Im Antlitz der Nacht

13. Juni 2015
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Vom Leben des Lyrikers Karl Seemann weiß ich nicht viel. In den letzten Jahren schrieben wir uns Briefe und gaben uns unsere literarischen Arbeiten zu lesen, er seine Gedichte, ich meine Erzählungen. Aber er schrieb nicht viel von sich, er deutete nur an. Seine Briefe an mich waren, vor allem zuletzt, oft kleine Zettel mit einer etwas eckigen Schrift, fast immer fehlte das Datum. Er schrieb mir nie viel, aber klar und sehr prägnant.

Die meisten Gedichtbände schickte er mir im Lauf der Jahre, zuletzt das Exemplar der Eremiten-Presse Im Antlitz der Nacht. Dieser Band von 1955 gehört zum Schönsten, was ich in der Lyrik kenne. Alle Themen, alle Motive, die schwere Landschaft, viele Bilder der späteren Gedichte sind hier schon da.

Die Literaturzeitschrift DICHTUNGSRING hat Gedichte von Karl Seemann fünf Mal seit Ende der 80er Jahre veröffentlicht; in der Ausgabe Nr. 31 mit dem Thema Fremdland, die im Sommer 2002 erscheint, wird ein Gedicht, das er mir für diese Nummer einreichte (ortung 2), veröffentlicht.

Ich hatte ihn mehrmals um Dokumente über sein Leben gebeten, um ein Porträt zu verfassen. Im frühen Sommer 2001 sagte er zu, fand aber nicht die Kraft oder die Zeit, das Material zusammenzustellen.

Über seine Gedichte äußerte er sich kaum, es war schon viel, als er in einem Brief (September 1999) an mich schrieb: „Vielleicht ist MIT SCHWARZER KREIDE ein Schlüsselbuch.“

Der Tod seiner Frau machte ihm zuletzt das eigene Leben immer schwerer. In einem Zettelbrief, den ich am 21.12.1999 erhielt, schrieb er:

Lieber Ulrich Bergmann, mit meiner Biographie bleibt es unergiebig. Nachdem Weihnachten vor einem Jahr meine liebe Frau, Gabriele Seemann, Mentorin und schützende Hand, qualvoll an einem Gehirntumor zugrunde ging, schleppt sich mein Leben so dahin. Es bleibt nicht mehr viel, außer Schmerzen. Was soll der Vers? …

Schon im September 1997 schrieb er: „Ach, man wird müder und resignativer. Bei mir ist das schon seit vielen Jahren so. Lyrik aus dem Bereich der Müdigkeit. [...] Setzen wir in der Literatur den einen oder anderen geduldigen Schritt – so es uns noch vergönnt sein sollte.“

Er schrieb weiter Gedichte, nicht viele, und er schickte immer wieder seine Gedichte, manchmal so zugeschnitten, dass sie in einen kleinen Umschlag passten, an viele Literaturzeitschriften, die sie druckten.

Hier ist das Wenige, das ich sicher weiß: Karl Seemann wurde am 19. August 1928         in Rheine, Westfalen, geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums arbeitete er in verschiedenen Berufen, unter anderen in der Sozialversicherung. Zuletzt war er Effektenberater im Bankfach.

Gedichte verfasste er seit 1945. Er wurde Mitarbeiter der Eremiten-Presse von V.O. Stomps. Dort erschien 1955 sein erster Gedichtband IM ANTLITZ DER NACHT. In dieser Zeit lernte er Ingeborg Bachmann kennen und kam mit Karl Riha und Eugen Gomringer zusammen: „Mit beiden durfte ich … in langen Gesprächen die Möglichkeiten der modernen Poesie erörtern.“

Karl Seemann lebte in Bad Bentheim, wo er am 15. August 2001 starb.

Seemanns Lyrik hat dunkle Töne. Herbst und Winter sind die Lebenszeiten zum Tode hin. Stille, Schroffheit und Einsamkeit der nördlichen Landschaft – das ist auch König Lears kahle Heide, über die der Lebenssturm hinwegpeitscht. Die Welt ist oft dunkel in den Gedichten, der Tagmond regiert, nicht die Sonne. Vergangenheit und Erinnern sind starke Kräfte, aber machtlos gegen das Ende – die Zeit geht über uns hinweg. Seemanns Gedichte sind Todesgedichte und zugleich voller Sehnsucht nach Leben in der Zeit, die wir vor dem Tod haben. In den Gedichten gibt es keine Verheißung, kaum eine Ahnung von Jenseitsland, sie halten nichts als das Jetzt, den bewusstgewordenen Augenblick – Kargheit und Schönheit des klaren Gedankens oder des elementaren Gefühls. Einige Gedichte sind kritische Klagen über das ökologische Versagen der Menschheit und die Gefahr ihrer atomaren Selbstvernichtung.

