Macht und Wahrnehmung

4. August 2014
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Überall, wo soziales Leben stattfindet, findet auch Macht statt.

Tatsächlich scheint, unabhängig vom Willen zur Macht, der jedem Menschen innewohnt (Nietzsche), Macht notwendig zu sein, um eine soziale Ordnung zu schaffen und anhand dieser Struktur Wohlbefinden sowie psychische Gesundheit. Bateson u.a. untersuchten die Bedingungen in Familien, in denen ein oder mehrere Kinder an Schizophrenie erkrankten, ein besonderes Merkmal dieser Familien war, dass sie keine geregelten Machtverhältnisse besaßen.

Die Rolle des Familienvorstands fällt im günstigsten Fall für die Entwicklung der Kinder, wie neuere Metastudien belegen, beiden Eltern zu. Eine erhöhte Neigung zur Aggressivität als auch zur Delinquenz bei Söhnen weisen bereits traditionelle Familien auf, in denen der Vater Karriere anstrebt, während die Mutter sich bevorzugt um die Kinder kümmert. Schädigende Familienstrukturen zeigen sich also schon bei klassischer Rollenteilung und Hierarchie im Vergleich zu Familien mit gleichberechtigten Partnern, in denen beide Eltern gemeinsam Verantwortung für alle Bereiche übernehmen.

In Familien, die durch eine fehlende Rangordnung gekennzeichnet sind, kämpfen im Grunde alle Familienmitglieder täglich aufs Neue um die Macht, dabei wird z.B. regelmäßig diskutiert, wer das größte Stück Fleisch bekommt oder am Tischende/im Fernsehsessel (Platz des Familienoberhauptes) sitzen darf, wohin die Familie in Urlaub fährt usw. In der westlichen Welt begünstigt also die Abwesenheit von Hierarchien in der Familie eine schwere psychische Störung bei einem oder mehreren Kindern, die mit Wahnvorstellungen und Halluzinationen einhergeht (in anderen Ländern/Kulturen wird der Fokus eher auf die besonderen Fähigkeiten dieser Menschen gelegt). Kindliche Bedürfnisse nach Sicherheit, Geborgenheit sowie Ordnung können in solchen Familien nicht befriedigt werden, da das Kind mit den Eltern und Geschwistern um die Rolle des Oberhaupts kämpft. Das Kind erlebt permanente Misserfolge, da die Macht nur scheinbar erlangt werden kann, denn Eltern sind, objektiv betrachtet, mächtiger als ihr Nachwuchs. Durch das Negieren der tatsächlichen Machtverhältnisse sowie den Eindruck Macht innerhalb der Familie erlangen zu können während der gesamten Entwicklung der Kinder, wird systematisch ihre Wahrnehmung verzerrt, was später u.a. zur Schizophrenie führen kann.

Verletzungsmächtigkeit, Verletzungsoffenheit bestimmen wesentlich mit, was wir in einem fundamentalem Sinne »Vergesellschaftung« nennen. Die Sorge, Furcht, Angst voreinander ist als ein Modus des Vergesellschaftet-Seins niemals ganz wegzudenken. Zusammenleben heißt stets auch sich fürchten und schützen. Die Verletzbarkeit des Menschen durch den Menschen ist nicht aufhebbar. Kein Erleiden und keine Unterwerfung kann sie irgendwie abgelten.

Heinrich Popitz, Phänomene der Macht, Gewalt, S.44)

Macht wie auch die damit verbundene Gewalt scheinen eine Voraussetzung für soziales Leben, Wohlbefinden und psychische Gesundheit darzustellen. Demzufolge kann Zwang nicht abgeschafft, sondern lediglich minimiert werden. Da das Ausüben von Macht abstrakter und diffuser geworden ist, Herrschaftsverhältnisse häufig nicht mehr erkannt werden, kann Zwang nur minimiert werden, wenn er vorab analysiert wird. Ein Kennzeichen der Gewaltminimierung besteht in der Möglichkeit des Untergeordneten Nein zu sagen, Widerstand aufzubauen. Fehlen diese Perspektiven, befindet sich der Mensch einzig in einer Art modernen Versklavung, die durch eine Abwesenheit von physischer Gewalt gekennzeichnet ist.

