Wolken im Fluss

27. August 2017
Von

… Steckbrief …:
Name:
David Krause
Alter: 26
Interessen und Hobbies: Reisen, tanzen gehen (Salsa und Tango Argentino), mit Freunden ausgehen (vor allem Karaoke-Abende!), Lesen (vor allem gute Lyrik), singen, kochen, Konzerte, Museen, Lesungen, sinnlos in der Gegend spazieren, sinnlos in der Gegend herumfahren, thailändisches Essen, indisches Essen, koreanisches Essen, essen.
Meine Lieblingsreiseorte: Die USA (mittlerer Westen, Miami, Key West, New York), die Karibik, Paris, Mallorca, Wolkenstein in Südtirol
Meine Lieblingsbücher: John Steinbecks „Jenseits von Eden“, Herta Müllers „Atemschaukel“, Rolf Dieter Brinkmanns „Westwärts 1&2“
Meine Lieblingsfarbe: Blau. Am Liebsten so ein Morgendämmerungsblau, darf aber auch gerne noch blauer sein!
Meine Lieblingsmusik: Jazz (John Coltrane, Miles Davis und alles, was gut ist und nicht Dixieland), Pink Floyd, Salsa, Tangomusik, BAP
Meine Lieblingstiere: Igel und Katzen. Unter den Katzen ist wiederum mein Kater Anton unübertroffen. Kater nach Parties mag ich hingegen nicht so gerne. Haha.
Meine Lieblingsfilme: Into the Wild, American Beauty, The Birdcage, Die nackte Kanone, Der seltsame Fall des Benjamin Button, Der englische Patient, Matrix
Mein Lieblingsessen: Selbstgemachtes indisches Madras-Curry. Gerade erst gelernt und direkt fast in Ohnmacht gefallen. Mettbrötchen mit Kölsch sind aber auch unschlagbar, ebenso wie mein Lieblingsthailänder, das „Karibik“ am Kölner Rheinufer.
Meine Berufung: Das Schreiben
Mein Beruf: Demnächst Lehrer für die Fächer Deutsch und Englisch
Meine Lieblingssprüche: „Sometimes it is important in life not necessarily to be strong but to feel strong“ (Christopher McCandless), „Ding Dong, die Hex ist tot, die Hex ist tot, sie isst kein Brot (Sam in „Die nackte Kanone“), „Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt“ (chinesisches Sprichwort), „Wenn dein Pferd tot ist, steig ab“ (indianisches Sprichwort), das gesamte Kölsche Grundgesetz

Das war 2014, vor drei Jahren. Da war David Krause noch unbefangen unberühmt. Seine Seele erscheint leicht, er liebt die geistigen Genüsse, das Essen nimmt einen breiten Raum ein. Bei den musischen Interessen fehlen die ganz schweren Gewichte, abgesehen zum Beispiel von Herta Müllers „Atemschaukel“, aber auch hier überwiegen das sprachliche Spiel und der metaphorische Rhythmus die Härte der erzählten Wirklichkeit. David Krause liebt Nuancen, das zeigt seine Liebe zu Rolf Dieter Brinkmanns Prosa und Lyrik. Das Naive bewahrt sich der junge David Krause, er braucht es auch als Lyriker, und er zeigt es in den subtilen Brechungen seiner Gedichte.

