On The Dreamline Sangerhausen-Saqqara

31. Dezember 2015
Von

 

se non è vero, è ben trovato

1

 

Einzig dafür also die Tunnelsysteme um die kupfernen

Herzen des Mansfelds: Traumwege für verirrte

Pharaonen, Buckelpisten für den Geist in der Stele

Und die unendliche Ruhe im Sterngewölbe im Schlafsaal

des Unas.

Einzig dafür die U-Bahn Sangerhausen-Saqqara –

Um die hohen Toten unzerstörbar bei Laune zu halten,

oder

Jene unermeßlichen Schätze des Chnum, denkmal-

geschützt,

In barbarischer Erde überwintern zu lassen.

Die Herren der Steinpyramiden aus Licht: Djoser Sechem-

Chet Userkaf Djedkare-Asosi Unas und Teti: gebettet

Gelegt in störrischen Mansfelder Schotter –

Kein Räuber, kein Fremder wird den Ort jemals finden,

Kein Sänger die gleißenden Toten besingen: ich weiß

Schon, ich weiß: Die heilige Form bewahrt ihr Geheimnis.

 

 

2

 

Horus erscheint, der Stern an der Spitze des Himmels,

Jetzt, wo unser der Untergang ist. Das Mansfeld

Durchfurcht, durchspreizt von pharaonischen Schiffen

Aus Schutt oder Sonne; und die knurrigen Heiden

Ushebtis: die Pyramiden langsam zu glätten, die Spitzen

Zu richten mit Steinstaub aus Tura … und: ihr Ge-

Heimnis fortan zu bewahren. Die raschelnde Hand

Neferirkares, die verschollene Büste des Cheops in einem

Papierkorb versteckt am Eisleber Meer. Zunächst aber

rollen

Die heiligen Loren durch die Mittleren Seen, in gläsernen

Röhren und Taucheranzügen; über die eisigen Gletscher

Der Alpen, um schließlich im Erzherz von Deutschland

Zu landen, vermeintlich geschützt, vor den Blicken

Derjenen, die wissen; ohne Halt ohne Rast, quer durch

Europa, es sei denn, an der Todesstation Glacier Similaun.

 

 

3

 

Und nun endlich da. Und wieder zurück, immer in

Regung, auf der Flucht vor den Lanzen der Schlächter,

Auch: das Volk der Skarabäenabreißer genannt.

Denn nichts wird bewahrt auf dieser wölfischen Erde,

Es sei denn, das eigene Arschloch aus Gold. Ja,

pharaonisches

Gold in den verstaubenden Runzeln hartleibiger Schahs

Und verfaulter Prälaten, das Geweihstück des Kreuzes

Ein verstümmeltes Anch. Niemand wird ruhen, bevor

Das Werk des Chufu nicht abgegrast ist; jeder, in der Stein-

metropole

Aus Licht, hinter dem schimmernden Fleisch her, kein

Neuer, kein

Alter schließt sich da aus. Wo Geheimnisse sind, da blüht

auch

Vermutung: die Rutengänger des Hochstands durch-

schreiten,

Myriaden, die Täler, wittern den giftigen Glanz. Und so

Treibt ein gieriges Weltvolk das ermüdete Gottholz

In Winterprovinzen – die Priesterschaft schwitzt hinter

Loren … erpreßte Ushebtis zuhauf … und immer der

Schritt

Ist der beste, den man den Häschern voraus hat; und also

Graben die Wilden sich in taube Spitzhalden ein,

Megalithisch verzückt, und die kostbare Fracht eilt ge-

fesselt

Entnervt – an die unsicheren heiligen Stätten zurück.

 

***

Lesen Sie auch das KUNO-Porträt des Lyrikers André Schinkel,

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