Sesshaft – von Suter und Bult

 

Weit über den ländlichen Häusern und Obstbäumen schwebt ein Stuhl. Kein Träger von billiger Reklame für ein Möbelhaus. „Sesshaft“ des Schweizer Künstlerduos Suter und Bult ist eine riesige Stahlskulptur von 15 Metern Höhe. Stopp, muss man schon an dieser Stelle sagen. Diese Arbeit ist nicht riesig, sie ist hoch. Das offensichtliche Missverhältnis zwischen der Höhe und der tatsächlichen, der realen Größe des oben befindlichen Stuhls trägt zu unserer visuellen Verunsicherung bei. Bei der Höhe sollte man auch einen großen, einen überdimensionierten Stuhl erwarten, der Präsenz zeigt. Der Stuhl hat aber nur normale Ausmaße, ist als mögliche Persiflage auf den Jägerhochsitz, jeder Beziehung zum Boden und Menschen enthoben. Für den Normalbetrachter kaum zu ersteigen, jegliche Leiter fehlt. Man müsste schon ein athletischer Kletterer sein, ohne Angst vor der Höhe. Man mag sich gar kaum vorstellen, wie es wäre, dort oben zu sitzen. Mit jedem Lüftchen ins Schwanken geratend. Mit jedem Schwanken der Gefahr vergegenwärtigend. Ein fast romantischer Sehnsuchtsgedanke bahnt sich langsam einen Weg in unser Hirn.

Je näher man dem Stuhl tritt, desto weiter entzieht sich das Ganze dem Blick. Wer mag schon den Kopf in den Nacken gelegt dort unten stehen und die Unterseite sehen, die nichts hergibt. Je weiter der Betrachter jedoch fort tritt, desto kleiner wird der Stuhl, immaterieller und unfassbarer. Egal, wie diese Plastik betrachtet wird, sie ist nicht von den Blicken zu vereinnahmen. Sie bleibt autonom.

Und genau hier wird die Romantik dieser scheuen, dieser so reduzierten, fast schon abweisenden Arbeit dann endlich deutlich. Dieses Sichentziehenwollen bei gleichzeitiger Sehnsucht nach Erfassung. Dieser Gedanke, wie es wäre, dort oben zu sitzen, von der Welt befreit, die Welt betrachtend. Von der Welt sich zu entrücken, um sie vielleicht ein Stück weiter sehen zu können, sich schön sehen zu können.Aus der Vogelperspektive wirkt alles unten Liegende unwichtiger. Der Betrachter erkennt im olympischen Blick die Bedeutungslosigkeit der Geschehnisse.

Es wäre zu kurz gegriffen, diese Arbeit mal wieder nur als politische zu reduzieren, aber möglich. Dies mag hier jedoch nicht ausgeführt werden. Sie ist eine Herausforderung an unsere Einstellung zur Ästhetik, an unsere Sehgewohnheiten und –erfahrung. Letztlich stellt „Sesshaft“ nichts dar, sondern ist. Einfach, enthoben, präsent und gleichzeitig nah wie fern. „Sesshaft“ gibt nichts vor, sondern fordert: Zur leisen Betrachtung, zur Reflexion und ein Stück weit auch zum Träumen.

 

 

Weiterführend → 

Zum Thema Künstlerbucher lesen finden Sie hier einen Essay sowie ein Artikel von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus über Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.

Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erhältlich über die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421