„Alles noch Handarbeit!“

24. November 2013
Von

O ihr lieben Bücher, ihr allein seid freigiebig und freimütig, ihr gebt jedem Bittenden und laßt jeden, der euch treu gedient hat, in die Freiheit ziehen.

Richard de Bury

Wir befinden uns in einer Vermarktungs-Situation, in der eBooks genannte Dateien mit wirklichen Bücher verwechselt werden. Fast alle diese auf diese Weise hergestellte Lektüre ist ein errechnetes Lesegefäß. So ist es vollkommen gleichgültig, ob ein Mensch oder eine Maschine rechnet. Der nicht errechnete Teil ist nicht errechenbar, es ist Spiel, kann so zur Kunst werden.

Zu beobachten ist gleichzeitig, daß Preisrekorde auf Auktionen regelmäßig mit künstlerischer Bedeutung verwechselt werden, daher bietet sich die Arbeit an Künstlerbüchern als Korrektiv an. KUNO verweist gern auf eine Neuerscheinung. Das Buch trägt den Titel Wie kann das sein und enthält 18  Gedichte von Christine Kappe und eine beigelegte, signierte und numerierte Radierung von Peter Marggraf (abgezogen auf 300 gr/qm Kupferdruckbütten der Firma Hahnemühle). Die Auflage des Künstlerbuchs ist auf 30 Exemplare limitiert (26 mit den Nummern 1/26 bis 26/26 und vier Künsterexemplare mit den Bezeichnungen e.a.1 bis e.a.4). Das Buch wurde im Sommer 2013 im Bleisatz auf der Linotype aus der Bodoni 12 Punkt, gesetzt und auf einer Handpresse, auf 150gr/qm Zerkall-Bütten, gedruckt. Alles Handarbeit.

Blick in die Historie

Das Künstlerbuch gibt es seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Es ist eines der Ausdrucksmittel der Avantgarden der Moderne. Wo Komponisten Polystilistik, Polyrhythmik und Polymelodik erkundeten und Maler Perspektiven stürzten, experimentierten Dichter und Typographen, Visionisten und Philosophen an neuen Formen des Lesens. Stéphane Mallarmés »Le coup des dés…«, die typographischen Arbeiten von Marinetti oder Schwitters einerseits, Dubuffet und Matisse andererseits sind Grund- und Meilensteine dieser Buchkunst. Frankreichs große Meister der Malerei schufen die ersten großen Künstlerbücher in der Sprache der Maler, wie »Jazz« von Matisse gedruckt oder das Unikat-Buch gemalt, beide zunächst angelehnt an die Tradition der illustrierten Bücher. Vor allem aber die Konzeptkunst gab dem Künstlerbuch einen Schub und sicherte ihm mit »Konkreter Poesie«, tautologischen und linguistischen Experimenten einen Platz in der Kunstgeschichte.

„Es handelt sich um eine Reminiszenz an das Kalte und Philosophische, im Gegensatz zu den Werken, die vorrangig nach dem traditionellen Input über die Wahrnehmung des Sichtbar-Fühlbaren arbeiten“, schrieb Germano Celant. Künstlerbücher werden seit 1960 als eigene Kunstgattung betrachtet. Künstler wie Dieter Roth, Daniel Spoerri oder Anselm Kiefer arbeiten auf unterschiedlichste Weise experimentell mit Büchern neben anderen Kunstgattungen wie Malerei oder Bildhauerei. Warja Lavater oder Barbara Fahrner gestalten ihre künstlerischen Aussagen ausschließlich in Buchform. Das Buch kann eigene Wege gehen, die Abseitigkeiten ausloten, wie man auch an den handgeschriebenen Künstlerbüchern der edition bauwagen sieht.

Gedichten ist es erlaubt, der Realität – dem, was wir Realität zu nennen gewohnt sind und was doch nur unser Dahinleben und Daherreden ist – zu entfliehen, ihre eigene unnütze Realität zu finden und sei es die des Traums, in dem sich alles auf den Kopf stellt, und in dem doch alles geborgen ist in einer süßen Surrealität.

Elisabeth Borchers

Christine Kappe, Fotograf: Ric Götting

Christine Kappes Gedichte sind Metamorphosen des lyrischen Ichs. Ihre Gedichte sind fest verankert im Alltäglichen und im Hier und Jetzt. Immer wieder nehmen sie Bezug auf aktuelle Geschehnisse. In dieser zeitgemäßen Variante der Alltagslyrik setzt sie das fort, was man einst unter der Neuen Subjektivität verstand. Weitab eine Neue Innerlichkeit begründen zu wollen, stellt sie das organisierte Erfahrungsmaterial in den Fokus und artikuliert damit das Fremdheitsgefühl der globalisierten Gesellschaft. Immer wieder nehmen die Gedichte Bezug auf aktuelle Geschehnisse, verwendet werden von ihr scheinbar gebräuchlichste Wörter, die Wörter des prosaischen Alltags. Kappe hat einen sehr kenntlichen Stil, parataktisch, aber fließend, musikalisch.

