Befragung der Serienessenz

31. März 2016
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Man lässt einem Kunstwerk keine Gerechtigkeit widerfahren, wenn man über dem Titel seinen Inhalt vergisst. Doch machen wir uns nichts vor: Der Bildtitel ist heute mehr denn je Bestandteil des Werkdiskurses. Die Moderne und Postmoderne haben die Betitelung als wichtiges Element der Ver- oder Enträtselung begriffen. Und selbst das Nichtbetiteln von Werken ist eine bewusste Zeichensetzung, die Einfluss nimmt auf Wirkung und Interpretation. Heute liegt die Gefahr häufig in einer Vermischung von Titel und Label, von Name und Kategorie.

HH_PartialeHaimo Hieronymus gehört zu der Sorte Künstler, die lange Zeit ohne Titel im Kopf arbeitet, aber abgeschlossene Werkserien ungern unbenannt lässt. Nicht nur für Kuratoren und Publikum: Die Titelfindung ist immer eine Art Abschluss des Arbeitsprozesses und Befragung der Serienessenz.

Hiervon ausgehend, ist im Titel seines aktuellen Werkkomplexes „Partiale“ bereits Entscheidendes enthalten. Das Adjektiv partial als seltenere Nebenform von partiell verweist auf einen Teil-, Teilmengen- oder bruchstückhaften Charakter. Und genau das ist es, was wir in den vielen bunten Einzelbildern erkennen: Teile, Strukturen und Fragmente, ein Mosaik unserer Alltagswelt. Doch es ist ein selektiver Blick, kein enzyklopädischer: Ausgewählt werden fast ausschließlich Strukturen aus Blüten- und Insektenwelt sowie Muster, die an Stoffe, Drucke oder Tapeten erinnern. Der Blick ist analytisch, aber subjektiv und stilisiert. Durch seine Nahsicht und seinen Fokus auf das einzelne Detail lässt er uns an der Faszination für Strukturen und ihre Funktionsweise sowie Muster und ihr Zusammenspiel in der Bewegung teilhaben. Ob der Bau eines Käferbeins, die Machart eines Insektenflügels oder ein in sich verschobener Faltenwurf – die Sujets dieser Studien sind nicht originell, aber die Sichtweise darauf ist liebevoll und präzise. In der Genauigkeit ihrer Betrachtung offenbart sich eine oft verkannte Schönheit. Das Kleine wird gern übersehen, das Einzelteil kaum wahrgenommen, das Alltägliche ist selbstverständlich. Haimo Hieronymus erhebt nun den Mikrokosmos zum Bildgegenstand. Doch ohne ihn zu monumentalisieren: Das Fragment bleibt Fragment, dem Detail wird nicht mehr Bedeutung zugemessen als ihm zukommt – aber auch nicht weniger. Die Perspektive verschiebt sich bloß ein wenig.

Natürlich gibt es keinen Mikro- ohne den Makrokosmos: Die Einzelbilder selbst sind wiederum Teilmengen eines übergeordneten, zusammengehörenden Komplexes. Jedes Einzelne bezieht sich in doppelter Weise auf ein größeres Ganzes: auf den Kontext, aus dem die abgebildete Struktur entstammt, sowie auf die gesamte Werkserie, in der das Bild seinen Platz hat. Wenn man den Titel „Partiale“ noch genauer nimmt, verweist er auf eine Arbeitsweise in der Informatik: Arbeiten an großen Projekten lassen sich auf verschiedene Dateien aufteilen, sodass z. B. mehrere Programmierer gleichzeitig daran arbeiten können. Alle Teile müssen das partial-Schlüsselwort verwenden. So können sie am Ende zum Gesamttyp kompiliert werden. Nichts anderes macht Haimo Hieronymus in seiner Serie: Er verwendet in allen Einzelstücken dieselbe Schlüsselstrategie, mittels derer sich die Teile später als Gesamtwerk lesen lassen. Bildlich gesprochen: Es gibt einen roten Faden.

Dieser offenbart sich neben der thematischen auch in einer stilistischen Kohärenz: starke Nahsicht, kräftige Farben und Konturen, Zweidimensionalität. In Form- und Farbgebung erinnert hier vieles an Pop- und Op-Art. Bunt, plakativ, offensiv – so hat man Hieronymus selten gesehen. Doch steckt in dieser wilden Musterparade mehr, als der erste Blick suggeriert. Vom Sujet her konsequent sein immer wiederkehrendes Thema Fragment aufgreifend, knüpft diese Serie auf formaler Ebene an den poppig-bunten Stil des „Alphabetikons“ an, treibt ihn kraftvoll und konturenstark weiter. Die Befreiung von Inhaltslast zeigt neue Wege und Möglichkeiten auf: vom Bild als Bedeutungsträger zum reinen Ausdruck, zur reinen Form und Farbe. Das Machen emanzipiert sich von der Aussage. Doch ganz ohne viel-schichtige Inhaltlichkeit kommt auch diese Serie nicht aus, wenn am Ende die durchvariierten Kernelemente in Verbindung mit Figurenzeichnung, lasierenden Tertiärfarben und Text in einem großen Gemälde kulminieren. Hier ist die Verbindung zwischen vergangenem und gegenwärtigem Werk am deutlichsten, hier liegt der Startpunkt für kommende Arbeiten. Ein spannender neuer Ansatz.

***

Partiale, von Haimo Hieronymus. Noch bis zum 30.04.2016 in der IHK-Galerie, (Koblenzerstr. 121 / 57072 Siegen)

Partiale, Katalog von Haimo Hieronymus. Gedichte von A.J. Weigoni. Edition das Labor 2016.

Weiterführend → Zum Thema Künstlerbücher lesen Sie bitte auch den Artikel von J.C. Albers. Vertiefend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.

 

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