Die Panzerfäuste

9. Februar 2018
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Ein anderes Bild, das mich schon mein ganzes Leben lang, seit meiner frühen Kindheit begleitet, sehe ich wieder einmal vor mir:

Ich sitze am Fenster oder knie auf dem Fensterbrett in der Wohnung der Eltern meines späteren Schulfreundes, dem Zinsmeister Rudi, und schaue vom letzten Stock des Tante Paula-Hauses hinunter auf den Platz vor der Mariensäule. Das Wohnzimmer samt Küche ist sehr groß, hat einen dunklen, vielleicht eingeölten Holzboden, ist karg eingerichtet; es riecht intensiv nach Zigarettenrauch, weil der Herr Waldmeister, wie ich ihn nenne, ständig raucht. Er ist nicht der echte Vater vom Rudi, seine Mutter, eine liebe, gütige Frau hat ihn in diese Lebensgemeinschaft als Lediges mitgebracht; sie sind nicht verheiratet, leben in „Wilder Ehe“. Sie gehen auch nicht in die Kirche. Sie sind Atheisten, Freigeister, Sozialisten; Sozis, eingefleischte Sozis, wie man hier sagt, auch die ganze Nazizeit hindurch. Das weiß jeder hier im Ort, natürlich auch mein Vater, der „Tief-schwarze“, der letzte Bürgermeister vor den Nazis. Man sieht es in meiner Familie nicht gern, daß ich mit dem Rudi, dem „Sozibuam“, einem von dem „Roten Gsindel“, wie sie von den Schwarzen vorher genannt wurden, befreundet bin, und zwar so eng, daß wir unzertrennliche Spezis sind. Oft bleibe ich beim Zinsmeister Rudi auch zum Mittagessen, das sehr einfach ist, meist gekochte Erdäpfel mit Kraut oder eingebrannte Erdäpfel oder Erdäpfelgulasch oder sonst irgendwas dazu, wenn’s was zum Dazugeben gab. Ich fühle mich bei der Frau Zinsmeister, die wie eine Mutter zu mir ist, und beim Herrn Waldmann, wie er wirklich heißt, sehr wohl. Und sie mögen mich auch.

Vom Fenster aus sehe ich hinunter auf dem Unteren Marktplatz, auf die Mariensäule wischen den beiden Ahornbäumen und dem kleinen Blumenbeet vor dem Sockel der Säule. Das hat man gelassen. Ansonsten ist ja jede öffentliche Zeichensetzung für ein Religionsbekenntnis  von den Nazis gleich verboten worden, nachdem sie die Herrschaft übernommen hatten; das war nun schon vor einigen Jahren. „Jetzt geht’s langsam zu Ende“, sagen manche ganz leise hinter vorgehaltener Hand, aber nur zu jemandem, den sie gut kennen, dem sie vertrauen können. Aber Obacht: Vertrauen kann man jetzt niemandem, das kann schlecht ausgehen, man sagt jetzt am besten zu niemandem etwas, man hält den Mund; sagt auch nichts davon, was zu Hause geredet wird. Vielleicht ist der Herr Waldmann, der – wenn er zu Hause ist – rauchend und hustend im Zimmer auf- und abgeht – auch deshalb so schweigsam, aber ich glaube eher, daß er das von Natur aus ist, weil er auch mit seiner Frau nicht viel redet, jedenfalls nichts vor uns beiden Buben, wenn wir da sind und miteinander spielen.

Es ist die Zeit um das Kriegsende. Der Feind steht schon längst im eigenen Land, knapp vor dem Ort. „Das letzte Aufgebot“ marschiert auf, zur Ortsverteidigung, wie man sagt. Es sind lauter alte Männer und ganz junge Burschen. Sie alle tragen ein etwa ein Meter langes dickes Rohr geschultert und marschieren im Gleichschritt und auf Befehl. Die Befehle gibt der Vyslik, ein kleiner Mann. Er ist zwar nur etwa 1,55 Meter groß – wie der Dollfuß, sagen manche -, aber er kommandiert mit schneidiger Stimme, als wäre er ein General oder zumindest ein Oberst; denn er ist ein ganz Überzeugter, ein Fanatischer, er war ein Illegaler von Anfang an; er ist ein Einschleimer und gefürchtet, weil völlig unberechenbar: man weiß nie, woran man mir ihm wirklich ist. Er hat noch seine SA-Uniform und die schwarzen Stiefel an, die er schon, noch bevor das Naziregime in Österreich wirklich etabliert war, zu Hause im Schrank vorsorglich vorbereitet hatte.

Dieser Vyslik-Zwerg marschiert nun also neben der Truppe der alten müden Männer und der zweiten, der unsicheren etwa Fünfzehnjährigen fast wie im Stechschritt nebenher und kommandiert „rechts – links – geradeaus!“ mit schneidiger Stimme, die gar nicht seine ist, sondern nur eine Imitation eines Schreistils, der bei den Nazis, vor allem bei den Reichsdeutschen, überall verbreitet war, und den man besser sich aneignete, um als einer der ihren und nicht als „schlapper Ostmärkler“ enttarnt zu werden und somit als etwas Minderwertiges zu gelten.