»Man gibt leicht dem sozialen Feld eine gewisse Undurchsichtigkeit, wenn man dort auf nichts anderes zielt als auf die Produktion und das Begehren oder auf die Ökonomie und das Unbewußte. Tatsächlich aber gibt es eine ganz transparente Zwischenschicht zu analysieren, die sich enthüllt, untersucht man die Strategien der Macht, in denen die Soziologen nur das stumme System oder das Unbewußte der Regeln, die Epistemologen nur schlecht kontrollierte ideologische Wirkungen erblicken. Da genau kann man die perfekt geführten und kalkulierten Strategien der Macht sehen.

Michel Foucault, Mikrophysik der Macht, Über Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin.

Michel Foucault untersuchte in seiner Mikrophysik der Macht die Gewalt in Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin. Ich möchte mich mit meinen Essays den Zwischenschichten der Macht nach und nach nähern, untersuchen, ob die moderne abstrakte, psychische Gewalt wirklich humaner ist als physische, wie Grenzen verschwimmen, zu einer verrückten Wirklichkeit führen, die ähnlich wie starke physische Gewalt, Widerstand nahezu ausschließt und die Gesundheit schädigt. Ich nähere mich hier zunächst den Mikroprozessen in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Auch wenn physische Gewalt in Demokratien weitgehend verboten ist, setzt Gewalt sich weiter durch, wenn auch in einer subtileren Art und Weise. Inzwischen werden offene Drohungen, Beleidigungen, Demütigungen, öffentliches Bloßstellen weitgehend als psychische Gewalt anerkannt, trotzdem fehlen weiterhin effiziente Gesetze: Mobbing am Arbeitsplatz ist nicht strafbar, Stalking nur dann, wenn das Opfer nachweist, dass es alles bis hin zum Umzug, Aufgabe des Arbeitsplatzes, also dem Aufgeben des eigenen Lebens getan hat und sich trotzdem aus den Fängen des Täters nicht befreien konnte. Der Gesetzgeber tut sich weiterhin schwer, der psychischen Zerstörung von Menschen Rechnung zu tragen und diese Form der Gewalt zu definieren und zu bestrafen, auch wenn heute bewiesen ist, dass diese die gleichen Folgen für die Opfer haben wie körperliche Gewalt. Menschen die Opfer von körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt wurden, geben häufig an, dass sie die psychische am Gewalttätigsten erlebt haben. (Gewaltstudie 2013, Universität Bielefeld, Studie von Metin Basoglu, University of London, Psychische Gewalt in Paarbeziehungen, Berliner Forum Gewaltprävention).

Im Folgenden möchte ich aber Macht- und Gewaltprozesse analysieren und aufdecken, die noch weit diffuser sind und deswegen häufig verkannt werden. Von psychischer Gewalt wird erst dann gesprochen, wenn die Vorkommnisse regelmäßig und häufig auftreten, wenn ein Muster von gewalttätiger Kommunikation zu erkennen ist, nicht etwa bei einmaligen Entgleisungen.

Uneindeutige eindeutige Machtverhältnisse oder das Spiel mit der Wahrnehmung

In Macht dienen glücklich oder mächtig?  betrachtete ich im Gegensatz zum Beispiel oben zwar geregelte, aber wahrnehmungsundeutliche Machtverhältnisse. Dort analysierte ich die Hierarchiemuster von nicht gleichberechtigten Paaren und riss bereits kurz an, warum diese zum Scheitern verurteilt sind. Traditionelle, unemanzipierte Beziehungen bauen ihre Basis in der Regel auf folgenden Rollenmodellen auf:

Herrscherrolle: Dienerrolle
Elternrolle: Kindrolle
oder die Rollen kreuzen sich:
Herrscherrolle: Kindrolle
Elternrolle: Dienerrolle

Langfristig ist so keine Liebesbeziehung aufrechtzuerhalten, denn nimmt einer der Partner die Dienerrolle an, verliert der andere den Respekt, spielt einer die Kindrolle, ist durch Entmännlichung/Entweiblichung neben Inzesttabu langfristig keine erotische Liebe möglich.

