Der erste Neger

Ich habe den ersten Neger gesehen. Ein Soldat der US-Army. Er saß auf einem Panzer oder auf einem LKW oder in einem Jeep; so genau weiß ich das nicht mehr. Er war sehr groß und saß sehr lässig da; wie ein Freizeitneger. Ich stand vor ihm und schaute ihn mit großen Augen ständig an, ich starrte ihn an. Ich hatte einen solchen Menschen, mit einem so schwarzen Gesicht und ebenso schwarzen Armen noch nie in meinem Leben gesehen. Ich wußte schon, daß es Neger gab: in Afrika, wo sie nackt herumtanzten. Aber dieser Neger war ja plötzlich wie über Nacht in meinen Heimatort gekommen, war in eine Uniform gekleidet, hatte ein Käppchen auf, ein Seitenschiffchen, sehr lässig nach hinten geschoben, nicht in die Stirn herein gedrückt. Auch er schaute mich an, sagte plötzlich „Hello!“ und lachte mich mit einem breiten freundlichen Grinsen an. „Hello, little Boy, how are you?“, sagte er. Ich wußte nicht, was ich darauf sagen sollte, ich nickte nur mit dem Kopf. Nach einer Weile aber hatte ich mich wieder fest in der Hand. Und sagte ganz frech die einzigen Worte in seiner Sprache, die ich konnte, weil ich sie schnell von den anderen Buben gelernt hatte. Diese Worte waren wie eine Parole, die da lautete: „Please, Mister, give me chewing-gum!“ Und ich konnte die Wörter auch richtig aussprechen, so wie ich es eingelernt hatte. Der Negersoldat schaute mich verwundert und zugleich eindringlich an; ich bekam Angst. Aber plötzlich lachte er, wobei sein Mund ganz breit wurde und man zwei Reihen schöner Zähne sah. Er lachte, schüttelte den Kopf vor Lachen, griff in seine Hemdtasche, nahm ein Päckchen Kaugummi heraus und gab mir ein Streifchen Kaugummi. Ich sagte noch „Thank you!“ Und lachte gleichfalls und hocherfreut über das Geschenk und daß es mir geglückt war, dieses zu bekommen; und lief davon. Im Laufen drehte ich mich noch einmal um. Der Neger winkte mir freundlich. Ich winkte zurück. Und meine Erkenntnis daraus: So schlimm wie gesagt konnten die Besatzungssoldaten doch gar nicht sein; wenn sie einem sogar Kaugummi gaben. Aber ich wußte auch: Das waren Amerikaner; und keine Russen. Und wir glaubten, bei denen hätten wir es ganz gut. Aber das blieb nicht so. Nach einigen Wochen zogen die Amerikaner ab. Und die Russen kamen, die Sowjetsoldaten. Da wurde alles ganz anders. Dann ging es uns schlecht.

 

 

Weiterführend →

Über den dezidiert politisch arbeitenden Peter Paul Wiplinger lesen Sie hier eine Würdigung.