Jaguar

 

Mit der ihm eigenen Neigung, durch konzentrierte Verwirr-Spiele rätselratende und verunsicherte Leser zu hinterlassen, versucht A.J. Weigoni mit Jaguar seiner geübten Manier treu zu bleiben.

Man kommt an dieser Stelle nicht umhin, jener Mischung aus Persiflage, bissigem Zynismus und dem gleichzeitig mit unverfrorener Schlitzohrigkeit kredenztem Nonsens Respakt und Anerkennung zu zollen.

Denn bei aller augenscheinlichen Leichtfüßigkeit jongliert Weigoni seine vordergründigen Comiv-Sequenzen auf hohem Niveau, das uneingeschränkte Konzentration erfordert und bei dem sich noch so gering erachtetes Abschweifen rächt.

Geschickt legt der Autor seine Fangarme um den Leser, lockt mit „Gossenroman“ und „nervenaufreibendem Crimocomic“. Dabei spürt man geradezu die sich Weigoni – in der Interpretationsmisere, in der er Rezensentem und sonstigeBeschwerdeführer gelockt zu haben glaubt – vor Vergügen gönnt.

So man die Titulierung „Roman“ überhaupt akzeptieren gewillt und bereits ist, sucht der Leser vergeblich nach einer ausgefeilten Story, hechelt mit kriminalistischem Spürsinn hinter der ernsthaften, spannungsgeladenen Abfolge her, um dann konstatieren zu müssen: eine solche war werder geplant, noch hätte sie bei Weigoni Sinn gemacht. Nicht einmal für ein kleines Psychotraktätchen konnte er sich erwärmen.

Nein, bei genauer Betrachtung ist es die Sprachdisziplin, sind es die Wortformenund deren Satzgefüge, indie der Autor seine vermeintlich kriminalistische-literarischen Umtriebe eintaucht. Mit einer geradezu pedantischen Besessenheit, strotzenden Kenntnos elementarer Sprachlehre, treibt er den Handlungsablauf vor sich her, und stünde das „ende“ nicht schwerz auf weiß, man wäre geneigt selbigem auch noch zu mißtrauen.

Wer such auf Weigonis Jaguar einläßt, sollte, gerade bei Vorliebe für klat abgesteckte Gundmuster und überschaubare Abläufe von diesem „Reißer“ gewarnt sein. Der Genuß dieses „Comic“ ist nicht beschreibbar, er liebt im Elementaren.

 

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Jaguar, von A.J. Weigoni. Krash-Verlag, Köln, 1989

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Das erste Heft dieser Reihe, die Erzählung Jaguar, überarbeitete A.J. Weigoni als Neo-Noir-Novelle Der McGuffin – Nachruf auf den Kriminalroman für den Novellenband Cyberspasz, a real virtuality. Edition Das Labor 2012

Ein weiteren Artikel zum Gossenheft Monster finden Sie hier, die Stories in diesem vergriffenen Band waren die Entwurfsskizzen, aus denen dieser Romancier die Erzählungen für den Band Zombies entwickelt hat. Weiterführende Links: Kultura-extra, nrhz, fixpoetry

Coverphoto: Anja Roth

Die erwähnten Gossenhefte sind vergriffen und werden unter Sammlern für Preise um 20,- Euro gehandelt. Die sorgsam edierten Erzählungen und Novellen von A.J. Weigoni sind in einer Werkedition erhältlich:

Cyberspasz, a real virtuality, Novellen von A. J. Weigoni, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2012.

Zombies, Erzählungen von A. J. Weigoni, Edition Das La­bor, Mülheim an der Ruhr 2010.

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In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsmöglichkeiten von populärkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay Perlen des Trash stellt diese Reihe ausführlich vor. Dem Begriff Trash haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer öffentlichen Institution. Daher sei sei Enno Stahls fulminantes Zeitdokument Deutscher Trash ebenso eindrücklich empfohlen wie Heiner Links Vorwort zum Band Trash-Piloten.

 

Quelle: Diese Rezension von Bruno Runzheimer erschien in impressum 9/89, Botrop