Per Anhalter

27. November 2014
Von

742 Erzählungen im Umfang von einer bis zu sechs Druckseite(n) in einem Zeitraum von über vierzig Jahren, in dem darüber hinaus zahlreiche Romane und größere Erzählungen für Erwachsene und Kinder erschienen sind. Franz Hohler, 1943 in Olten geboren, ist ein unermüdlicher und unerschöpflicher Erzähler, der sein literarisches Handwerk im weiten Feld des fantastischen Realismus glänzend beherrscht. Mehr noch. Er ist auch ein Kabarettist, der sich gern selbst auf  die Schippe nimmt oder auch mal augenzwinkernd-seinen Lesern empfiehlt, diese oder jene  Erzählung auszulassen, wie zum Beispiel beim Einstieg in den voluminösen Band. Am Ende des ersten Teils der „Idyllen“ bietet er seinem verwunderten Publikum Ersatzidyllen zum Überkleben an. Sie betreffen zwei Städte –Aarau und Graz –  sowie eine Heimfahrt von Köln, für „solche, die gern von Deutschland heimfahren“. Ein Schelm, der sich nichts Böses dabei denkt. Und die Idyllen? Die reichen, dem Alphabet nach von einem Aarespaziergang bis nach Zuzgen, dem angeblichen Geburtsort des Erzählers, und von dem er aber fast nichts weiß. Und die anderen Anfangsbuchstaben dazwischen? Unter dem Buchstaben N sind Nachrichten aus Schweizer Gemeinden abgedruckt, darunter auch ein Bericht über eine Kaninchen-Ausstellung aus Herzogenbuchsee oder unter Q, ausgewählte Telefonnummern der Gemeinde Stierva 081. Eine Frechheit! Selbst das ehrwürdige Wien wird beleidigt. Es habe sein Maß an Geschmack in der Klassik und im ausgehenden letzten Jahrhundert aufgebraucht, Schönberg habe „der Leiche noch die Augen zugedrückt.“ Spätestens hier sollte ein kulturbeflissener Leser diese Ansammlungen an Banalitäten empört beiseitelegen. Oder sich köstlich amüsieren!

Wie?, frage ich mich, wenn der nächste Erzählzyklus „Wo?“ heißt und seriöse Themen anschneidet: Straßenszenen, die Beschreibung eines Entlüftungsrohrs im 6. Stock (mit schematischer Darstellung!) , eine Bundesfeier im Fernsehen, während der junge Vater beim angestrengten Zuschauen die Windeln seines zweijährigen Sohns säubert, eine Demonstration gegen das geplante Atomkraftwerk in Kaiseraugst, ein Bericht über den Besuch der Schlachtfelder vor Verdun, drei Reportagen über Amerika während der Nixon-Ära, ein protokollarischer Bericht darüber, wie seine Frau Ursula ihr zweites Kind zur Welt bringt und ein bizarrer Traum über eine Schiffsreise, die in der Hölle endet.

Im nächsten Zyklus „Ein eigenartiger Tag“ aus dem Jahr 1979, trägt die erste Erzählung den denselben Titel. Da sie mit der zweimaligen Wiederholung des Titels beginnt, vermute ich, dass dem Autor nichts Aufregendes eingefallen ist. Was soll schon an einem gewöhnlichen Tag in einer Schweizer Großstadt passieren. Außer dass der Ich-Erzähler sich einen neuen Handke kauft und er sich sofort daran erinnert, dass er in der Vergangenheit alle neuen Handkes irgendwo unterwegs gelesen hat.  Soweit, so anregend! Aber Langeweile kommt beim Lesen auch dann nicht auf, wenn der Erzähler seinen Blick durch das Schweizer „Oberland“ schweifen lässt. Mal ist es der verschärfte Blick auf „bäurisch aussehende Männer“, die im Herbst „das dürre Laub um die Hütten herum … zu großen Bündeln binden“ (S. 203), mal eine spannende Reportage von der Bobsleighweltmeisterschaft in St. Moritz, mal die Vision einer Hinrichtung mit einem zitternden Scharfrichter, mal ein Abstecher nach Zürich, aus dem sich eine skurrile Reise nach Singapur entwickelt, mal sogar ein Eisberg, der in der Hölle strandet.