Es ist ein trüber Vormittag, als ich diese müde Truppe, dieses letzte Aufgebot, die Panzerfaustträger vom Fenster aus dem letzten Stock der Waldmann-Wohnung sehe. Alle diese Männer und Burschen schauen irgendwie gleich aus, auch ohne einheitliche Uniformen; sie haben alle irgendwelche grauen Kleider an und auf der rechten Schulter, mit der rechten Hand gehalten, dieses dicke Rohr mit einem Kopf, eben die Panzerfaust. Diese Truppe von etwa 60 Panzerfaustträgern – 30 Alte und 30 Junge – marschieren direkt unten auf dem Platz an der Mariensäule vorbei in Richtung Ortsdurchfahrtstraße. Anscheinend geht es hinaus auf die Linzerstraße oder auf die Roanastraße. Dort sind auch schon die Panzersperren aufgebaut und irgendwo dahinter haben sie sich in ausgehobenen Gräben zu verstecken, um dann die näherkommenden Panzer des Feindes mit der Panzerfaust abzuschießen. Dazu werden sie vom Vyslik und einem Reichsdeutschen in schwarzer Uniform instruiert. Die in den schwarzen Uniformen, oft ganz junge Burschen, manche auch „Wehrwölfe“ genannt, sind besonders gefährlich. An denen geht man am besten schnell vorbei, man vermeidet es, ihre Wege zu kreuzen. Nur der Vyslik hat anscheinend mit denen etwas zu tun, denn vor denen muß er stramm stehen und tut das auch; so wie die Panzerfaustträger, ob alt oder jung, vor ihm stramm stehen müssen, wenn er einen Befehl schreit. Und das genießt der Vyslik. Ja, jetzt ist er wer; später, nach dem Zusammenbruch war er wieder ein Niemand, halt der Fahrradmechaniker in einer kleinen Werkstätte am Ortsausgang in der Linzerstraße, der unsere kaputten Fahrräder reparierte und äußerst freundlich zu uns war.

Ich stehe also am Fenster oder knie auf dem Fensterbrett und schaue auf den Marktplatz und die unten vorbeimarschierende Truppe hinunter. Und plötzlich sehe ich die hagere Gestalt des alten kranken Waldmann unten in dieser Truppe, müde mitmarschierend. Am anderen Fenster stehen der Rudi und seine Mutter, die Zinsmeisterin. Plötzlich schluchzt sie auf und sagt seufzend: „Na sowos, jetzt hom’s mir a no mein Mann g’holt; die hom oafoch ned gnua.“ Und fügt nach einer Pause hinzu: „So a Schand!“ Daß man sowos erlebm muaß!“. Und dann weint sie wieder. Der Rudi versucht sie zu trösten. Mir ist die Situation peinlich weil zu familienintim. Ich verdrück mich mit irgendeiner Ausrede – „es ist dahoam zum Essen“ – aus dem Zimmer; bin aber auch gerührt, und mir kommen gleichfalls die Tränen, warum, weiß ich nicht, eben einfach so. Irgendwann schnappe ich dann noch am kurzen Nachhauseweg zum Oberen Marktplatz hinauf den Satz auf „Jetzt vahoazns de oidn Mauna und de jungen Buam a nu“. Zu Hause sage ich von all dem nichts. Es ist sowieso schon zum Mittagessen und somit Zeit fürs Mittagsgebet. Wir stehen im Raum rundum und beten: „Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft und sie empfing vom Heiligen Geiste…“. Was die Heilige Maria vom Heiligen Geiste empfing, verstand ich nun überhaupt nicht, wagte auch nicht, danach zu fragen. Was das soeben gesehene Geschehen aber bedeutete, das war mir weitgehend klar. Das war bedrohlich und eine Gefahr. Genauso wie das Panzerfaustlager in unserem Haus, das uns die Ortsnazis und wahrscheinlich der Vyslik oder der Herr Ortsgruppenleiter vielleicht mit Hilfe der schwarzen Totenkopfträger in einen Raum, der von der Straße aus über drei Stufe betretbar war, eingelagert hatten – „damit der Schwarze Wiplinger samt seiner Brut in die Luft fliegt, wenn’s kracht.“ Mutter hat aber vor dem Beschuß des Ortes durch den Feind und noch vor dem Zusammenbruch diese Panzerfäuste selber unter Lebensgefahr auf den Marktplatz hinausgetragen, um das Haus und uns Kinder zu retten, falls es „zu was kommen sollte“; was dann ja auch der Fall war.

Der Vyslik und alle anderen Ortsnazis hatten nach dem Zusammenbruch dann einmal etwas Pause; dann etablierten sie sich wieder. Es mußte ja endlich Frieden sein und eine Ruh – wie sie alle sagten; sogar mein Vater, der dann wieder Bürgermeister war – wie vor den Nazis und vor dem Krieg. Und dann redete niemand mehr über solche „alte Sachen“. Nur der Herr Waldmann schien um Jahre gealtert und starb dann irgendwann, wahrscheinlich an dem vielen Rauchen. Er war ganz schweigsam geworden. Ging aber aufrecht in seiner Wohnung auf und ab; hinaus ging er kaum noch. Seine Frau, die liebe Zinsmeisterin, hat ihn um Jahrzehnte überlebt. Den Rudi habe ich, da ich aus dem Ort fort ins Gymnasium nach Linz kam, aus den Augen verloren. Nur einmal haben wir uns – dies nach vielen Jahrzehnten – in unserem Heimatort wiedergesehen, bei einem Wirten; ich habe mich dazugesetzt auf ein Kleines Bier. Wir haben aber kaum was miteinander geredet. Wir waren einander völlig fremd, So als hätte es uns und das alles damals nie gegeben.

 

Weiterführend →

Über den dezidiert politisch arbeitenden Peter Paul Wiplinger lesen Sie hier eine Würdigung.

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