Heute

 

Vom Staubgewölk aus gesehen

das rote Rad der Sonne

den langen, wehenden Tag über.

 

Was sollen all die Menetekel:

eine blutige Hand, abgeschlagen,

ein abgestorbener Baum, im Fluß treibend?

 

Völker, taub, ohne Lernfähigkeit

im eigenen Wohlstand gefangen,

andere schon in Agonie

auf einem ausgeplünderten Planeten.

 

(MIT SCHWARZER KREIDE, S. 3)

 

 

Viele Gedichte sind kleine Elegien, in denen Klarheit und Reinheit der Natur, aber auch die kleinen Glücksmomente im Leben melancholisch festgehalten werden, kleine Gesänge manchmal, fast Lieder.

Bald kommt die Nacht,

und die Nacht

ist ein tänzelndes Pferd,

und die Nacht

ist ein Stein.

 

Dann pflück ich den Mond,

den silbernen Mond,

eine Münze,

ausgegraben

aus singendem Schwarz.

 

(TAGMOND, S. 45)

 

Das sind Bilder der täglichen Nacht und der einen Nacht, aus der wir kamen und in die wir wieder gehen werden. Das lyrische Ich weiß nicht, was kommen wird, es weiß nur: „Nach diesem langen Winter | wird alles anders sein.“

Der Sprache traut Karl Seemann nicht zu, die Welt und ihren möglichen Sinn zu erfassen, die Worte spiegeln im besten Fall nur, wie die Welt, wie das Leben erscheint. Seemann redet von „Der Sprache Sinn | und Widersinn“, er sieht ihr Unvermögen als Tautologie und Kontradiktion, ja sogar als „Last“. Das Leben wird „…mit schwarzer Kreide eingeschrieben | in Wasser, Stunden, Nacht und Luft.“ (MIT SCHWARZER KREIDE, S. 21 und 26) Diese Schrift macht nichts sichtbar, was nicht ohne sie gesehen werden kann – aber das Schreiben ist die Denkbewegung, die Karl Seemann für sinnvoll hält. Dichtung ist die kleine Spiegelung der Welt im Bild des armen Worts, in uns ein kleines Bewusstsein, mehr nicht. Aber dieses Wenige ist alles, was wir haben: Das kleine Glücksgefühl in der Übereinstimmung mit der Natur, das Erkennen, dass wir selbst Natur sind, dass durch uns die Natur zu sich selbst spricht, ohne ihr Alleinsein aufheben zu können. Der Dichter schreibt seine Einsamkeit auf, das Gedicht ist der Versuch den Monolog zu überwinden, indem ein Dialog mit dem Leser entsteht – aber dieser Dialog ist nur ein doppelter Monolog. Das ist der Grund für die Melancholie der elegischen Verse und zugleich die nie aufgegebene Hoffnung, die in den Gedichten und im Leser gespiegelte Einsamkeit ertragen zu können, wenn sie zum Kunstwerk erhoben wird, wo sich das Bewusstsein ins Wort spiegelt. Das Wort ist ein Bild ist ein Wort ist ein Bild ist ein Wort …

 

Verwandlung

 

Über der Ebene

verbrennt das Wort,

noch nicht Ebene, Wolkenland,

nicht mehr Wort.

 

Tage, Nächte, sich auflösend

an der Peripherie

des Sprachlosen.

 

(MIT SCHWARZER KREIDE, S. 40)

 

 

Sind Gedichte denn nur der Ausdruck der Sprachlosigkeit? Die gewonnene Form des gesprochenen Nichts? Ist alles gesagt, wenn nichts gesagt wird -  wird mehr gesagt, wenn alles gesagt wird? Ist also das Gedicht nur die Form der Verzweiflung daran, dass wir nichts wissen können?

