Zeit Rhythmus Alarm – Zu den Gedichten Julia Dathes

13. Januar 2018
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Nach langem Leugnen räume ich mein Gedächtnis wieder ein

Ein Ausblick, ach welch Winkschaden, steht ein Reh auf der Wiese.

Die Wolken über der Stadt tragen Rot und Gelb statt Wetter, na sowas

auch ein sattes Grün ist mit von der Partie und ich frage mich

wie oft wurden in letzter Zeit die Heuballen gewendet.

Julia Dathe ist in Leipzig geboren, hat, an der Hand ihrer Eltern in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts die Stadt verlassen, um zehn Jahre später in eine vollkommen veränderte Stadt zurückzukehren.

Eine Zeitschleife, ein Loop. Einerseits und andereraeits ein Unterschied ums ganze. Ein Spiegelung mit veränderten Konstellationen im Abbild. Paradox wie jede Kunst.

Die Baggerlöcher der Umgebung wurden geflutet, der Salzkohlegeruch, der im Winter zwischen den bröckelnden Fassaden lag, war abgezogen und die Fassaden selbst waren durch neue strahlende ersetzt worden. Freiflächen wurden bebaut.

Geschichte schien nurmehr noch als Echo wahrnehmbar, als Klang, der zwischen rekonstruierten Mauern hin und her springt. Die Töne aber, die es nun zu entdecken gilt sind neu, aber sie sind auch Reflex. Jede Kunst, und so auch Dathes Dichtung, versucht sich fast unwillkürlich aus Überkommenen zu lösen, und bleibt damit doch auch immer verstrickt.

Der vorliegende Band ist ein Konzeptalbum. Diese Analogie zur klassischen Rockmusik sei hier erlaubt, und zwar in doppelter Hinsicht. Einerseits ist es die musikalische Struktur der Texte, die tradierte Harmonik an ihre Grenzen treibt und über diese hinaus. Zweilen scheinen sie aus einer dystopischen Zukunft zurückzuklingen. Vor allem im ersten Zyklus Bandes des wird das erfahrbar. Motive werden enggeführt.

Es sind die Einzelgedichte, die sich nicht mit sich selbst begnügen, die jeweils ein Tor aufstoßen zum nächsten Gedicht. Wie eben die Stücke auf einer Langspielplatte auf Vinyl sich voneinander absetzen, jedoch auf einer Rille aufreihen. Und die Abtastnadel bringt neben den Stücken Effekte hervor, die den satten Klang analoger Aufnahmetechnik ausmachen. Störgeräusche.

Einerseits ist da der Garten, scheinbar der Ruheraum des Kleinbürgers, in dem er lautlich sich zurücknimmt, um den Klang der Vögel nicht zu stören, aber Störgeräusche klingen eben über und durch den Zaun. Geschepper. Megaphonklänge, Polizei- und Demonstrantenrufe.

Das „Sei leis Liebes“ erfährt derart eine Drehung vom Appell, einem Singvogel zu lauschen,  hin zu dem Geflüster in einer  eine bedrohlichen Situation. In beiden gilt es, unentdeckt zu bleiben.

Der dritte Zyklus des Bandes jedoch verfährt anders, Gegenteilig geradezu. Aber auch er bedient sich einer musikalischen Form. Er reduziert das Material auf wenige Worte. Minimalpoetry könnte man das nennen, denn die Permutationen generieren Text, der weit über das hinausweist, was in der einfachen Konstellation steckt. Jede Wiederholung ist eben auch eine Verschiebung. Und er feiert diese Paradoxie.

„Weil nichts gleich ist, weil alles in seine Differenz getaucht ist, in seine Unähnlichkeit und seine Ungleichheit, sogar zu sich selbst – darum kehrt alles wieder.“ Das formuliert der französische Philosoph Gilles Deleuze in Rekurs auf Friedrich Nietzsche und findet sich in diesem Band bestätigt.

***

1, Gedichte von Julia Dathe, Elif Verlag

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