Fragmenttexte / Visuelle Poesie

28. Juli 2014
Von

Vorbemerkung der Redaktion: Flankierend zur Ausstellung „Fragmenttexte / Visuelle Poesie“ präsentiert KUNO eine kleine Auswahl der ausgestellten Fragmenttexte, ergänzt durch die Einleitung von Michael Gratz aus dem Band tEXt bILd:

Als Angelika Janz im Rheinland in den 70er Jahren erste Schritte in die Literatur- und Kunstszene unternahm, lehrte in Düsseldorf Joseph Beuys, in der Kunst wurden nicht die Schlachten des 19. Jahrhunderts geschlagen, sondern zwischen Pop Art und Fluxus wurde im Zukunftslabor gearbeitet – an den Hochschulen, in den Werkstätten und auf der Straße. In Zeitschriften wie Sprache im technischen Zeitalter wurde nicht (wie heute) Kanon verwaltet, sondern Zukunft gesucht. Serendipity hieß ein Schlagwort damaliger Debatten – Angelika Janz beteiligte sich mit einem Statement und sah ihre Fragmenttexte als ein mögliches Verfahren in diesem Rahmen.

Im Jahre 1993 konstatierte Michael Glasmeier in einem Text über ihre Fragmenttexte den Abbruch des Experiments: was ich von der Literatur erwarte – Experiment, längeres Gedankenspiel, Zeitgenossenschaft, Grenzgängertum –, scheint sich in ein merkwürdiges statisches Gejammer, in eine weinerliche, selbstbezogene Enge verkrochen zu haben. Und in diesem Kontext sah er in ihren Fragmenttexten den Beleg, dass trotz des langsamen Verglühens der Konkreten und Visuellen Poesie Ende der 70er und der konservativen Haltung von Feuilleton und Literaturwissenschaft ein Freiraum für Experimente fortbestehe.

Avantgardistische oder experimentelle Kunst wird oft als schwer verständlich empfunden. Selbst in den meist im Internet geführten Debatten junger Autoren geistert das Gespenst einer unverständlichen, akademischen Kunst herum. Dieser Zustand hat mehr als eine Ursache – man müsste nach dem Deutsch- und Kunstunterricht ebenso fragen wie nach Paradigmenwechseln in den Theoriedebatten der letzten Jahrzehnte sowie nach sozialen Bedingungen der arbeitsteiligen Gesellschaft. Leicht zu zeigen wäre aber, dass ihm auch ein fundamentales Missverständnis zugrunde liegt, das in den Institutionen (Schule, Wissenschaft und Medien) weitergetragen wird. Wesentliche Teile der Avantgarde des 20. Jahrhunderts waren von dem Bestreben getragen, Kunst und Lebenswelt zusammenzuführen. Namentlich der konkreten und visuellen Poesie eignet ein eminent demokratischer Grundzug. Einer der Gründe, warum sich dort entwickelte Verfahren in der Werbung verbreitet haben. Wenn man in der Schule lernen würde, den eigenen Sinnen zu trauen, anstatt krampfhaft nach einer in der Tiefe verborgenen Bedeutung zu suchen, wäre viel gewonnen.