Natürlich reift er weiter, ist im Fluss – ist selber ein Fluss. Das steht ja vielleicht schon im Titel des Gedichtbands. Und meint auch: Ich nähere mich mir selber, ich versuche mich zu erkennen, sozusagen en passant in meinen Versen, im Vorbeigehen an mir selber. Wie die Wolken im ersten Gedicht – wo sich einer erinnert, Erinnerung beschreibt für ein einziges Ich und zugleich für viele Ichs. In der Kindheit spürt keiner sich als Fluss, das kommt dann mit den ersten Reflexionen und Erinnerungen: Die Kindheit war ein Bett, das merkt man später – vielleicht spürt ein Kind, dass es schwimmt, aber es weiß noch nicht, wohin, es wird getragen von Haus und Garten, Vater und Mutter, vom Spiel, und mit der Soldatenfigur geht es in alle Richtungen und Abenteuer, wie in den Büchern. Allmählich ahnt man die eigene Geschwindigkeit, wenn man den Kopf hebt und hinauf schaut zum Himmel, da treiben die Wolken und bilden Muster und Gestalten, aber man läuft auch selber dem Himmel davon, ziellos und doch voller Wünsche, „und es ticken die Nadeln, die Uhren, die Zähne“ – du staunst über die Messbarkeit und die Unwägbarkeit der Zeit, du kommst zu früh oder zu spät, du langweilst dich, du merkst, es wird Morgen und Abend, es gibt Winter und Sommer, es gibt Schmerzen, du stößt mit der Wirklichkeit zusammen, das tut weh … jetzt gibt es das, was es erst gar nicht gab: einen Fluss, in dem du stehst und schwimmst oder untergehst, jetzt sind die zweiten Zähne endgültig, jetzt gibt es dich, du merkst es langsam: deine Kindheit aber gibt es nicht mehr so wie sie mal war, jetzt ist der Fluss da, du musst schwimmen, mitschwimmen, selber schwimmen, ans rettende Ufer, aber an welches?, du musst dich ab und zu schon mal entscheiden. In den letzten Versen das dialektische Doppelspiel: „Es gibt mich, …, nicht mehr |den Fluss, …“ Denn der Fluss bin ich ja jetzt selber, im übertragenen Sinn, und das ist mein Ort, aber auch der Ort ist nur ein Ort, der sich ändert, weil ich mich ändere.

So einfach kommen die Worte und Verse daher, als gäbe es da keinen Wolkenschieber, keinen Wind, keinen Wettermacher – aber das täuscht. Das zweite Gedicht (Farben) reflektiert das Zusammensein mit einem Du; kein Bild kann es beschreiben, alles ist auch hier im Fluss: „… das Papier, das uns hält, | wird Wellen schlagen.“ Im nächsten Gedicht (Wellen) zeigt sich, dass keine Beschreibung hält, und was als Welle irgendwann einmal begann, endet nun, ist vorbei – erst der Tod, oder allgemeiner: das Ende einer Bewegung, wird beschreibbar, aber dann lebt nichts mehr, es sagt uns nichts. Wo schon die Bewegung selbst uns kaum etwas sagt, wo „alles in allem verschwindet.“ (Schilf)

In den folgenden Gedichten wird die Flussmetapher immer wieder mal aufgenommen, wenn die Geschichte des Wir-Lebens umschrieben wird mit kleinen Momenten und Einzelheiten, die sich im „Papier“, in den Versen, spiegeln: Bilder unterm Himmel. Es scheint eine friedliche, eine idyllische Zeit zu sein, in der sich da Liebe auslebt, Schreiben, Denken und Fühlen. Aber diese Ruhe zerbirst in der Erinnerung an Ground Zero – wenn der Schnee der Gewalt, der Schnee der Kälte fällt (Yesterdays). Oder wenn die Ärzte „einen Schlauch in deinen Körper“ legen (Hypnos), dann wandelt sich das Bild des Flusses. Mohnblume, Mythen, Skalpelle und das Träumen während der OP – hier erscheint Leid ästhetisch aufgehoben. Das erinnert an Benns Bruch mit der ästhetischen Norm in Kleine Aster. David Krause spielt ähnlich, doch behutsamer verfremdet er unsere Verluste und Todesgefahren: „… die Linie auf dem Bildschirm, das war der Horizont.“ Das sind schöne Bilder, schöne Worte – sie scheinen die Wahrheit dieser Gedichte zu gefährden, aber der Grattanz gelingt, wo die Wahrheit die Schönheit der Sprache braucht, etwa in der Vergewisserung von Du und Ich im Wir der kollektiven Geschichte (Novemberlied).

Soviel zu dem, was mir wesentlich erscheint. In der zweiten Hälfte des sehr bemerkenswerten Gedichtbands (Inventur des Sommers, Wenn die Orte mich durchquerten) werden die Orte der weiteren Suche nach den Horizonten für die Wege und die Dinge des Lebens beschrieben, es sind welthaltigere Wellen der Lebensreise, auf der sich das Ich befindet, als zu Beginn des Buchs, wo Bilder und Gedankenfiguren das Denkbare umschreiben.

Nachbemerkung: Die ersten vier Gedichte des Bandes wurden zusammen mit einleitenden Worten von Michael Kohl („Literarischer März 2015“) und einem Kommentar von Jan Weidner („Leonce-und-Lena-Preis – eine Annäherung“) veröffentlicht in: Dichtungsring 45, 2015. S. 152f.

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