 Ich untersuche, wie in scheinbar untergeordneter Rolle, Macht ausgeübt wird. Ein Mittel hierzu sind die sogenannten Dummspiele (Eric Berne: Blöd-Spiel, Schlehil). Da die dienende Rolle ehemals der Frau zugeschrieben wurde, wies ich bereits darauf hin, wie in alten Eheratgebern Frauen in der Vergangenheit geraten wurde, den Männern keinesfalls zu zeigen, dass sie intelligenter sind, als auch bestimmte Dinge besser können als sie. So befriedigt die Partnerin einerseits den Narzissmus des Ehemanns, andererseits kann sie so, unbemerkt, die Fäden in der Hand halten und die Kontrolle über die Familie ausüben. (Siehe auch Macht dienen glücklich oder mächtig?)

In der Psychopathologie/Transaktionsanalyse werden die heute zum Teil unbewussten Dumm-Spiele vor allem depressiven und hysterischen Menschen zugeordnet, beide Erkrankungen gelten als sogenannte Frauenerkrankungen, wobei sich durch zunehmenden Leistungsdruck sowie fortgeschrittene Emanzipation, diese immer weniger als klassische Frauenkrankheiten deklarieren lassen: Frauen werden narzisstischer, Männer hysterischer und depressiver.

 Während Eric Berne in erster Linie davon ausgeht, Dummspieler wollten nicht dazu lernen, vertrete ich die These, Dummspieler wollen Kontrolle und Macht über ihr Umfeld, denn Folgendes ist zu beobachten: Andere übernehmen die Aufgaben des Dummspielers, er besitzt häufig eine Horde Dienende. Um bei den traditionellen Rollen zu bleiben, haben z.B. Männer, die Dummspiele beherrschen, Mutter, Schwester und/oder Frau/Freundinnen, die sie bekochen, ihre Wäsche waschen, ihre Kinder hüten etc., während Frauen oft Mann/Freund/Verehrer/Vater haben, die ihnen Glühbirnen oder Abflussrohre austauschen, die Wände streichen usw. In erster Linie handelt es sich bevorzugt um Arbeiten, die auch unterdurchschnittlich begabte Menschen gut erledigen können, also um Aufgaben, die zwar unangenehm sein mögen, aber nicht schwierig sind. Dummspiele werden also benutzt, um Befehle zu erteilen und den Befehlsempfängern die Möglichkeit des Neinsagens zu nehmen.

Des Weiteren unterstützen diese Spiele, insbesondere die klassischen Dummspiele, veraltete Rollenaufteilungen und halten Abhängigkeiten aufrecht, obwohl sie überflüssig geworden sind. Das mag zum Teil traditionelle Hintergründe haben, sichert aber zusätzlich die eigene Position in der heutigen Zeit, die durch zahlreiche Neuerungen für große Verunsicherung im Rollenbild sorgt und kreative Lebensmodelle fordert: Neues ruft Angst hervor, also wird an den alten, sinnlos gewordenen Rollen festgehalten.

Macht durch Dummspiele und Ausschluss von Widerstand

In einer scheinbar unterdrückten Rolle, im Beispiel oben die Dienerrolle oder die Kindrolle, können durch Dummspiele (Eric Berne) Machtverhältnisse verschoben sowie umgekehrt werden. In klassischen Beziehungen sehen Dummspiele häufig folgendermaßen aus: „ich bin zu dumm, um einen Nagel in die Wand zu schlagen, zu kochen, zu putzen, zu waschen, eine Glühbirne einzuschrauben, eine Bohrmaschine zu bedienen, ein Abflussrohr auszutauschen etc. In den Gegenübern tauchen Gefühle wie Verantwortung, Stärke, Hilfsbereitschaft auf, sie implizieren ihnen Macht, die in Wirklichkeit beim Dummspieler liegt, der so das Handeln der anderen bestimmt und niedere Arbeiten verteilt, die er selbst nicht erledigen will.

Das Dummspielen gehört zur Kategorie Macht durch Täuschung, List und Manipulation, in einigen Machttheorien wird bei schwer durchschaubarer Macht eine Gewaltfreiheit angenommen, die aber nicht möglich ist. Weigert sich jemand, die auf diese Weise erhaltenen Arbeitsaufträge auszuführen, so wird der erpresserische, gewalttätige Hintergrund deutlich durch Machtkämpfe, Druck auf das Gewissen des anderen bis hin zum Psychoterror.

