Aufzeichnungen eines Abgeschriebenen

25. Juni 2014
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Er empfiehlt sich mit Lyrik und wird zu Prosa ermutigt. Dieter Wellershoff erkennt das Talent, die Kritik nimmt Witterung auf. Anfang der 1960er Jahre erscheint Rolf Dieter Brinkmann „als Benjamin einer Gruppe“, da lebt er in Köln und studiert Pädagogik. Brinkmann schreibt einfache Gedichte, lyrische Schnappschüsse sind das nach eigener Angabe. Er steht in keiner deutschen Tradition, der Dichter will kein Arbeiter im Weinberg der verkarsteten Geschichte sein. Er popularisiert die amerikanische Gangart, unterstützt und herausgefordert von Ralf-Rainer Rygulla, dem Freund aus Essener Bleizeiten. Brinkmann kommt aus Vechta in Niedersachsen, er hat Buchhändler gelernt, so wie Rygulla. Der viel beweglichere Andere bringt aus London Zündstoff mit, in der Gestalt kleiner Magazine. Die englischen Zauberworte heißen Unabhängigkeit und Untergrund. Sie werden nach Kräften verbreitet, bis das Feuilleton anfängt, damit zu jonglieren, anfängt auch mit „der neuen Sensibilität“, vor allem jedoch mit „Pop“. Plötzlich ist alles Pop – und „Keiner weiß mehr“ folglich „der erste genuin entwickelte deutsche Poproman“. Das behauptet Karl Heinz Bohrer, Brinkmanns einziger Roman steht 1968 auf der Spiegelbestsellerliste. Der Autor wehrt sich gegen alle möglichen Zuschreibungen und so auch gegen die Vermutung, er würde „nur mit dem Penis schreiben“. Brinkmann rudert zurück, er distanziert sich und stürzt sich lauthals in das Verderben der Isolation. Eben noch der Zukunft Puls und bald schon die unerträgliche Wurst als chancenloser Feind der Gesellschaft und ihrer Formen. „Schakal von Metropolis“ kommt viel später und viel zu spät für den 1975 tödlich Verunglückten. Seine Heroisierung kriegt er nicht mehr mit. Sie wird angeheizt von den postumen Veröffentlichungen der in Köln, Rom und Austin entstandenen Aufzeichnungen eines Abgeschriebenen.

Dieses manische Gemurmel

Eine dünnhäutige Armut spielt ihre Rolle schon in „Keiner weiß mehr“ – und jetzt lesen Schauspieler daraus vor. Sie lesen: „Trockene Frauen sind besser als nasse Frauen“.

Ist das nicht ein Heftchensatz? Nein, Brinkmann gehört zum Kanon, man hat sich auch noch mal umgezogen, das muss also gut sein. Sonst hätte man heute Abend das Leben verfehlt, das überall mächtig aufrauscht für deutlich weniger als der Eintritt gekostet hat. Daher die Frage: „Hast du noch genug oder soll ich erst?

Geld ziehen.

Es gibt auch noch den Typus weiblicher Mann mit Schillerkragen, der gern schnullerisch wirkt.

„Was soll denn schon sein“, befragt Brinkmann in „Keiner weiß mehr“ die eigene Ratlosigkeit. Da sitzt er mit Frau, die jederzeit genauso gut auch eine andere Frau sein könnte, das sagt er so, und behindertem Sohn fest, entsprechend eng erscheinen die Verhältnisse. Während „der Rainer in seinen Pornounterhosen“ womöglich doch freier sein könnte. Auf jeden Fall ungestörter. Maleen Brinkmanns Sprachregelung für ihre Vorbildlichkeit im Roman zieht das Besondere ihrer Ehe in das Allgemeine junger Ehen. Wie man eben als Paar mit Kind zur Miete wohnt in der Gegenwart von 1967, „in einer typischen Kölner Altbauwohnung“. Wie man eben der häuslichen Tristesse auf der Tenne und „in den Flitter“ (ein Lieblingswort von Brinkmann) entgeht. Wie sich das eben auswirkt, die kurzen Röcke, der Beat, das Engtanzen. Die sexuelle Revolution findet statt. Dann spielt man wieder Schallplatten in der Wohnung ab, das Kind tappt an, wie soll man so zu Text kommen.

„Diese übertriebene Art da zu sein von Rainer.“ Einer redet auf den anderen ein: monoman, wütend, enttäuscht. Immer redet Brinkmann. Sein Alter Ego stellt fest: „Das Kind hatten sie weder gewollt noch verhindert“.

Ich frage mich, woher das Textvertrauen der Schauspieler rührt. „Keiner weiß mehr“ fände gewiss keinen Verlag mehr als Manuskript eines Namenlosen. Barrieren, an die Brinkmann eckt, sind aus einem Muff, der nicht mehr hergestellt wird. Sie stammen aus der Engelmacher-Ära: „Das Kind wäre leicht mit der Stricknadel zu verhindern gewesen.“

Das Auditorium dampft in der Hitze. Man hätte auch essen gehen können, auf dem Podium geht einer in die Vollen der Expression, wenn bei Brinkmanns daheim mal wieder der Deckel vom Topf fliegt. Ist für einen Ernst Busch-Profi leicht so ein obszöner Vortrag … „in völliger Armut, alles so mickrig, alles so deutsch beschissen … so unelegant und schwer von Begriff.“ Klar beschreibt Brinkmann sich. Er trifft sich auch. Auch die Schauspieler sind ausreichend jung, um der bekümmerten Dichterwut überzeugende Gesichter zu geben.

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Lesen Sie auch das Special Rolf Dieter Brinkmann des ausgewiesenen Kenners Theo Breuer.

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