Ich denke, Karl Seemann hat mit den dunkleren Worten immer auch auf die helle Welt gezeigt, er hat die helleren Worte für die Dunkelheit gebraucht, aber die Worte sind immer nur Bilder. Manche seiner Gedichte sind ganz bestimmt geprägt von der Trauer der Erkenntnis unseres befristeten Lebens, sie sind auch Fragen und sie sind Suche, Klage und zu Versen geronnene Verzweiflung – im Wesentlichen aber sind die Gedichte Ausdruck der gewollten und zuweilen erlebten Harmonie mit dem Leben, ein sich Hineinfallenlassen in die sinnlos erscheinende Welt, so eine Art inhaltlos gewordenes Heureka, das sich im sinnlichen Erfassen der lyrischen Form ergibt, uns aber wieder entgleitet, kaum dass wir das kleine Erkenntnisgefühl hatten. Die Wahrheit haben wir nicht, aber wir können ihre Form erschaffen, das ist der Aspekt ihrer Schönheit, die das Wort sinnlich erfahrbar macht: Das ist zum Beispiel die Landschaft aus Erde, Strauch, Baum, Wasser und Wind – ihre Farbe, ihre Töne, ihre Körperlichkeit und die dadurch erzeugten Gefühle und Stimmungen in uns – und sie ist das Bild, das die Landschaft von der Welt und dem Leben darstellt und in uns erweckt. Die Form dieser Bilder dieser Worte dieser Bilder dieser Worte dieser…

Gedichte

 

Wenn aus dem Licht,

dem Wasser

die Rundung der Dinge,

wenn das Spiel

der Tage alt wird,

zu Formen gerinnt,

wenn das Endgültige

ohne weitere Erfahrung

die Landschaft einnimmt,

ein Verschmelzen

von Anfang und Ende.

 

(MIT SCHWARZER KREIDE, S. 47)

 

 

 

Brief an Karl Seemann 6.1.2000

 

Die Gedichte sagen sanft und leise, manchmal aber still und hart die Schwere des Lebens, sie deuten sie an, sie schreien sie schweigend heraus. Leid. Die Erfahrung des Älterwerdens wird schwer erlitten. Das lyrische Ich liebt das Leben, kann es nicht loslassen, obwohl es vielleicht will, und das Leben wird (oder wurde) nicht einfach, sondern sehr gebrochen geliebt. Dem Ideal, dem Wunsch, dem Traum steht gegenüber das erkennende Bewusstsein, das Erkannte, das Erlittene, auch das Unsagbare, das was keiner wissen kann. So heißt es in einem Gedicht zu Leben und Tod: „von Nacht zu Nacht“. – „Zwischen Nichts und Nichts“ schrieb der philosophische Dichter Ernst Meister.

MIT SCHWARZER KREIDE ist in der Tat ein zentrales Buch, aber ich finde, GRENZBEREICH fällt nicht zurück, ist auf gleich guter Ebene:

Zu den schönsten Gedichten, die ich von Ihnen kenne, gehört „Erinnerung“. Darin scheint Lebenskraft auf, wenn auch verhalten und ohne jede Hoffnung. Immerhin gibt es Verse, Worte – auch Liebe und also selbstgesetzten Sinn, allerdings steht am Ende Schweigen, ganz am Ende verschwindet das Licht in der Schwermut der Landschaft, die für das Leben (eines Menschen) steht.

Immerhin, auch die Schneefelder wachsen, leben also („Heute“), aber was können wir von ihnen ernten?

Als wenn das Leben von Anfang an tot ist („Memorial“), so hoffnungslos ist es, da schon der Morgen unseres Lebens vom Tod gezeichnet ist.

Die Sprache stirbt mit („Dieser Faden, gerissen -“), aber sie erschafft auch Leben („Minute aus Sprache und Schnee“).

Was bleibt? „Ausharren“. Auch das Schweigen gehört zur Sprache. (Auch das Nichts, auch der Tod? Zu welcher – übergeordneten – Sprache?) Der Sprache wird hier noch einiges zugetraut: „Schneisen schlagen von Wort zu Wort“ – das ist viel! Leben durch Sprache, durch Mitteilung an ein Du, an viele, die Sprache ist immer auch Tat.

