Asphaltics – die geheime Streetart

28. August 2014
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Die vergangenen Jahre des Stillstands im Straßenbau, bei den Renovierungen unseres Wegesystems haben die Oberflächen reißen lassen. Macherorts fehlen gar ganze Stücke des Oberflächenmaterials und offenbaren zwar sehr malerisch, jedoch für Fahrzeuge jeglicher Art durchaus gefährlich, die darunter liegenden Schotterschichten. Die klamme Kassenlage der Kommunen zwingt zum Sparen. Wo der Blick hinfällt; es muss in drei Bereichen gespart werden, damit die Defizite zurückgefahren werden können und vielleicht in Jahrzehnten ein schuldenfreier Haushalt vorzuweisen ist: Straßenbau, Kultur und Sozialwesen.

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Die kleine Gemeinde Möhnesee in Nordrheinwestfalen aber geht nun ganz neue Wege, alles drei unter einen Hut zu bringen. In einer sogenannten Zukunftswerkstatt haben sich die Verantwortlichen der Verwaltung mit der Straßenbehörde, dem Sozialamt und betroffenen Bürgern zusammengesetzt, ein Konzept zu entwickeln, das alle Seiten zufriedenstellen kann. Aus dem Wissen um die nicht gegebene Chance von Künstlern, von ihrer eigentlichen Arbeit leben zu können, aus der Misere viel zu häufiger Hartz IV – Anträge gerade von dieser Gruppe der Akademiker, und nicht zuletzt fehlender kreativer Fachkräfte im Bereich der untersten Gehaltsgruppen bei städtischen Angestellten wurde ein geradezu geniales Paket geschnürt. Für einen studierten Künstler wurde als Stipendienwettbewerb eine sehr preiswerte Stelle von monatlich 850 Euro bei Präsenzpflicht ausgeschrieben. Nur Zeichner durften sich hierfür bewerben. Die Wahl traf auf den uns schon von anderer Stelle her bekannten Laik Wörtschel, welcher auch schon durch virtuelle Installationen aufgefallen ist. Vermutlich, er sagt wohl aus Bescheidenheit  nichts Näheres darüber, könnte  er bei A.R. Penck studiert haben, deuten doch zumindest die von ihm verwendeten Zeichensysteme darauf hin. Das zunächst auf ein halbes Jahr limitierte Stipendium wurde inzwischen auf mindestens drei Jahre verlängert. Inzwischen ersetzt dieser engagierte Streetartkünstler mit seiner äußerst hintergründigen, mal amüsanten, mal auch sehr kritischen Aphatics – Arbeit, drei in den Ruhestand gegangene städtische Angestellte, kann man ihn doch auch oft bis in die späte Nacht auf den Straßen rund um den Möhnesee mit seiner Teerkanne arbeiten sehen. „Ich hätte niemals gedacht, dass irgendwann eine Gemeinde mir ungebegrenzte Fläche und ohne Material für meine Werke zur Verfügung stellen würde.“, lächelt der Künstler zufrieden. Sein Repertoire reicht von einfachsten, fast archaischen Figurenzeichnungen bis hin zu riesigen Landschaftformationen, die beizeiten durchaus auch mal mehrere hundert Meter groß sein können.

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Der angenehme Nebeneffekt für die Gemeinde wird immer deutlicher: Effiziente Einsparungen bei Personalkosten, verbunden mit der günstigen Reparatur des Wegenetzes und touristisch attraktiven Großkunstwerken lassen ganz neue Besucherscharen zum Möhnesee strömen, inzwischen haben sich drei Restaurants und zwei Cafés auf dieses neue Klientel eingestellt. Neuerdings gibt es auch vier Kunsthistoriker, die mit Führungen gutes Geld verdienen.

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Vor allem die Strecke um Körbecke und Stockum erweist sich dabei als spannend. Der inzwischen erschienene Katalog hat sich über achtzigtausendmal verkauft, was der Gemeindekasse zu Gute kam. Die Steuergelder strömen nur so, wahrscheinlich können demnächst auch wieder professionelle Straßenbauarbeiter angestellt werden. Dann würde der Stipendienvertrag sicher gekündigt. Laik Wörtschel lässt das alles unberührt, er will in den nächsten zwei Jahren einfach sein Werk fortführen, was danach kommt, ist ihm nicht so wichtig. „Mir ging es noch nie so gut wie jetzt, inzwischen kann ich mir ein 16m² Zimmer leisten, ohne Angst zu haben, dass ich vor die Tür gesetzt werde und ich spare auch noch jeden Monat einige Euros für die Zukunft.“

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