Macht durch Dummspiele gibt es überall, so halten sich auch manche Arbeitnehmer ungeliebte Arbeiten damit fern, übertragen sie so den Kollegen oder dem Vorgesetzten selbst. Auch Frau Merkel gibt die Verantwortung für die NSA-Affäre ab: Das Internet ist immer noch Neuland (inhaltliches Zitat). Hier greift Frau Merkel in die weibliche Trickkiste, ich bin zu dumm, um technische Zusammenhänge zu verstehen, denn ich habe die Möglichkeiten des Internets nach Jahrzehnten immer noch nicht begriffen, ist die dahinterliegende Botschaft zur Machtsicherung, die vor allem von einer immer noch patriarchalisch geprägten Arbeitswelt in Deutschland gerne geglaubt (und verziehen) wird, obwohl Frau Merkel Physikerin ist, demnach wesentlich umfassendere technische Zusammenhänge verstehen kann als der größte Teil der Bevölkerung. Sie impliziert hier, sie sei einem durchschnittlichen PC-Nutzer unterlegen, das kommt der immer narzisstischer werdenden Bevölkerung entgegen, die sich nun in einer überlegenen Rolle glaubt und nicht mehr an Frau Merkels scheinbar hilflosen Macht kratzt, obwohl sie sich weiterhin ihrer Verantwortung im NSA-Konflikt nicht stellt, als auch nicht für die Einhaltung unserer Grundrechte sorgt. Ein weiterer PR-Gag von Frau Merkel war der Skandal, um ihr abgehörtes Handy, denn der Skandal um die Abhöraffäre besteht schließlich nicht im Abhören von Politik und Wirtschaft, dafür sind Geheimdienste ganz offiziell eingesetzt, sondern im Bespitzeln sämtlicher Bürger, hier implizierte sie einerseits, wir sitzen alle in einem Boot, andererseits sichert sie ihre Macht, indem sie die Bedrohung der Affäre von der Bevölkerung auf sich lenkte. Zwei Schachzüge von Frau Merkel, die der Bevölkerung weismachen sollen, sie sei eine dumme hilflose Frau, ein Opfer des Internets und der Geheimdienste, so stiehlt sie sich aus der Verantwortung, lenkt von der Überwachung der Bevölkerung ab und sichert damit ihre Macht im Volk. Tatsächlich erreichte sie mit diesen Schachzügen ihr Ziel, die Aufregung über den NSA-Konflikt im Volk ließ spürbar nach. Natürlich sind das nicht die einzigen Aspekte dieser Kommunikation, Frau Merkel demonstriert hier weiter eine Unterwerfung gegenüber Amerika und ein möglicherweise taktisches Hinhalten und Abwarten der Entwicklung des Konfliktes.

Dummspieler greifen also in die Trickkiste, um wahre Machtverhältnisse zu verschleiern, zu leugnen, verzerren die Wahrnehmung anderer, um Macht zu erhalten oder zu sichern. Sie manipulieren und täuschen ihre Umwelt, spielen gern Opfer und klagen Ungläubige als Täter an, wenn sie durchschaut und ihre Anweisungen nicht befolgt werden, um sich weiterhin die Macht im Umfeld zu sichern. Erst wenn das alles nicht mehr funktioniert, greifen sie zusätzlich zur offenen Gewalt.

Sie sind herrschsüchtig und dulden keinen Widerspruch, haben also ein hohes Maß an Gewaltbereitschaft, auch wenn sie in der Regel keine physische Gewalt anwenden. Dies wird offenbar, wenn sie durchschaut und ihre Befehle nicht befolgt werden.

Die Macht des Gutmenschentums, des Helfersyndroms und die Zwickmühle der Untergebenen

Die Stümperei ihrer Moral-Genealogie kommt gleich zu Anfang zutage, da wo es sich darum handelt, die Herkunft des Begriffs und Urteils »gut« zu ermitteln. »Man hat ursprünglich« – so dekretieren sie – unegoistische Handlungen von seiten derer gelobt und gut genannt, denen sie erwiesen wurden, also denen sie »nützlich« waren; später hat man diesen Ursprung des Lobes »vergessen« und die unegoistischen Handlungen einfach, weil sie »gewohnheitsmäßig« immer als gut gelobt wurden, auch als gut empfunden – wie als ob sie an sich etwas Gutes wären.«

Friedrich Nietzsche, Werke III, zur Genealogie der Moral, »Gut und Böse«, »Gut und Schlecht«, Erste Abhandlung, Satz 2, S. 772

