstützung oder Produktionshilfe durch eine Plattenfirma habe Bley diese Jazzoper eingespielt. Carla Bley war klug genug, nichts zu verwässern oder zu relativieren; und so ließ sie Dinge gelassen nebeneinander stehen, die ihre Spannung erst aus der Konfrontation mit anderen heraus erhielten, aus Kontrasten, harschen Brüchen und unerwarteten Ausschreitungen gegen den klassischen Jazz-Kanon. Beispielsweise setzte sie programmatisch eine „akustische“ gegen eine „elektrische“ Band – ein ironischer Reflex auf Ornette Colemans „Free Jazz“-Konzept, bei dem zwei Quartette mit- und gegeneinander spielten. Bei “ Escalator Over The Hill“ gestaltet Bley daraus ein subtil ironisches Spiel mit Einmischungen, Ein- und Widersprüchen, gezielten Abirrungen. Sie lässt die Erwartung nicht ins Leere laufen – sie übertrumpft sie auf immer absurdere und unerwartete Weise. Das gipfelt schließlich in der Weigerung, sich den Gesetzmäßigkeiten jeglicher Genres zu unterwerfen: erlaubt ist alles, was das Denken und die Emphase befeuert.

Trevor MacLaren betont für All About Jazz das Wagnis Bleys, als ihre Debütveröffentlichung unter eigenem Namen gleich ein Triplealbum vorzulegen. Dieses Album sei ein Konzeptalbum, aber doch ein typisches Kind seiner Zeit, auch wenn es die Fusion zwischen Jazz und Rock noch nicht zum Abschluss gebracht hätte. Doch dieses Werk sei eine der einzigartigsten Platten, die in der modernen Musik je entstanden sei; es klinge wie keine andere Jazzplatte.

Jürgen Schwab stellt 1998 für Rondo zur Wiederveröffentlichung auf CD fest, dass Escalator over the Hill „heutzutage als zeitgeschichtliches Dokument gehört werden“ kann: „Eine schier grenzenlose musikalische Experimentier- und Abenteuerlust wischt Stil- und Genregrenzen mit faszinierender Unbekümmertheit weg – und das, lange bevor der Begriff Multistilistik zum modischen Schlagwort wurde.“

Die Originalausgabe war ein Karton mit drei Langspielplatten und einem umfangreichen Beiheft, das den gesamten Text, Fotos und ausführliche Informationen zur Besetzung aller Stücke enthielt. Die letzte der insgesamt sechs LP-Seiten endete in einer Endlosrille, sodass das letzte Stück … And It’s Again in ein endloses Summen wie von einem entfernten Insektenschwarm überging, das durch Abschalten des Plattenspielers beendet werden musste. Darauf müssen wir bei der hervorragend edierten CD verzichten, werden dafür mit einem Meisterwerk entschädigt, dem der Staub aus den Ritzen gepustet wurde.

 

 

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Escalator Over The Hill, Carla Bley. „Chronotransduction“ mit Worten von Paul Haines, Adaptation und Musik von Carla Bley, Produktion und Koordination von Michael Mantler. JCOA Records. Rec. 1968 – 1971 – Remastered auf CD 1998

Weiterführend → Der Musikkritiker Ben Watson bezeichnet „Zappas Mothers of Invention“ als „politisch wirksamste musikalische Kraft seit Bertolt Brecht und Kurt Weill“ wegen deren radikalem, aktuellen Bezug auf die negativen Aspekte der Massengesellschaft. So besehen war Frank Zappa neben Carla Bley einer der bedeutendsten und prägendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts.