Hermetischer Zirkel

28. Juni 2017
Von

 

Hast du heute schon an Schlange gedacht?, frage ich Arthur.

Ja, sagt er, ich wollte ihr vorhin eine Postkarte schreiben, aber ich kam nicht dazu. Ich habe die Karte schon gekauft: Ich als Hermes.

Aha, sage ich, du warst also wieder auf deiner Museumsinsel.

Wo sonst?

Und was hättest du ihr geschrieben, frage ich, wenn du ihr geschrieben hättest?

Liebe Schlange,

mein Bild (bitte wenden!) fliegt meinen Gedanken zu dir voraus, wie du siehst, als Bote meiner Liebe, die ich dir wieder stehle. Bis bald! Dein

Hermes

Und warum hast du nicht geschrieben?

Ich konnte einfach keine Statue auslassen, sagt Arthur, kein Bild, kein Mosaik.

Und zurück auf dem Festland, beim Espresso – ?

Da war ich erschöpft, und die Kunst, die ich sah, raubte mir alle meine Worte, sagt Arthur. Sowieso schreibe ich, wie gesagt, die schönsten Karten in Gedanken.

Ausrede!, sage ich.

Im übrigen, sagt Arthur, die Karte wäre doch gar nicht angekommen.

Das stimmt, sage ich, der Himmel hat kein Postamt.

Die Hölle, sagt Arthur, auch nicht.

 

***

Arthurgeschichten von Ulrich Bergmann. KUNO 2017.

Als intensiver Beobachter verfügt Ulrich Bergmann über die Begabung, noch die alltäglichsten Details in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken, um etwas über das Leben und die menschlichen Beziehungen zu erzählen. Er nennt seine Kurzprosa ironisch „gedankenmusikalische Polaroidbilder zur Illustration einer heimlichen Poetik des Dialogs“. Wir präsentieren in diesem Jahr auf KUNO alle Arthurgeschichten und warnen Sie: Ähnlichkeiten mit Lebenden oder Toten oder lebenden Toten sind zufällig, rein zufällig, absichtlich zufällig, zufällig absichtlich, rein absichtlich und nichts als die reine Absicht.

Weiterführend → Lesen Sie zu den Arthurgeschichten den Essay von Holger Benkel. – Eine Einführung in Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann finden Sie hier.

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