Dunkel sind die Gedichte in SCHATTEN UND WORT. Auch hier, im Titelgedicht, wird deutlich, dass vom Tod angetrieben das Wort fällt, „es fällt aus dem Schatten die Nacht und das Wort.“ Das Gedicht erinnert mich an das Wort von Heinrich Böll: „Alles Geschriebene ist gegen den Tod geschrieben.“ Aber natürlich ist dieser Kampf aussichtslos. Das Trotzdem dieser Haltung ist  heroischer Nihilismus (Camus, Der Mythos von Sisyphos, fällt mir dazu ein).

In dem Band MIT SCHWARZER KREIDE, den Sie ein Schlüsselbuch nennen, wird das Scheitern des Menschen gleich zu Anfang (in dem Gedicht „Metamorphose“) deutlich. Wir, die Erben des Fluchs, der von Anfang an auf uns lag, nehmen uns selbst zurück, beinahe wissend.

Zu den mir liebsten Gedichten gehört „Vom Schatten“, das so wenig sagt und doch so viel ahnt. Das Nichtwissen ist wissend ausgesagt, kürzer, lyrischer geht es nicht. Am Ende steht die völlige Auslöschung, sogar die der Erinnerung an uns. Und trotzdem schreiben Sie Gedichte, schreiben für die kurze Zeit, in der wir leben, für die kurze Zeit, wenn wir Erinnerungsglück haben, nach unserem Tod. Deswegen tut Erinnerung so weh: Weil wir hier schon ermessen können, dass wir nicht(s) mehr sind, wenn wir erst weg sind. Schon unsere eigene Erinnerung ist reduziert, unwahrhaft, schmerzlich nur aus Erkenntnis des Endes: Das Erlebte ist vorbei, vergangen, als wäre es nie dagewesen. Nur in unserem göttlich bestimmbaren Bewusstsein, nur in uns selbst können wir eigentlich leben, und wenn es hoch kommt, in und mit einem Partner, mehr ist nicht möglich, mehr ist nicht erlebbar.

„Resumee“ steht mir noch näher. Hier ist es vielleicht das Vage des Endes, das wie Hoffnung gelesen werden kann – aber es ist nichts als Hoffnung, ohne jede Garantie, das ist kein Glaube, also keine Gewissheit, also nicht viel, vielleicht nur  – nichts (- die beiden letzten Verse).

„Früh im Jahr“ zeigt den kontemplativen, melancholischen, resignierten Menschen. Zeit löst sich fast auf, dann wird auch alles relativ, aber immer noch fällt dem lyrischen Ich das Verlogene in der Politik auf, dem dann der Nebel der eigenen Zukunft am Ende gegenübergestellt wird.

„Wir tragen die Stigmen | längst unter der Haut“ heißt es in „Untergänge“ – das meint das Christushafte an uns, aber hier ohne das theologische Gebäude, hier ist Stigma trotz Christusbezug eher Mythos, der wahrste, einfachste, realste und doch geheimnisvollste Mythos, der sich auflöst, wenn wir sterben: Der Tod, der in uns wohnt.

„Mit schwarzer Kreide“, das Titelgedicht, ist wieder eines der besten. Schwarz auf schwarz geschrieben – das kann man nicht lesen, aber das ist doch die Schrift der Gedichte. Die geschriebene Botschaft oder Wahrheit ist schwarz, dunkel, aber gewiss – ja sie ist auch Lebensmotor, und das klingt in dem Gedicht an: „im Munde brennt das Meer, feuriger Sand“ – das leben brennt, es verbrennt (uns).

 

 ***

 

Werke Karl Seemanns:

IM ANTLITZ DER NACHT (Eremiten-Presse 1955, Stierstadt im Taunus, Schloss Sanssouris); IMPRESSION EINES SOMMERS (1957); STUFEN UND ANKER (1963); GRENZBEREICH (Bläschke, St. Michael, Österreich 1985); ORTUNG (1987); MIT SCHWARZER KREIDE (Einhorn, Schwäbisch Gmünd 1990); SCHATTEN UND WORT (Calatra Press Willem Enzinck, Lahnstein, o.J.); TRAUMZÄSUREN (Edition Dachziegel, Dudenser Presse, Neustadt/Dudensen 1995); TAGMOND. LYRIK EINES LEBENS (Geest, Ahlhorn 2000).

Weitere Gedicht-Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften, Anthologien, Jahrbüchern und im Rundfunk.

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