Worin besteht das Geheimnis der wachsenden Faszination bei der Lektüre der Hohlerschen Kurzgeschichten? Ist es der ständige Wechsel seiner Plots zwischen kruder Realität und verblüffender Virtualität? Warum lässt sich der Leser von dem Plauderton des Erzählers immer wieder verführen? Eine Vermutung sei ausgesprochen: Er bedient sich nämlich einer Reihe von literarischen Gattungen und Subgattungen, die er so geschickt miteinander verbindet, dass seine Leser/Innen kaum spüren, wie sie durch Anekdoten, Märchen, Kriminalgeschichten, Witzen, Aphorismen und sogar hintersinnigen Aufzählungen von Eigennamen und Berufsbezeichnungen unterhalten werden. So als ob sie einem Kabarettisten zuhören, der sie mit unerhörten Neuigkeiten im Minutentakt versorgt und sie zugleich ständig zum Nachdenken auffordert. So wie in dem Erzählband „Der Mann auf der Insel“ (1991), in dem er sich auch mit den unmittelbaren Auswirkungen des Umbruchs in der DDR als Augenzeuge und als häufiger Besucher in Ostberlin auseinandersetzt. Er ist präsent, wenn die Ostberliner durch das geöffnete Mauersieb nach Westberlin strömen, oder wenn er sich mit jungen Dresdnern nach seinem Auftritt im Oktober 1990 trifft, die gerade die neue Republik Dresden-Neustadt ausgerufen haben

Doch der unermüdlich reisende Hohler ist nicht nur in den Grenzregionen des damaligen, gerade unterbrochenen kalten Kriegs in Europa unterwegs gewesen. Auch seine Süd- und Mittelamerika-Eindrücke sowie Berichte aus Australien, die er in dem Band „Da, wo ich wohne“ (1993) zusammenfasst, zeugen von kritischen Reflexionen über die gesellschaftlichen Verhältnisse auf anderen Kontinenten. So wie in dem Zyklus „Die blaue Amsel“ (1995), in dem er nicht nur die Missstände in Paraguay anprangert, sondern auch seine Eindrücke in Mexiko, Chile oder in Argentinien aus dem Blickwinkel eines stets wachen Beobachters vermittelt. Und da er als Absolvent der Hispanistik des Spanischen mächtig ist, sind seine visuellen Wahrnehmungen stets von dialogischen Einsprengseln begleitet.

Und die Titelstory „Der Autostopper“? Ein Paradebeispiel für den Hohlerschen frivolen Umgang mit den mythischen und religiösen Figuren in unserem Alltag. Der Teufel ist per Autostopp auf dem Weg in den Vatikan, um dem Papst die Meinung zu geigen. Und wer ist der mildtätige Fahrer, der ihn mitnimmt? Sie werden es kaum erraten!

Auch in den letzten beiden Erzählzyklen „Zur Mündung“ (2000) und „Am Ende eines ganz normalen Tages“ (2008) wimmelt es an unerwarteten Einfällen, sprudeln die sprechenden Bilder durch die bleiwüstenden Druckseiten. Wer erwartet da irgendeine Abbildung oder eine erläuternde Karikatur, wenn die Texte unsere Wahrnehmungen von dem Alltag durcheinander wirbeln? Ein Beispiel aus der Rubrik  ‚Alltagserzählung‘ soll das zum Abschluss belegen. Der Ich-Erzähler ist unterwegs zur Mündung der Glatt, quer durch Zürich, „durch eine Sakrallandschaft aus marmornen Banktempeln“ (S. 553). Er beschreibt seine stundenlange Wanderung in Richtung Glattfelden in der Annahme, die Glatt fließe in den Rhein. Doch der Wanderer muss zerknirscht feststellen, dass ihr Wasser in das Flußkraftwerk Rheinsfelden stürzt. Und in seiner tiefen Enttäuschung kommt er zu dem Schluss, dass hier ein Fluss „abgefertigt wird“.

Die an der Dübendorfer Glatt in der Nähe von Zürich lebende renommierte Literaturkritikerin Beatrice von Matt als Nachwort-Verfasserin erweist sich als ideale Interpretin des Hohlerschen Erzählwerkes. Ihr gelingt es, das listenreiche Spiel des Ich-Erzählers mit seinen Lesern auf den Punkt zu bringen: der Erzähler behalte stets seinen versöhnlichen, den einnehmenden Ton, ob er nun über Monströses oder über eine Begebenheit aus dem Alltag berichte. Sie beleuchtet auch den oft überraschenden Wandel der Erzähler-Perspektive innerhalb einer narrativen Sammlung, verweist auf den allmählichen Rückzug der performativen Gestaltung, der Wortakrobatik und der hybriden Elemente, zugunsten eines wunderbar leichten Erzählens in den späten Erzählungen. Auf diese Weise habe auch Franz Hohler zur Wiederbelebung der short story in der europäischen Literatur gesorgt. Kann es ein größeres Kompliment für einen Meister der Prosa geben, dessen Phantasie, wie Urs Widmer bezeugt, immer in der Wirklichkeit geerdet ist?

***

Der Autostopper, von Franz Hohler. Die kurzen Erzählungen. Mit einem Vorwort von Beatrice von Matt. München (Luchterhand Literaturverlag) 2014, 764 S., 19,99 €. ISBN  978-3-630-87456-2

 

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