Twitteratur

5. Februar 2013
Von

Der Traum des Kritikers ist es, eine Kunst durch ihre Technik zu definieren.

Roland Barthes

Technische Neuerungen sind immer auch eine Chance für scheinbar überholte literarische Formen. Bisher bilden die kleinen Formen, die in jeder Systematik der Literaturwissenschaft neben Epik, Lyrik und Dramatik mit unterschiedlichen Bezeichnungen eine Randgruppe: Epigramm, Sprichwort, Prosagedicht, Kürzestgeschichte, Feuilleton und natürlich der Aphorismus. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist der Aphorismus in Form des Mikroblogging eine auflebende Form. Bestand die Modernität der lakonischen Notate bisher in ihrer Operativität, so entspricht diese literarische Form im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Denkgenauigkeit der Spätmoderne. Es ist Twitteratur.

Das Merkmal für ist Twitteratur ein einzelner Gedanke, der in nur einem Satz oder wenigen Sätzen selbständig bestehen kann. Oft formuliert er eine besondere Einsicht rhetorisch kunstreich als allgemeinen Sinnspruch (Sentenz, Maxime, Aperçu, Bonmot). Erst seit einem Jahr wird die Twitteratur als eigenständige Prosagattung anerkannt und erforscht. Er gilt als widersprüchliche Textform mit folgenden Kerneigenschaften:

  • In der Tendenz eher nichtfiktional, ist Twitteratur sowohl der Literatur als auch der Philosophie zuzuordnen.
  • Ihr häufigstes Bauprinzip ist die Antithese, zum Beispiel: Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang (Hippokrates), die oft auch noch polemisch zugespitzt wird.
  • Besonders wenn ein Sprachbild aufgegriffen und bildlich verlängert wird, führt die antithetische Wendung häufig zum Paradox, zum Beispiel, Mit dem Band, das ihre Herzen binden sollte, haben sie ihren Frieden stranguliert (Lichtenberg).
  • Virtuoser Umgang mit Bild- und Aspektwendungen ist oft auch ein Kennzeichen des Essays, des „grossen Bruders“ der Twitteratur. Der Übergang zwischen beiden ist fließend, eine Grenze für die Länge wird von der Literaturwissenschaft mehrheitlich abgelehnt.

Mit ‚TWITTERATUR | Digitale Kürzestschreibweisen‚ betreten auch die Autoren Jan Drees und Sandra Anika Meyer ein neues Beobachtungsfeld der Literaturwissenschaft. Und sie machen erste Vorschläge, wie es zu kartographieren wäre. Eine unverzichtbare Lektüre zu dieser neuen Gattung. Der in der Schwebe gelassene Sinn, die Produktion von Ambiguität – was für Roland Barthes Brecht im Theater geleistet hat, indem er die Sinnfrage zwischen Bühne und Zuschauerraum neu verteilte – findet sich in dieser Kunstform wieder. Wir stellen auf KUNO drei Autoren vor, die darauf bestehen, daß auch eine alte Kunstform die neue Wirklichkeit entlarvend aufschließen kann.

Versuchsfeld I: Aphorismus

die gesellschaft insgesamt zieht die verkunstung der kunst vor.

Covermotiv, Uwe Albert, Technik: Aquarell / Feder

Holger Benkels Gedanken, die um Ecken biegen sind genau gedacht und karg gefaßt. Jeder Passus macht dem nächsten Platz. Manchmal lassen sich engere Zusammenhänge erkennen, dann wieder blitzen die Webfäden nur versteckt auf. Benkel schreibt mit einem Witz, der niemals grob, immer aber scharf ist. Auch Wörter sind Migranten. Benkel gibt ihnen den nötigen Raum, damit sie erzählen können. Ganze Passagen der eigenen Textkompositionen dekonstruiert er, damit das sich dem Leser das Vertraute auf das uns Fremde hin öffnet. Das literarisch Wertvolle daran ist, daß er das Spiel mit den Wörtern nicht als bloße Etüde betreibt. Vielmehr schimmert hinter all seinen Spracherkundungen ein existentieller Kern, das kleinstmögliche Ganze.

Versuchsfeld II: Kurznovelle

Wenn es Schwarmintelligenz gibt, über die alle so schwärmerisch reden, dann auch Schwarmdummheit. Amüsiert scrollte er in den Löschdiskussionen von Wikipedia.

Originaldruck direkt auf das Cover von Haimo Hieronymus.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Haimo Hieronymus. Wenn die Novelle aus dem Italienischen übertragen als Kleine Neuigkeit übersetzt werden kann, dann liegt Herr Nipp wohl richtig, denn kurz sind seine Texte. Zwischen zwei bis vier Sätzen spielt sich alles ab. Da können Welten, Landschaftsgemälde und weltgeschichtliche Ereignisse entstehen und den Leser in die Vergangenheit oder Zukunft mitnehmen.  Er macht weder halt vor Märchen und Bibel, noch vor aktuellen Ereignissen oder Legenden des Films. Ohne auf die Erfordernisse der Twitteratur zu achten wird ein eigener Weg verfolgt, der trotzdem oder gerade deshalb in diese Zeit passt. Entweder es entstehen heute unendliche Geschichten mit tausend Seiten oder kürzeste Textfragmente mit zehntausend Reflexionen. Die Sätze spielen mit sich und am Ende finden sie ihren Sinn, so wird das Hintergründige nach vorne geschoben und auf der Straße breitgewalzt. Zur Not auch eine Eidechse. Die Wörter lassen das Buch zu einem großen Krabbeln auflaufen, einer kitzligen Verameisung.

