Polytropische Lyrik

24. September 2013
Von

du schneidest passepartouts, damit ein bild deine wand ziert

deine vorstellung einer gemütlichen erkenntnis in deiner

behausung

versperrt kein ausgang den weg zu einem inneren rätsel

Wann ein Gedicht gelungen ist, läßt sich pauschal kaum mehr sagen. Eine normative Poetik ist seit 250 Jahren ein undurchsichtiges Unterfangen. Die Gedichte von Peggy Neidel sind interessant, weil sie eine Ganzheitlichkeit von sinnlicher Erfahrung und von Sprachgenauigkeit und von Welterfahrung haben. Bei ihrer polytropischen Lyrik tut sich ein haarfeiner Riß auf, in dem ein Abgrund sichtbar wird, in dem uns die Folgen der Aufklärung zurückgelassen haben. Die Freuden des Lebens treffen auf das Leid der Geschichte. Man liest überall Zeichen der Vergänglichkeit, der Verlassenheit und der Bedrohung des Gewöhnlichen und hält erschrocken inne.

in deinen adern fließen / meine scherben

Der Inbegriff eines Gedichts ist ein lebendiger Begriff in dem Sinne, wie Peter Hacks ihn in seinem Essay Der Sarah Sound bestimmt: Kein Merkmal seiner Bestimmung ist definitorisch konstitutiv. Deutungsvarianten tragen immer Unwägbarkeiten in sich. Neidels Klangrede negiert die romantische Immanenzen keineswegs. Es tönt ein von Trauerklang gefärbtes Indiz dafür, daß hier etwas zu Ende geht, was noch nicht zu Ende gelebt, geschweige denn zu Ende gedacht war: Vom Sehnen erzählen ihre Gedichte. Und genau das ist es, was hier geschieht. Die Menschen sehnen sich. Diese Augenblicke des jähen Erkennens, diese Augenblicke der Vergewisserung, daß die Einsamkeit des Menschen in der Welt nicht aufhebbar ist, haben sich in die Gedichte von Peggy Neidel eingeschrieben.

***

Weiß von Peggy Neidel

Reihe Neue Lyrik – Band 5 
Kulturstiftung des Freistaates Sachsen
. Herausgegeben von Jayne-Ann Igel, 
Jan Kuhlbrodt und Ralph Lindner

poetenladen 2013

Gebundene Ausgabe 72 Seiten | Euro 16.80 
978-3-940691-46-0

 

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