Verfremdung

30. Mai 2016
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Ach, Schlange, sage ich, ich habe die ganze Nacht immer nur dasselbe geträumt! –  Was denn?, sagt Schlange. – Ich kämpfte mich die ganze Zeit in einer riesigen Stadt durch den gewaltigen Verkehr. – Das war ja wieder mal klar, sagt Schlange, …Verkehr! – Es war verdammt viel los, sage ich, ich kam fast nicht durch. – Ihr Männer träumt alle immer nur dasselbe! – Nein, sage ich, nicht das! – Was denn sonst?, sagt Schlange. – Weißt du, sage ich, auf einem großen dreistöckigen Bus hockte ein Mann, der meldete dem Fahrer, ob der Bus durch den Tunnel passt. – Siehst du, sagt Schlange, jetzt kommen auch noch deine Allmachtsphantasien voll raus! – Wie bitte?, sage ich. – Du hast dich in die große Freude  gesteuert… – Dreistöckig?, sage ich. – Ja klar, sagt Schlange, dein Bus war voll geladen…  – Und der Mann oben auf dem Bus?, sage ich. – Passt doch!, sagt Schlange, du reitest dich selber am liebsten! – Meinst du, sage ich, ich reite mich selber, wenn wir miteinander …  – Ja, sagt Schlange! – Stört dich das?, sage ich. – Ich merk’s ja dann nicht, sagt Schlange, ich frage mich aber, ob es dich stört. – Nein, ich handle nach dem Prinzip: Das eine tun – und das andere nicht lassen. – Dann gehst du eigentlich fremd, sagt Schlange. – Du nimmst das alles viel zu genau, sage ich. – Nein, sagt Schlange, ich will, dass du nur mich liebst! – Tu ich ja, sage ich, ich schlage außerdem zwei Fliegen mit einer Klappe. – Wenn du dich mit mir betrügst? – Schlange, hör auf, wir haben doppelte Freude, wenn ich mit dir fremdgehe!

 

***

Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann, Kulturnotizen 2016

In den Schlangegeschichten wird die Dialektik der Liebenden dekliniert. Ulrich Bergmann schrieb mit dieser Prosafolge eine Kritik der taktischen Vernunft, sie steht in der Tradition der Kalendergeschichten Johann Peter Hebels und zeigt die Sinnlichkeit der Unvernunft, belehrt jedoch nicht. Das Absurde und Paradoxe unseres Lebens wird in Bildern reflektiert, die uns mit ihren Schlußpointen zum Lachen bringen, das oft im Halse stecken bleibt.

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Eine Einführung in die Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann finden Sie hier.

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