Ptolemäische Wende

28. November 2016
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Wie die Welt aussähe, wenn sie sich um mich dreht, habe ich mir schon oft überlegt, sage ich, ich dreh mich ja nicht, und die Welt, so verdreht sie ist, steht still, und ich frage mich, ist die Welt ein Fixpunkt oder bin ich es, mir wird ganz schwindlig, wenn ich so auf meiner Lebensleiter hinabsteige, wie auf einer Rolltreppe, die nicht in Betrieb ist. – Ja, sagt Schlange, solche Gefühle kenne ich auch. Wenn ich in der haltenden Eisenbahn sitze und der Zug neben mir fährt an, denke ich, jetzt fahre ich, aber in Wirklichkeit fahre ich nicht. – Siehst du, sage ich, so ist mein Leben, ich möchte der Mittelpunkt sein, um den sich die Welt dreht, aber die Welt dreht mich um sich, und während ich derart um die Welt wie um mein Leben laufe, denke ich mir die Welt, wie sie ist, wenn sie um mich herum laufen müsste, und dabei wird mir eben schwindlig, denn es ist mir dann wieder so, als ob wir voreinander fliehen, wenn wir so um uns herum laufen. – Du und die Welt, denkt Schlange, ihr kommt einander einfach nicht näher. – Ich kann auch sagen, sage ich, ich treffe das Leben nicht oder ich habe Pech mit dem Leben, wie ich auch sagen könnte, das Leben trifft mich nicht, das Leben hat kein Glück mit mir – die letzte Formulierung gefällt mir am besten, denn so kann ich mir am leichtesten vorstellen, wenn die Welt sich um nichts als um mich dreht, wie ich aussehe. – Aber du hast doch mich getroffen, sagt Schlange. – Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann, sage ich. – Wieso? – Du bist streng genommen nur eine Projektion meiner Selbstliebe, sage ich. – Ach so, sagt Schlange, dann will ich euch nicht weiter stören.

***

Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann, Kulturnotizen 2016

In den Schlangegeschichten wird die Dialektik der Liebenden dekliniert. Ulrich Bergmann schrieb mit dieser Prosafolge eine Kritik der taktischen Vernunft, sie steht in der Tradition der Kalendergeschichten Johann Peter Hebels und zeigt die Sinnlichkeit der Unvernunft, belehrt jedoch nicht. Das Absurde und Paradoxe unseres Lebens wird in Bildern reflektiert, die uns mit ihren Schlußpointen zum Lachen bringen, das oft im Halse stecken bleibt.

Weiterführend →

Eine Einführung in die Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann finden Sie hier.

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