TUNDRALIEDER 1-4

7. Februar 2018
Von

 

1

An meinen rippen sägt dreckiger schnee

Mama der himmel ist weg

Du wirfst mich runter   gut ich geh

Es hat ja doch keinen zweck

 

O der scharfe eisige wind

brüllt alles blind

 

Wann gibt das ewige tosen ruh

wann ist die welt wieder rein

Ich hab ein messer aus harsch im schuh

und den trockenen brand im bein

 

O der scharfe eisige wind

brüllt alles blind

 

Keiner von uns hat die stadt gesehn

die summende stadt auf dem sabbatberg

wo sich die feinen gebetsmühlen drehn

und der staub ruht aus von seinem werk

 

Ich friere das feuer auf deinen mund

Er wartet draußen nicht wahr

in fauchender frühe am sternengrund

im weißen januar

 

O der scharfe eisige wind

brüllt alles blind

 

2

Gehn wir unter den stürmen

hohen stürmen hin

treten wir zu den türmen

rohen türmen hin

 

sturm und schnee

vom sumpf bis über die see

 

Laufen wir in den stauben

mauern gefräster zeit

fliegen wir im glauben

an die gelegenheit

 

sturm und schnee

vom sumpf bis über die see

 

Schleifen wir uns in lüften

hageren lüften vor

stemmen wir die hüften

magere hüften vor

 

sturm und schnee

vom sumpf bis über die see

 

Kommen wir in die städte

jeder fetzen ein mann

werfen wir die geräte

schrägen todes an

 

sturm und schnee

vom sumpf bis über die see

 

3

Es läuft ein sturm von land zu land

von ort zu ort

Er treibt den wurm mit nasser hand

nur fort nur fort

Die einen rollen die kinder ein

in sichern ort

Die andern wolln gerüstet sein

und treiben sport

Da steht der sturm auf einmal still

auf schiffes bord

Sagt einer: Turm! sagt einer: Kill!

sagt einer: Dort —

 

4

Mama was sind deine zähne so lang

und deine rippen so blau

Mama das ist hier der abschiebegang

Dein haar ist stahlwollegrau

 

O die sturmklinge schreit

uns die haut vom gesicht mit der zeit

 

Schwester ich schneid dir die sulatsch* raus

Die männer sind kalt wie fisch

Schwester wir kommen zum kühlschrank nach haus

Da bleibt sie allezeit frisch

 

O die sturmklinge schabt

alles wofür ihr gebetet habt

 

Papa hier drinnen ist es leer

Was wenn der himmel kracht

Papa ich halt dich   ich kann nicht mehr

Du bist so schwer wie die nacht

 

O die sturmklinge saust

Eure knochen in meiner faust

 

Bruder der in der vorbirne saß

geboren in leichener ruh

Bruder erbitt uns den irdischen fraß

Und schweig denn satt bist du

 

O die sturmklinge kreist

Und die sümpfe sind schwarz vereist

 

Mädchen komm mit oder bleib zurück

Faulen wirst du hier

Mädchen ich wärm dir dein bestes stück

Und ich geb dir mein schnellstes tier

 

O die sturmklinge schreit

Schließ die augen sie schlürft die zeit

O die sturmklinge schreit

uns aus der zeit

 

 

***

 

Rohlieder I – X von HEL, KUNO 2018

HEL ist bekannt als Herausgeber neuer Talente im „literarischen Underground“ und Publizist gesellschaftskritischer Lyrik sowie Essays. Nach dem Zyklus Zeitgefährten, die zwischen 1977 – 2008 entstanden sind, veröffentlicht KUNO die Reihe Rohlieder I – X, die dank Caroline Hartge neu ediert worden sind. In diesen Gedichten spürt HEL das Existenzielle im vermeintlich Banalen auf. Er hat es hat es nicht nötig, Fiktion zu erfinden … die Fiktion existiert bereits.

Weiterführend →

Eine Würdigung von HEL findet sich hier. Eine faszinierend langer Briefwechsel zwischen Ulrich Bergmann und HEL findet sich hier. Eine Hörprobe des Autors findet sich auf MetaPhon.

 

Anmerkung:

sulatsch = „belg. soulage = gosse, rinne, arsch“

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