Nicht zu Unrecht hat der Begriff Gutmensch einen negativen Beigeschmack. Die Motive des Gutmenschen bestehen nicht aus moralisch korrekten Handlungsweisen, die anderen objektiv helfen oder sie voranbringen, auch Gutmenschen streben Macht durch Manipulation an. Ein Mensch, der tatsächlich Gutes bewirken will, muss sich öfter unbeliebt machen, um ein Problem zu lösen, um Fortschritt in einer Situation, einer Sache oder bei einer anderen Person/Gruppe zu bewirken. Dem Gutmenschen geht es nicht um gute Taten, Entwicklungen, Lösungen, sondern um eine große Anhängerschaft und Macht. Er besitzt soziale Intelligenz, nutzt die gesellschaftlichen Vorurteile, was angeblich gut sei, aber in seiner Konsequenz häufig Schlechtes bewirkt. Gutmenschen neigen z.B. zu einem Zuviel an Fürsorge, nutzen ihre Position, ein Helfersyndrom oder Geld, um andere in Abhängigkeit zu halten, in Unterdrückung, sie sichern sich ihre Macht nicht nur durch die Unterdrückung, das Kleinhalten des anderen, indem sie seine Entwicklung blockieren, sondern zusätzlich durch die Anerkennung der Gesellschaft oder des Verbandes, die sie durch ihre scheinbar guten Taten erhalten. Nach außen spielen einige gern die Märtyrerrolle, was ihnen zusätzliche Macht sichert. Sie verzerren die Wahrnehmung des Abhängigen und die der Umgebung, um Macht zu erzielen und zu sichern. Auch hier steht massive psychische Gewalt im Hintergrund, man stelle sich vor, der Unterdrückte würde ausbrechen wollen, er hätte nicht nur den Gutmenschen gegen sich, sondern auch das gesamte manipulierte Umfeld, er wäre sozial isoliert. Gutmenschen greifen hier zu kulturell anerkannten Handlungsweisen, die in ihrer Konsequenz aber oftmals negative Auswirkungen haben.

Das Gutmenschentum hat viele Gesichter, sie reichen vom gefühlskalten Narzissten, der nichts ohne eigenen Vorteil tut, über Institutionen, die aus Geldmangel und/oder ungenügender Ausbildung der Mitarbeiter konstruktive Ziele für ihr Klientel nicht umsetzen können, bis hin zu Menschen mit Helfersyndrom, die ihrerseits abhängig vom anderen sind, da sie eigene kindliche Anteile nicht ausleben können und die Untergebenen hierzu benötigen.

Eine Differenzierung zwischen Gutmenschen und unbewusst schlecht Handelnden ist leicht möglich: Konfrontiert man den unbewusst schlecht Handelnden mit den negativen Auswirkungen seiner guten Taten, ändert er in Folge sein Verhalten, der Gutmensch ändert sein Verhalten nicht, da es ihm nicht um Gutes, sondern um Macht, Bewunderung und Anhängerschaft geht, ihm sind die Konsequenzen seines Handelns gleichgültig.

Bevor also Hilfesuchende als undankbar oder nicht lernfähig abgeurteilt werden, muss immer zunächst ein Blick auf die Gütigen oder Helfenden geworfen werden, setzten sie ihre Hilfe am Bedarf an oder bewegten sie andere Motive, die nicht nützlich waren oder sogar Schaden anrichteten.

Nun liegt für mich erstens auf der Hand, daß von dieser Theorie der eigentliche Entstehungsherd des Begriffs »gut« an falscher Stelle gesucht und angesetzt wird: das Urteil »gut« rührt nicht von denen her, welchen »Güte« erwiesen wird! Vielmehr sind es die »Guten« selber gewesen, das heißt die Vornehmen, Mächtigen, Höhergestellten und Hochgesinnten, welche sich selbst und ihr Tun als gut, nämlich als ersten Ranges empfanden und ansetzten, im Gegensatz zu allem Niedrigen, Niedrig-Gesinnten, Gemeinen und Pöbelhaften. Aus diesem »Pathos der Distanz« haben sie das Recht, Werte zu schaffen, Namen der Werte auszuprägen, erst genommen: Was ging sie die Nützlichkeit an!

