Der Dichter, den es nicht gab

4. August 2012
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Vor 60 Jahren wurde im Düsseldorfer Eugen Diederichs Verlag unter dem Titel Ich schreibe mein Herz in den Staub der Straße ein kleiner Lyrikband veröffentlicht, der mit seinen 48 Seiten zu einem der erfolgreichsten deutschen Gedichtbücher der frühen Nachkriegszeit werden sollte. Bis 1955 erreichte er acht Auflagen mit insgesamt 21 000 Exemplaren.

Sein angeblich in Indochina verschollener Autor George Forestier erntete nicht nur großes Lob von Gottfried Benn und Karl Krolow, sondern wurde auch von manchen Literaturkritikern als erstrangige lyrische Begabung gefeiert. So schrieb die FAZ, die vorab einige Gedichte aus dem Band abgedruckt hatte, daß Forestier durch alle Stationen des Kreuzwegs seiner Generation die  unruhvolle Genialität des Abendlandes gelebt und gedichtet  habe. Und die Frankfurter Abendpost meinte, Forestier habe alles getan, was ein Mensch von heute für die Lyrik tun kann.

Daß Dichterkollegen, Literaturkritiker und zahlreiche Leser sich offenbar für Verse wie Wenn die Lotosknospe springt, / knallt im Dorf die Handgranate. / Wenn der junge Bambus blüht, / werden die Kanonen reden … begeistern konnten, dürfte in erster Linie auf die Biographie des Autors zurückzuführen sein. George Forestier, der 1921 als Sohn eines Franzosen und einer Deutschen geboren worden war und im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Nazis gekämpft hatte, trat nach Kriegsende in die Fremdenlegion ein und wurde nach Indochina geschickt, wo sich 1951 seine Spur verlor. Vorher hatte er einem Kameraden noch eine Kladde mit Gedichten übergeben..

Schöner kann man die Biographie eines ›Frühvollendeten‹ kaum erfinden. Daß der deutsch-französische Poet George Forestier, der gar mit Rimbaud verglichen wurde, nie existiert hat, wurde 1955 bekannt. Der Verfasser der expressionistisch angehauchten Lyrik war in Wirklichkeit ein Düsseldorfer, der zum Zeitpunkt des Erscheinens von Ich schreibe mein Herz in den Staub der Straße als Herstellungsleiter beim Eugen Diederichs Verlag arbeitete. Unter seinem richtigen Namen Karl Emerich Krämer veröffentlichte er bis zu seinem Tod im Jahre 1987 noch zahlreiche Bücher, die jedoch von der überregionalen Literaturkritik weitgehend unbeachtet geblieben sind – wie auch weitere Bände des von ihm erfundenen Indochinakämpfers.

Inzwischen ist Gras über die Gedichte George Forestiers gewachsen, der, so Michael Buselmeier im Jahre 2002, mit schiefen Metaphern ein trübes Gebräu aus Motiven wie Einsamkeit, große weite Welt, käufliche Liebe und Alkohol angerührt habe, das ihn an Freddy Quinns Erfolgsschlager Brennend heißer Wüstensand erinnere. Einen bescheidenen Nachruhm hat er lediglich dem Umstand zu verdanken, daß es ihn nicht gegeben hat und die Enthüllung des wahren Verfassers 1955 einen Skandal auslöste.

Übrigens ist Karl Emerich Krämer nie in Indochina gewesen, was ihn zu der Bemerkung veranlaßte, daß Dante auch nicht in der Hölle gewesen sei. Ein Blender oder nur ein gewitzter Düsseldorfer, der in den frühen fünfziger Jahren mit seiner Marketing-Strategie vom verschollenen Fremdenlegionär und Jungpoeten vorübergehend erfolgreich war?

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