Wer hat Angst vor RDB?

25. Juni 2014
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Ein gelber schmutziger Himmel, ein gelber schmutziger Himmel ein gelber schmutziger Himmel, ein mieser gelber dreckiger, schmutziger Kölner Himmel, ein mieser Himmel, ein verdammter Scheißdreck von Himmel, ein mieser gelber schmutziger Kölner verfluchter elender Kackhimmel, ein von Lichtfetzen verkackter Himmel.

Rolf Dieter Brinkmann

In den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts soll es Menschen gegeben haben, die Angst vor Rolf Dieter Brinkmann hatten. So haben Kölner Buchhändlerinnen angeblich Schweißaus­brüche bekommen, wenn er den Laden betrat. Ein weichgespülter Zeitgenosse war er sicher nicht für seine Umwelt. Davon konnte auch Marcel Reich-Ranicki ein Lied singen. Der zornige junge RDB hatte nämlich 1968 in der Akademie der Künste in Berlin mit einem Buch auf ihn gezielt und dabei erklärt, dass er ihn erschie­ßen würde, wenn dieses Buch ein Maschinengewehr wäre. Die lebensbedrohende Attacke mit bedrucktem Papier veranlasste den allgewaltigen, Bildschirme und Zeitungsseiten füllenden Großkri­tiker zu dem Urteil, dass Rolf Dieter Brinkmann »ein ungewöhn­lich ordinärer und abstoßender Mensch« gewesen sei.

Offenbar ist die Angst vor RDB noch immer so groß, dass manche Germanisten einen weiten Bogen um das Werk des 1975 im Alter von 35 Jahren tödlich verunglückten Dichters machen. In der dun­stigen Abgestorbenheit Kölns, wo er seit 1962 gelebt, gelit­ten und gelegentlich auch gewütet hat, gibt es sogar Deutschlehrer, die sich beharrlich weigern, seinen Namen überhaupt zu kennen. Wenn man sie auf Brinkmann anspricht, fällt ihnen allenfalls die Schwarzwaldklinik ein – und sonst nichts.

Ganz anders verhält es sich da bei ihrem Kollegen Dieter Liewer­scheidt, einem Oberstudienrat für Deutsch und Geschichte. Er kennt nicht nur den Namen, sondern schreibt auch über die Poesie und die heutige Rezeption in der Öffentlichkeit des Autors von Westwärts 1&2 sowie weiterer Lyrik- und Prosabände. In der re­nommierten Germanistenzeitschrift Wirkendes Wort veröf­fent­lichte er vor einiger Zeit unter dem Titel Pop und danach. Rolf Dieter Brinkmanns Lyrik in ihrem Dilemma einen Beitrag, der sich als das eigentliche Dilemma erwies. Liewerscheidt glänzte darin unter anderem mit einer Feststellung, die wenig Anlass bie­tet, ihm so etwas wie Durchblick zu bescheinigen: »Abgesehen vom Kult­status in einer kleinen Fangemeinde genießt sein Werk heute den Bekanntheitsgrad eines Geheimtipps.«

Kleine Fangemeinde, Geheimtipp – man könnte solchen Unsinn ignorieren, wenn er nicht in einem angesehenen Fachblatt für Germanisten publiziert worden wäre und somit zur Meinungsbil­dung von Menschen beiträgt, die das geistige Niveau junger Leute erheblich mitbestimmen. Offenbar hatte Dieter Liewerscheidt bei seiner realitätsfernen Einschätzung Kollegen vor Augen, für die Brinkmann ausschließlich eine Fernsehfigur ist, die einst im Schwarzwald quotenträchtig liebte und operierte.

Diese Zeitgenossen gehören nicht zu den rund 22 000 »Fans«, die bisher Westwärts 1&2 gekauft haben – fraglos ein Bestseller in der Literaturgattung der kleinen Auflagen. Ihnen ist auch entgan­gen, welche Wirkung RDB gerade nach dem Erscheinen der er­weiterten Neuauflage dieses legendären Lyrikbandes im Jahr 2005 hatte. So wurde 2006 ein Kinofilm mit dem Titel Brinkmanns Zorn fertigge­stellt, der auch als DVD vorliegt und im WDR-Fernsehen gezeigt wurde. Außerdem gab es 2005 und 2006 in Bre­men und Köln wo­chenlang Ausstellungen, in denen man sich über das Leben und Werk Rolf Dieter Brinkmanns informieren konnte. 2008 erschien in der edition text + kritik ein Band mit dem Titel Schnitte im Atemschutz, in dem Freunde und Weggefährten über ihre Erfah­rungen mit ihm berichteten. Weiterhin tragen Lyrik- und Brink­mannkenner wie Theo Breuer oder Jan Volker Röhnert mit ihren Beiträgen über Leben und Werk des Dichters bis in unsere unmit­telbare Gegenwart dazu bei, dass er nicht nur von einer klei­nen Fangemeinde wahrgenommen wird. Kaum noch zu überblic­ken sind die zahlreichen Zeitungs-, Zeitschriften- und Lexikonarti­kel, die sich bis heute mit ihm befassen. Und auch für Autoren der jungen Generation bieten die Werke des ungestümen Genies anre­gende Bezugspunkte, so unter anderem für Gerald Fiebig, Norbert Lange, Tom Schulz und Jan Wagner.

Wenn es Germanisten gibt, die nicht einmal seinen Namen kennen, bedeutet das also keineswegs, dass Brinkmanns Werk heute den Bekanntheitsgrad eines Geheimtipps genießt. Vielleicht sollte Dieter Liewerscheidt einmal über den Gartenzaun schauen. Dort gibt es eine Farbe, die sich erheblich von den tristen Grautönen mancher Kollegen unterscheidet – sozusagen ein anderes Blau.

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Anmerkung der Redaktion: Dieser Kommentar erschien ursprünglich in der Literaturzeitschrift Matrix 36, deren Schwerpunkt dem Lyriker und Herausgeber Axel Kutsch gewidmet ist.

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