Friedrich Nietzsche, Werke III, zur Genealogie der Moral, »Gut und Böse«, »Gut und Schlecht«, Erste Abhandlung, Satz 2, S. 772

An den Beispielen der Dummspieler und Gutmenschen wird deutlich, dass wahre Machtverhältnisse und Motive verschleiert und vertuscht werden können, Macht durch Täuschung, Verdeckung, List und Manipulation ausgeübt werden kann, die dahintersteckende Gewalt ist aber nicht, nicht vorhanden, sondern oft so massiv, dass der Unterdrückte sich durch die Wahrnehmungsverschiebung nicht oder nur sehr schwer aus der Unterdrückung lösen kann.

Ein physisch Misshandelter spürt die Misshandlung durch die direkte Gewaltanwendung, den hervorgerufenen Schmerz unmittelbar, der Manipulierte aber ist so diffuser Gewalt ausgesetzt, dass er diese kaum benennen und sich in Folge nur sehr schwer daraus befreien kann, häufig sogar den Eindruck gewinnt, sein Schmerz sowie seine Wahrnehmung seien verkehrt, was ihn in eine noch abhängigere, unterdrücktere Position bringt. Hier sind die Machtverhältnisse zwar analytisch eindeutig, jedoch für Betroffene und Umfeld schwer zu erkennen. Es handelt sich hierbei um Macht durch List, Täuschung und Manipulation, bzw. um Macht durch Wahrnehmungsverzerrung. Anhaltende Wahrnehmungsverzerrungen sowie nicht erkannte Gewalt können zu psychischen Erkrankungen beim Untergebenen führen, mit den Folgen müssen die Betroffenen häufig jahre- bis lebenslang leben.

Drei Aspekte führen zu den massiven Auswirkungen diffuser psychischer Gewalt:

1. Die Wahrnehmungsverzerrung, die durch die kontinuierliche Leugnung der inneren Realität des Untergebenen, diesen tendenziell verrückt macht.

2. Ein Erkennen der Gewalt ist für den Untergebenen nahezu ausgeschlossen

3. Durch 1. und 2. ist Widerstand nahezu ausgeschlossen, wie bei massiver körperlicher Gewalt.

Es existieren aber auch tatsächlich Begegnungen mit uneindeutigen Machtverhältnissen, objektiv betrachtet ist die Macht hier nicht vorhanden, die Partner sind gleichberechtigt oder die Machtverhältnisse (noch) undeutlich, noch nicht austariert oder sie berühren sich nicht.

Erst das Wissen um die Wahrnehmung des anderen kann die Machtverhältnisse hervorrufen oder ändern.

Territoriale Macht und Wahrnehmung

Denkbar ist, dass sich in Begegnungen beide Seiten als mächtig erleben, sich überlegen fühlen, obwohl es sich um die gleiche objektive Situation handelt.

Das beginnt auf der Straße, begegnet ein mittlerer oder höherer Angestellte einem einfachen, machtbesessenen Menschen, weicht er ihm aus. Er weicht solchen Menschen aus, weil sie es nötig haben, ihre Macht auf der Straße auszuleben, weil sie, so glaubt er, ansonsten wenig Macht besitzen. Er macht also Platz, bleibt dennoch überlegen in seiner Wahrnehmung. Der andere wiederum könnte denken, die Straße gehört mir, niemand kommt mir in die Quere, ich habe die Macht. Macht wird also in bestimmten Situationen unterschiedlich definiert. Macht ist hier relativ, eine Frage der Wahrnehmung bzw. des Territoriums, der Angestellte wahrt den Platzanspruch des anderen, ohne sich dadurch unterlegen zu fühlen, obwohl er objektiv betrachtet den Platz räumen musste.

Sehen wir uns an, wie die Situation weitergehen könnte, um festzustellen, wer objektiv der Mächtigere ist: Nehmen wir an, er weicht dem Mitglied einer Straßenbande nicht aus, sondern erwartet aufgrund der höheren gesellschaftlichen Stellung, dass es ihm ausweicht. Es kommt zur Auseinandersetzung, der Angestellte wird verprügelt, er hat zunächst den Kürzeren gezogen. Da er keinen Vertrag mit der Straße hat (dort gehört es zum guten Ton, Probleme selbst zu regeln, Kämpfe eigenständig auszutragen und die Justiz als übergeordnete Macht nicht in Anspruch zu nehmen), zeigt er das Bandenmitglied an, es kommt vor Gericht, wird verurteilt, jetzt sitzt der Angestellte  wieder am längeren Hebel, die Machtverhältnisse haben sich erneut geändert. Die Spirale könnte so weiter gehen, das Gangmitglied könnte ihn nötigen die Anzeige zurückzunehmen usw.

