VORKRIEGSZEIT

26. Januar 2015
Von

 

Noch gibt es Unordnung und Sensationen,

in Cellophan gewickelte Vernichtung,

eilige Rhapsoden in den Hinterzimmern.

Haarfein zieht der Sekundenzeiger die dünne

Linie zwischen uns und aller Zeit, die kommt.

 

Auf den Märkten gibt es Fische mit

verfärbten Kiemen und abgemesserten

Häuptern, die vorwurfsvoll das All anstarren.

Es gibt die Hunde im Gewühl der Menschen,

an ihren derben Fellen frisst die Räude.

Die Eltern dienen der Kunst am Bau und

ziehen die Kinder ins enge Haus.

 

Wer will, gibt sich respektlos, isst gut

und meidet das Gewürz, das unverkocht und

splittrig in der Suppe schwimmt.

Noch gibt es etwas zu erobern, die unbespielten

Himmel stehen hoch und können warten,

doch nur das erste Leben zählt.

 

 

***

Alles Weitere Mündlich, Gedichte von Ralph Pordzik, Verlag Les Derniers Jours, 2014

Bereits von seinem ersten Band Verabredung mit meinem Publikum war KUNO angetan. Nun liegt ein weiterer vor. Es ist eine persönliche, unverwechselbare Weise des Sehens und Erlebens, die in Pordziks Gedichten aufscheint. Sie eignen sich die Sprache als Abbild assoziativer innerer Erfahrung an, ohne Rücksicht darauf, ob diese Erfahrung mit den allgemeinen Wahrnehmungsmustern konform geht. Unablässig zerstören sie das Selbstverständliche, die Beruhigung beim Greifbaren und Konkreten, weisen das Widersprüchliche und Unvereinbare als das Selbstverständliche aus. Sie verzichten auf die Belehrung und den feierlich-ernsthaften Ton, der sonst den traditionellen Formen leicht anhaftet. Ihre Verbindlichkeit entzieht sich der Norm und dem Festlegbaren. Dabei reichen ihre Gegenstände vom Alltäglichen und Banalen bis zum Vieldeutigen, ja Grenzenlosen. Was nicht zusammenzugehören scheint, wird in eine Beziehung gesetzt, die ihrerseits unaufhebbar erscheint. Auf die Spielregeln dieser durch Zeichen geschaffenen Welt muss der Leser eingehen, wenn er in die Gedichte eingelassen werden möchte.

Abschließend sei die Homepage des Autors empfohlen, da sich dort in kondensierter Form und in der Auseinandersetzung mit anderen Künsten etwas über die poetologischen Grundlagen von Pordziks eigenem Schreiben nachvollziehen läßt. Es ist spannend zu lesen, mit welcher Lust am Text dieser Autor Preziosen in eine ansonsten eher einförmige Feuilletonlandschaft lanciert.

 

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