Versuchsfeld III: Leben in Möglichkeitsfloskeln

So bleibt man mit sich alleine und hat nur die eigene Versöhnung des Gelingens oder die kleine Geschichte des Versagens.

Der “Künstler Meinen” in seinem Atelier. – Photo: Dieter Meth

Da aller guten Dinge drei sind, wird sich ab Februar Peter Meilchen mit seinem stilsicheren Duktus dazu gesellen. Diese Variante der Twitteratur beschreibt die Augenblicke, da das Wahrnehmen in das Verlangen umschlägt, das Wahrgenommene schreibend zu fixieren. Wenn Peter Meilchen spazieren ging, begegnete ihm ein Übermaß an Welt. Das mußte er bewältigen – mit Sprache, mit Sätzen und Satzfragmenten, in denen die Welt weiter mäandert, vibriert und manchmal auch herausbrüllt. Er porträtierte in seinem Werk eine untergehende Welt – und überwand sie. Opulenz, Würde und Gesellschaftsanalyse verband er wie kein anderer. Wenn wir Romantik als Autonomie des Imaginären verstehen, dann handelt es sich hier durchaus um romantische Notate, die sich aus der Spannung zwischen Realität und Imagination, Besitzen und Begehren ergeben. Wer von seinem Leben erzählt, erzählt immer eine Erfolgsgeschichte. Wer erzählt, lebt. Schon das ist ein Triumph. Wer erzählt, ist der geworden, der erzählen kann. Wer erzählt, ist nicht allein. Er gehört in eine Welt, die seine Welt geworden ist. Ganz auf die Ablagerungen der eigenen Biographie setzend und ohne Attitüde benennt Peter Meilchen so die Quelle seiner reichen und doch nie vagen Twitteratur.

 

* * *

Gedanken, die um Ecken biegen, Aphorismen von Holger Benkel, Edition Das Labor, Mülheim 2013

Unerhörte Möglichkeiten von Haimo Hieronymus, Kurznovellen, Edition Das Labor, Mülheim 2012

Leben in Möglichkeitsfloskeln von Peter Meilchen, auf Kulturnotizen 2013

 

Weiterführend →

KUNO hat 2014 unterschiedliche Autoren zu einen Exkurs zur Twitteratur gebeten, und glücklicherweise sind die Antworten so vielfältig, wie die Arbeiten dieser Autoren. Anja Wurm, sizzierte, warum Netzliteratur Ohne Unterlaß geschieht. Ulrich Bergmann sieht das Thema in seinem Einsprengsel ad gloriam tvvitteraturae! eher kulturpessimistisch. Für Karl Feldkamp ist Twitteratur: Kurz knackig einfühlsam. Jesko Hagen denkt über das fragile Gleichgewicht von Kunst und Politik nach. Sebastian Schmidt erkundet das Sein in der Timeline. Gleichfalls zur Kurzform Lyrik haben wir Dr. Tamara Kudryavtseva vom Gorki-Institut für Weltliteratur der Russischen Akademie der Wissenschaften um einen Beitrag gebeten. Mit ‘TWITTERATUR | Digitale Kürzestschreibweisen‘ betreten Jan Drees und Sandra Anika Meyer ein neues Beobachtungsfeld der Literaturwissenschaft. Und sie machen erste Vorschläge, wie es zu kartographieren wäre. Eine unverzichtbare Lektüre zu dieser neuen Gattung. Holger Benkel begibt sich mit seinen Aphorismen Gedanken, die um Ecken biegen auf ein anderes Versuchsfeld. Die Variation von Haimo Hieronymus Twitteratur ist die Kurznovelle. Peter Meilchen beschreibt in der Reihe Leben in Möglichkeitsfloskeln die Augenblicke, da das Wahrnehmen in das Verlangen umschlägt, das Wahrgenommene schreibend zu fixieren. Sophie Reyer bezieht sich auf die Tradition der Lyrik und vollzieht den Weg vom Zierpen zum Zwitschern nach. Gemeinsam mit Sophie Reyer präsentierte A.J. Weigoni auf KUNO das Projekt Wortspielhalle, welches mit dem lime_lab ausgezeichnet wurde. Mit dem fulminanten Essay Romanvernichtungsdreck! #errorcreatingtweet setzte Denis Ulrich den Schlußpunkt.


Tags: , ,

Kommentare geschlossen.

Erster Logo-Entwurf für die Edition Das Labor von Peter Meilchen.

In eigener Sache

Das Magazin Kulturnotizen (KUNO) reflektiert entstehende Kunst, Musik und Poesie – mit Online-Archiv. Mehr Informationen.

Das lyrische Gesamtwerk von A.J. Weigoni im "Schuber"

Jedes Buch aus dem „Schuber“ von A.J. Weigoni ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk! KUNO fasst die Stimmen zu dieser verlegerischen Großtat zusammen.

Künstlerbücher

Zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie einen Artikel von J.C. Albers.

Ohrenzwinkern

Coverphoto: Leonard Billeke

In der Reihe MetaPhon sind Facetten der multimedialen Kunst zugänglich.

Alphabetikon

Vertiefend zu ‚Alphabetikon‘ lesen Sie bitte das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.

Trans

Twitteratur

Hier ein Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur.

Edition Das Labor

Ausführliche Informationen finden sich hier.