Die Regel wird jedoch sein, dass dergleichen nicht passiert, da sich beide in ihrem Territorium überlegen fühlen und keinen Grund für einen Machtkampf sehen, dem anderen nicht ins Gehege kommen. Machtkämpfe finden also vor allem dann statt, wenn es um gleiche territoriale Ansprüche geht, der Angestellte führt seine Machtkämpfe im Büro und überlässt die Straße in der Regel anderen.

Macht durch Ausbeutung

Spruch des Gewaltmenschen

Bitte nie! Laß dies Gewimmer!

Nimm, ich bitte dich, nimm immer!

Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache, Satz 17, S.294

Wie Nietzsche bereits erkannte, spielt bei Gewaltmenschen Ausbeutung eine große Rolle. In der Psychopathologie sind davon häufig Menschen mit Persönlichkeitsstörungen betroffen, die in der Kindheit Opfer massiver Gewalt waren und diese als Folge ins spätere Leben mitnehmen.

Vertiefen wir ein Beispiel, das der Prostitution, hier stoßen zwei unterschiedliche Welten gewollt aufeinander. Objektiv betrachtet ist das Verhältnis zwischen Freiern und Prostituierten ein gleichberechtigtes, vorausgesetzt es handelt sich nicht um Zwangs- oder Kinderprostitution. Es präsentiert sich zunächst ein Geschäft auf Augenhöhe, beide müssen einwilligen, damit es zustande kommt, der Freier oder die Freierin betritt hier zunächst fremdes Territorium, sodass der Prostituierten oder dem Prostituierten sogar ein gewisser Heimvorteil zugesprochen werden kann. Da es sich nicht um ein Geschäft mit einem Gegenstand handelt, sondern um eins mit dem menschlichen Körper, hier Zuwendung, Nähe und Sexualität gekauft wird, steht das Thema Ausbeutung im Raum, bildet die Schnittmenge zwischen beiden.

Durch das Thema Ausbeutung kommt es in Folge zur Machtfrage, zur Frage, wer beutet wen aus. Objektiv betrachtet dürfte es sich um eine gegenseitige Ausbeutung handeln. In der Wahrnehmung sieht das aber häufig anders aus, wobei beide die gleiche oder eine unterschiedliche Wahrnehmung haben können:

Der Freier/die Freierin gibt (Geld, Geschenke)  à Prostituierte/Prostituierter beutet aus

Der Freier/die Freierin kauft (den Körper der Frau/des Mannes)

àProstituierte/Prostituierter lässt sich ausbeuten

Im ersten Beispiel ist die Person, die sich prostituiert die Mächtige, sie nimmt Geld oder Geschenke für Leistungen, die normalerweise aus Zuneigung, Sympathie und/oder Gefallen gegeben werden, im zweiten Beispiel ist die Person, die bezahlt die Mächtigere, da sie mit Geld den Körper kauft (ausbeutet).

Durch das Thema Ausbeutung kommt also in das zunächst objektiv gleichberechtigte Geschäft, die Machtfrage, die Frage der Unterwerfung mit ins Spiel. In dieser Begegnung sind wieder verschiedene Kommunikations-/Wahrnehmungsmuster denkbar:

F: Ich bin der Mächtige/die Mächtige,  P: Ich bin die Mächtige/der weil ich dich kaufen kann. Mächtige , weil du von mir nichts  ohne Gegenleistung/Geld bekommst.

F: Frauen/Männer beuten mich nur aus P: Männer/Frauen sehen nur ein Objekt in mir

Oder die Rollen kreuzen sich:

F: Ich bin der Mächtige/die Mächtige, P: Männer/Frauen sehen nur ein   weil ich dich kaufen kann Objekt in mir

F: Frauen/Männer beuten mich nur aus P: Ich bin die Mächtige/der Mächtige, weil du von mir nichts ohne Gegenleistung bekommst.