Sie nennt die Dinge beim Namen, lässt sie atmen, erstickt sie nicht mit suggestiven Interpretationen. Viele Gedichte halten Augenblicke und Momentaufnahmen fest und konservieren sie gleichsam zu einem Alphabet des Augenblicks. Dem Ausdruck zu geben, was sie sieht, ist ihre Kunst. Die kurzen Feststellungen ergeben einen Duktus, den man einst Telegrammstil nannte, im 21. Jahrhundert: Twitteratur.

Mit ihrem Schreibstil setzt Kappe auf einen subjektiven Ton und verfremdet das Material so das es den Leser auf das Abseitige lenkt.  Die Echtheit der Worte wird von ihr betont, Sprache dient nicht nur der Beschreibung des Gesehenen, sondern der Beschreibung der allen Dingen innewohnenden Dynamik. Ihre Sprache schafft Nähe, Verbindungen, ermöglicht Austausch – ebenso aber schafft sie Distanz, in jeder Abstraktion liegt eine Abwehr, in der die Dinge in Ordnung gebracht liegen, sich in klarer Weise zueinander verhalten. Auf diese Weise bohrt sie sich in die Wirklichkeit, und die legt die Triebkräfte frei, aus denen sie erwächst. Diese Lyrik ist Ausdruck gedanklich gereifter Erfahrung und Mittel gegen voreilige Übereinkünfte zu verstehen. Kappe zeigt sich sprachgewandt und beweist viel Witz, ihre Themen findet sie zumeinst im Gewohnten, daher stellt sie vermeintlich simple Fragen wie: „Findet das Heute überhaupt statt?“

Zeit und Zeitlichkeit wird thematisiert

Inspiriert durch den Literaturvermittler und gleichfalls findigen Essayisten Theo Breuer startete Kappe auf KUNO mit dem Essay Das Licht ist mein Thema, nicht der Himmel oder: Ilya Kabakov und das Licht auf meiner Posttour. Diese Autorin wartet sowohl in ihrer Lyrik als auch in ihren Essays mit skurriler Metaphorik auf. Obschon sie Sprachwissenschaft und Geschichte studierte, wurde sie nicht verbildet. Gute Autoren erkennt man daran, daß sie besser werden. Kappe exerziert auf lakonische und unterhaltsame Weise, wie ein neugieriges, zwanghaft sprachverliebtes Chamäleon Entfremdung, Fragmentierung und erneute Synthese betreibt. Ihre Essays haben die Tendenz das Ich und seinen Gegenstand zu entgrenzen und diese Entgrenzung sprachlich weiterzutreiben, sie miteinander und mit skurrilen Einzelheiten und Beobachtungen zu vermischen und einfallsreich in surreale Gebilde zu verwandeln. Christine Kappe ist eine wilde Denkerin im besten Sinne, allein schon wegen der größeren Textsammlung zu den Themen Nacht und Hannover hätte ihr dieser Preis gebührt. Auf die Knie ging die Jury jedoch vor der scheinbaren Einfachheit ihres preiswürdigen Essays und stimmt der Autorin vollauf zu: Die Literatur wird parallel zu den neuen Medien weiterexistieren.

  Nischenverlag für außergewöhnliche Entdeckungen.

Peter Marggraf ist ein bildender Künstler, der sich dem Buchformat verschrieben hat. Er macht ein Buch, so wie ein anderer Künstler ein Bild malt. Er ist Bildhauer und Zeichner, Drucker und Büchermacher,  lebt in Bordenau und für einen Teil des Jahres in Venedig. 1996 gründete er die San Marco Handpresse. Dort setzt er Texte und Gedichte mit der Hand oder auf der Linotype in Blei und druckt diese dann auf einem Handtiegel. Jedes Buch repräsentiert Zeit. Die Seiten dieses Buches sind Einheiten individueller Zeit. Die Möglichkeit von Eigentümerschaft in Bezug auf Zeit, die vom Buch repräsentiert wird. Marggraf bindet die einzelnen Lagen mit der Hand zu Büchern und legt Originalgrafiken hinein. In Venedig zeichnet und radiert er und druckt seine Blätter in einer historischen Druckerei im Stadtteil Cannaregio.

* * *

Wie kann das sein, heute ab 15:00, Studio Arcus, Kurt-Schumacherstraße 30, 30 159 Hannover. Präsentation des bibliophilen Gedichtbandes von Christine Kappe – mit dem Herausgeber Hans Georg Bulla und dem Büchermacher Peter Marggraf.

Die Gedichte erscheinen in einer Reihe von Einzelveröffentlichungen, die in loser Folge von Hans Georg Bulla für die San Marco Handpresse lektoriert und herausgegeben werden. Alle Bücher sind nummeriert und im Kolophon von der Autorin und von Peter Marggraf signiert, handgebunden in Broschur, fadengeheftet mit Schutzumschlag (Bugra-Bütten) im Format 29,5 x 23 cm und kosten 72,- €.

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