Erinnerung an Ilija Jovanović

21. Februar 2015
Von

 

Ich übersiedle, ich gehe weg, hier gibt es mich nicht mehr,
ich gehe aus meinem Haus, aus meinem Heim, für immer
in die Ewigkeit, wo ich kein Fremder bin, kein Asylant.

 Ilija Jovanović

 

Ein bedeutender, aber weithin unbekannter Dichter ist tot: der serbisch-österreichische Roma-Dichter Ilija Jovanović. Verfasser von zwei Gedichtbänden: „Budzo / das Bündel“ (EYE Literaturverlag, 2000) und „Dromese rigatar / Vom Wegrand“ (Drava Verlag, 2006). Keines der beiden Bücher hat mehr als 100 Seiten zweisprachiger Lyrik. Und doch ist in den Gedichten dieser beiden Bücher das ganze Leben des Dichters Ilija Jovanović erfaßt, festgehalten und ausgedrückt: Die unerfüllte Sehnsucht des heimatlosen Rom Ilija Jovanović nach dem, was es für ihn nie gegeben hat: Heimat. Dokumentation des ausgesetzten Einzelnen als Paradigma für sein Volk; das Volk – ich sage es jetzt bewußt so – der Zigeuner. Das Heimatlossein im Ausgesetztsein, in einem Grenzland, nein mehr noch, in einem Land jenseits der sie oftmals umgebenden luxuriösen und umso brutaleren „Zivilisation“. Und die Beschimpfung als „dreckiger Zigeuner“, „Asozialer“, als „Gesindel. Man siedelt sie aus, an den Rand der Städte und Orte; man treibt sie wieder zurück in ihre Herkunftsländer. Die Juden wollte man als menschliche Lösung einmal nach Madagaskar oder Uganda aussiedelten, sie landeten aber dann im Gas von Auschwitz-Birkenau, Bergen-Belsen und anderswo; ebenso die Zigeuner. Aber „das ist längst vorbei“, sagen die Kultivierten, die Zivilisierten. So denken die Mächtigen, die Politiker; sagen: „Wir haben ein Roma-Problem!“. Und schicken die Menschen mit ihren Bündeln irgendwohin wieder zurück; in ihre „Heimat“, in ihr „Herkunftsland“; in ihr Elend, in ihre Chancenlosigkeit, in ihr Verstoßensein, in ihre Würdelosigkeit, in ihr „Zigeunersein“. Das ist die Wahrheit und zugleich die Realität. Und das war in meinem Freund Ilija, das hat auch er erfahren, erlebt, durchlitten, aufgezeichnet, literarisch festgehalten. Das hat ihn in seiner Grundstimmung so traurig, so voller Wehmut und Melancholie gemacht, die ihn oft niederdrückte. Das hat ihm als lebenslange Begleiterscheinung neben seiner Krankheit so früh das Leben gekostet.

„Vom Landarbeiter zum Dichter“. So könnte man seinen Lebensweg betiteln. Geboren wurde Ilija Jovanović am 25. Februar 1950 in Rumska nahe Belgrad in Serbien, als einziges Kind einer sehr armen Roma-Familie. Schon als Kind arbeitete er als Erntehelfer und dann überhaupt in der Landwirtschaft. Diese Kindheitsprägung findet sich Jahrzehnte später spurenhaft in seinen Gedichten wieder. Das reifende Korn, die schwarze Erde, der Gesang der Vögel u.a. sind immer wiederkehrende Metaphern in seinen Gedichten. Er besuchte in Rumska einige Klassen der Grund-  und anschließend sogar die Hauptschule. Also war sein Bildungsstreben bereits damals vorhanden. Dann der Pflicht-Militärdienst in der Jugoslawischen Volksarmee. Tito-Patriotismuskult und Geschundensein; jahrelang, irgendwo. Vielleicht trieb ihn das schon damals in seine innere Emigration. Mit 20 Jahren hatte er bereits eine Familie mit drei Kindern. Einfach nur üblich bei einer Zigeunerfamilie; oder glaubte er, die Familie sei seine Rettung, ein Ort der Geborgenheit, den er nie und nirgendwo, auch nicht in seiner eigenen Familie, gefunden hat? 1971 erfolgte seine Übersiedlung nach Wien. Die Frau kommt später nach. Die Kinder bleiben bei den Großeltern. Er hofft, sich eine „anständige Existenz“ aufbauen und der Armut entrinnen zu können? Ilija arbeitet zuerst zwei Jahre lang in einer Metallfabrik und anschließend 25 Jahre als Apothekengehilfe in den Wiener Spitälern AKH und Rudolfstiftung. Das Medikamentendepot lag im Keller. Ich fragte ihn einmal, ob das nicht unerträglich sei, jahrzehntelang die meiste Zeit kein Tageslicht zu sehen und unter der Erde zu leben. Er antwortete darauf: „Nein, das ist für mich richtig, dort gehöre ich hin, dort bin ich ja: unter der Erde.“

