Das Hungertuch für Musik 2013 geht an den Pyrolator

21. März 2013
Von

 

Pyrolator

aus Berlin

erhält in Anerkennung seines Lebenswerks

das Hungertuch für Musik 2013

 

Das Wort „Pyrolator“ assoziiert zuerst technoides. Es ist jedoch in keinem Nachschlagwerk zu finden. Füttert man ein bekanntes Online-Lexikon, so wird man weitergeleitet zu Kurt Dahlke:

„Er ist Mitbegründer des Schallplattenlabels und Musikverlages Ata Tak (mehr als 150 Veröffentlichungen seit 1979), Mitglied der Musikperformancegruppen „Der Plan“ (bis 1992), „Fehlfarben“, „Bombay 1“, außerdem war er Gründungsmitglied von D.A.F. und spielte auf deren Debüt „Ein Produkt der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft“ von 1979 mit. Er produzierte mehr als 250 Schallplatten und CDs und war dabei auf über 150 Veröffentlichungen als Komponist, Musiker und Softwareprogrammierer tätig. Seine Hauptinstrumente sind die vom Synthesizerpionier Donald Buchla gebauten MIDI-Controller „Thunder“ und „Lightning II“, bei denen die Steuerung der Musik durch die Bewegung oder den Druck der Hände geschieht.“

Sofern eine Biographie überhaupt eine erzählerische Ordnung hat, ist sie beim Pyrolator an den Alben mit der Silbe Land zu verorten. Dem Solodebut »Inland« folgte schlüssig »Ausland«, gefolgt »Wunderland« und »Traumland«. Nach einer Pause von 23 Jahren erscheint zur Zeit der Verleihung das Album »Neuland«.

Foto_Wolff

Bereits auf dem Album »Inland« bewegt sich der Pyrolator mühelos zwischen E und U bewegt. Die Klangflächen erscheinen auch heute noch kühl und schroff und dennoch scheinen sie beseelt vom Geist der alten BRD. Diese Album läßt sich als Kommentar zur politischen Situation dieser Zeit verstehen, einer extremen gesellschaftlichen Situation der von Paranoia und Gewalt geprägten späten siebziger Jahre, der Krieg, den die RAF und die BRD gegeneinander führen, eskaliert mit dem Deutschen Herbst. Der Pyrolator hat ein Protestalbum, weitab jeglicher Konvention komponiert. Die Abwesenheit von gewohnten musikalischen Strukturen und die unvermittelt auftauchenden Geräuschaufnahmen schaffen eine beklemmende Atmosphäre. Der Pyrolator versampelte düstere Collagen aus Drones und Industrial-Elementen. Es geht auf diesem recht bacchantisch zu, nie jedoch sperrig, mitunter sogar melidiös. Einen der schönsten Songs der NDW enthält diese Werk zudem: „It Always Rains in Wuppertal“.

Was alle Alben des Pyrolator gemein haben, ist die Lust am Neuen, die Freude am Experimentieren und der Spaß daran, den eigenen Horizont und den der Hörer erheblich zu erweitern. Zwei Jahre liegen zwischen Pyrolators 1979 erschienenem Debüt und dem Album »Ausland« aus dem Jahre 1981, unterschiedlicher können Aufnahmen kaum sein, das zweite Album ist ein heiteres und verspieltes Popalbum. Die ist nicht zufällig dem Zeitgeist geschuldet. Auf seiner USA-Reise begegnete der Pyrolator in L.A. der Free Music Society. Und diese Freiheit vermag man zu hören.

Der Pyrolator ist seit jeher ein Tüftler und Bastler, mit Keyboards arbeitet er kaum noch, aktuell verwendet er ein sogenanntes ‘Monome’, einen Metallkasten mit beleuchteten Tasten, dem per Rechner mit diversen Plug-Ins verschiedenste Funktionen zugewiesen werden können, der auf diese Befehlsfolge zum Beispiel auch wie ein ganz normaler Synthesizer arbeiten kann. Über dieses Eingabegerät spielt er eine Art Matrix aus, programmierte Rhythmen, Akkorde und Melodien, die sich repetetiv wiederholen; ein unaufhörliches Musikpuzzle. Erstaunlich, was bei dieser sehr technisch klingenden Arbeitsweise für eine warme Musik herauskommt. Der britische „New Musical Express“ nannte Pyrolator einen „great pioneer“. Und das ist er bis heute.

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