Wenn beide Parteien ihre Position nicht kommunizieren, so kann das Geschäft äußerlich gleichberechtigt bleiben, auf einer gegenseitigen Ausbeutung beruhen, sofern es sich um ein kurzes Geschäft handelt, in einer Prostitutionsehe/-beziehung werden die Machtverhältnisse irgendwann deutlich und können wie bei einem gewöhnlichen Paar auf beiden Seiten liegen. Befinden sich beide in ihrer Wahrnehmung in der überlegenen Position, so kommt es zu Machtkämpfen, die wieder eine Hierarchie entstehen lassen, in der einer ausbeutet und der andere ausgebeutet wird. Wie diese Hierarchie aussieht, bestimmen vor allem die innerpsychische persönliche Stärke der Mitstreitenden und die äußere Situation (z.B. Alter, Finanzen, herrschende Konkurrenz von Sexualpartnern) also die Frage, wer wen in die größere Abhängigkeit in der Wahrnehmung beider manövrieren kann, sind beide gleichstark, entscheidet die äußere objektive Situation.

Ausbeutung findet nicht nur in der klassischen Prostitution statt, sondern auch z.B. im Niedriglohnsektor, in dem Zeitarbeitsfirmen einen Großteil des Gehaltes der Arbeitnehmer einstreichen, sodass diese vom Restgehalt nicht einmal ihre Lebenshaltungskosten bestreiten können. Arbeitgeber nutzen diese Firmen, um risikoarm Arbeitende einzukaufen. Anstatt jedoch für die risikoarme Vermittlung eine Provision zu zahlen, werden Arbeitnehmer zur Kasse gebeten, die Monate, Jahre oder, je nach Vertrag, auch lebenslang einen Großteil ihres Gehaltes an die Personalvermittlungsfirma abtreten müssen.

Auch die modernere Familie ist häufig noch durch Ausbeutung gekennzeichnet, selbst wenn die modernere Frau heute im Berufsleben steht, ist sie oft zusätzlich noch nahezu ausschließlich für Haushalt und Kindererziehung zuständig, sodass sie zwar einerseits selbständig ist und Rentenbeiträge zahlt, sodass sie Armut und Altersarmut verhindern kann, andererseits aber durch die Dreifachbelastung sich weiter in einer ausgebeuteten Lage befindet. Hier ist die Frau zwar selbständig, bietet sich jedoch weiterhin zur Ausbeutung an, wenn sie sich außerstande fühlt, Aufgaben an den Partner und/oder an Institutionen abzugeben.

Zusammenfassend lässt sich sagen, durch das Verbot von physischer Gewalt ist Gewalt nicht verschwunden, sondern hat sich neue Wege gesucht. In westlichen Demokratien sind Macht- und Gewaltverhältnisse abstrakter und diffuser geworden. Um Gewalt und ihre schweren Auswirkungen auf die Gesundheit zu minimieren, wird unsere Aufgabe sein, sie zu benennen, zu entlarven, zu analysieren, Begriffe und Definitionen zu finden, aufzuklären, Untersuchungsmöglichkeiten zu entwickeln, Studien aufzustellen und in Folge Gesetzbücher entsprechend zu überarbeiten, um posttraumatische Belastungssyndrome und psychische Erkrankungen in der Gesellschaft zu reduzieren.

Popitz beschreibt den nicht auflösbaren Gewaltkreislauf folgendermaßen:

Soziale Ordnung ist eine notwendige Bedingung der Eindämmung von Gewalt – Gewalt ist eine notwendige Bedingung zur Aufrechterhaltung sozialer Ordnung.

 

Further reading →

Anja Wurm, sizzierte, warum Netzliteratur Ohne Unterlaß geschieht. Ulrich Bergmann sieht das Thema in seinem Einsprengsel ad gloriam tvvitteraturae! eher kulturpessimistisch. Für Karl Feldkamp ist Twitteratur: Kurz knackig einfühlsam. Jesko Hagen denkt über das fragile Gleichgewicht von Kunst und Politik nach.  Gemeinsam mit Sophie Reyer präsentierte A.J. Weigoni auf KUNO das Projekt Wortspielhalle, welches mit dem lime_lab ausgezeichnet wurde.

* Das in indem Beitrag verwendete Bild stammt von Sabine Tomscheit, die am 30.04.2008 im Alter von 47 Jahren verstorben ist.

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