Schon früh (1975) begann Ilija, der in Wien in einer Abendschule seinen Hauptschulabschluß gemacht hatte, sich mit Literatur zu beschäftigen; in drei Sprachen: in Romanes, Serbisch und Deutsch. Er las viel. Er liebte das Lesen, die Literatur. Dann begann er, selbst zu schreiben. Er wandte sich von Anfang an der Lyrik zu, machte eigene Gedichte, tat dies auch mit Erfolg. Bald schon kam es zu Publikationen, sogar zur Auszeichnung eines Gedichtes von ihm, später zu Buchpublikationen und Lesungen, zu Stipendien und Preisen (Theodor-Körner-Preis 2000, Exil-Lyrik-Preis 2010). Im Jahr 2008 erhielt er das Bundes-Ehrenzeichen für Verdienste um den interkulturellen Dialog. Dieser lag ihm lebenslang am Herzen und er engagierte sich sehr dafür, auch in seiner Funktion als Sekretär und später, bis zu seinem Tod, als Obmann des „Romano Centro“. Immer war er bemüht, für andere, für jene aus seinem Volk der Roma, eine Art Heimat in der Fremde unter Wahrung der eigenen kulturellen Identität (Sprache!) zu ermöglichen und zu gestalten.

Ich habe keine Heimat.

Jahrhunderte lang schon habe ich keine.

Armut, Hunger und Gewalt

treiben mich von Ort zu Ort.

Ich habe nichts,

außer dem Wind im Rücken

und das Grab

vor mir.

Ilija Jovanović

Bei einer Ausstellung von Ceija Stojka lernten Ilija und ich uns in den frühen Neunzigerjahren kennen. Bald schon begannen wir die Arbeit an seinen Gedichten des Lyrik-Manuskriptes „Zigeunerseele / Romano Ilo“, aus dem er bei der von mir organisierten PEN-Veranstaltung „Roma-Literatur in Österreich“ am 27.5.1997 im Literaturhaus in Wien vorlas. Wir arbeiteten weiterhin zusammen für eine Buchpublikation. Ilija saß dabei neben mir, las mir zuerst ein Gedicht von ihm auf Romanes oder auf Serbisch vor und dann in der von ihm gemachten Rohübersetzung ins Deutsche. Gemeinsam „stilisierten“ wir das jeweilige Gedicht in Deutsch; wobei ich Ilija stets fragte, ob das oder jenes so von ihm gemeint sei und so gesagt werden könne. Die Sprachmelodie war mir wichtig, die durfte bei der Übertragung nicht verlorengehen, sondern mußte in all ihrer Begrifflichkeit und Ästhetik dem kongenial entsprechen, was als Original vorlag. Schwierig. Aber wir arbeiteten gerne miteinander. Ilija übersetzte dann noch die Texte mit wirklichen ÜbersetzerInnen. Ergebnis von all dem war der erste Gedichtband, der im Jahr 2000 unter dem Titel „Budzo / Bündel“ in Romanes und Deutsch erschien. 2006 folgte der nächste mit dem bezeichnenden Titel „Vom Wegrand / Dromese rigatar“. Nächstes Jahr wird der noch zu Ilijas Lebzeiten im Manuskript großteils fertiggestellte Gedichtband „Mein Nest in deinem Haar / Moro kujbo ande cire bal“ erscheinen, mit einem Nachwort von Elfriede Jelinek. Der Name Ilija Jovanović wird also dann mit der internationalen Roma-Literatur fest und für immer verbunden sein.

Der Ilija war kein glücklicher Mensch. Er war ein Dulder; vielleicht, weil er sein ganzes Leben lang dieses sein Leben erdulden mußte, nur ein Geduldeter war und sich so fühlte; sowohl in seinem Zigeunersein wie überhaupt. Heimat hat er nie und nirgendwo gefunden. „Wie ein Getreidekorn / bin ich zwischen Mühlsteine geraten“, heißt es in einem seiner Gedichte. Und: „Wir gehen und gehen / wissen nicht, / wie lange und wohin“ in einem anderen. Bezeichnend und erschütternd zugleich die Aussage: „Ich habe keine Heimat / …ich habe nichts, / außer den Wind im Rücken / und das Grab / vor mir.“ Ilija war aber auch ein Glaubender und Hoffender, der sowohl an den ihn erlösenden Gott als auch an die Möglichkeit des Menschen zur Humanität glaubte. Beides gab ihm Halt und in beidem stellte er sich selbst doch zugleich immer wieder in Frage. Ilija war ein Suchender; manches fand er mit und in seinen Gedichten, in seinem Dichten. Er war aber vor allem ein Liebender, einer der liebte und gleichzeitig in diesem Lieben litt. „Ich liebe die Liebe / weiß aber nicht, / was das ist…“ So sein Bekenntnis.

***

Budzo / das Bündel, EYE Literaturverlag, 2000

Dromese rigatar / Vom Wegrand, Drava Verlag, 2006

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