Das Hungertuch für Literatur 2013 geht an Swantje Lichtenstein

20. März 2013
Von

 

Swantje Lichtenstein

aus Köln

erhält in Anerkennung ihres lyrischen Werks

das Hungertuch für Literatur 2013

 

In sich gekehrt, um sich der Welt zu öffnen. Lyriker versuchen mit ihren Werken immer wieder den eigenen Geist und die eigenen Gesten, mit der Materie zu verbinden, sich selbst in die vier Jahreszeiten und die vier Himmelsrichtungen einzuschreiben. So gesehen sind Swantje Lichtensteins Gedichte keine Hymne auf Kunst oder Geist, sondern eher das verhaltene Lied der Erde – ein wenig dunkel, ein wenig traurig und für unseren Kopf nicht wirklich zu fassen. Vergänglichkeit, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Schreiben, mit der eigenen und der allgemeinen Geschichte sind ihre Themen, wobei die Gedichte sprachlich oft widerborstig daherkommen, teilweise aber auch melancholische Töne anschlagen.

Manchmal erscheinen Bücher mit einem Titel, bei denen man sich wundert, daß es sie noch nicht gibt. Mit ihren »Sexophismen« meldet sich eine kühne Stimme in der deutschsprachigen Lyrik zu Wort. Lichtensteins Verse sind ausdrucksstark; sie zeichnet mit Metaphern Sprachbilder in die Vorstellungen der Leser. Diese erotische Dichtung hält gleichsam die Mittelstellung und fundiert eine Grenze zur „platten Ansicht“, indem sie nicht nur das Erleben möglichst deutlich vorstellen, sondern auch die Zusammenhängen der Erlebenskultur und -tradition erschließbar machen und mit »Sexophismen« kommentieren kann. Das Verhältnis dieser beiden Seiten zueinander ist wesentlich für die Stimmung einer gedichteten Erotik. Lesenswert ist dieser Zyklus nicht nur wegen der souverän eingesetzten sprachlichen Mittel, die vom volksliedhaften bis zu einem manchmal recht pathetischen Ton reichen und über ein großes Formenspektrum verfügen, sondern auch wegen der Anregung zu Mit- und weiterdenken.

Wer Roland Barthes‘ geschliffene »Fragmente einer Sprache der Liebe« liest, um eigene Erfahrungen subtiler zu durchdringen, dem eröffnet sich möglicherweise eine Wahrheit, die zuvor ein gelebter Moment nicht erkennen ließ. Wendet man Barthes‘ Formulierungskunst jedoch offensiv im gelebten Moment an, dann nimmt das Leben unmittelbaren Schaden. So geschieht es in den »Sexophismen«, und damit etwas Wahres über die Spannung zwischen Leben und Lesen, zwischen Fühlen und Denken gesagt. Diese Lyrikerin ist eine große Wortverdreherin, eine Sprachspielerin am Abgrund des Unaussprechlichen, die das Gesagte und das Ungesagte, das Sagbare wie das Unsagbare jederzeit zu einem Wortwitz machen kann. Ein lyrisches Ich, das alles aufs Spiel setzt, welches vom Weltgefühl der Verlorenheit umzingelt ist und dennoch am Rande des Schweigens die Sprache zu Wort kommen läßt. Für diese existenzielle Zerreißprobe noch Wörter zu finden – das ist Poesie. Diese Gedichte machen Spaß, soviel Spaß, daß stummes Grinsen bei der Lektüre nicht reichen wird. Man sollte sich für sein Lachen nicht schämen, sich eher darüber wundern, wie wenig Humor ansonsten in der sogenannten ernsten Literatur zu finden ist.

“Entlang der lebendigen Linie“ tastet sich diese Lyrikerin sophistisch zu ihren »Sexophismen«, welche mit sogenannten „Portalen“ den Lesern Zugang zum Schreiben der Dichterin und Wissenschaftlerin verschaffen. Lichtenstein läßt die deutsche Sprache in der Schwebe, geht ihrem Klang nach, ihrem Rhythmus, bis sich Assoziationsräume öffnen. Der Verkapselung, Verdichtung und Verknappung ist es wohl auch zuzuschreiben, daß Lichtensteins Gedichte dunkel, oder hermetisch genannt werden. Man muss sich erst mal in diese Sprache hineinlesen. Dieses Buch ist sperrig, kaum daß man glaubt, den Zyklus im Griff zu haben, verrutschen die Zeilen, man blättert zurück und will es genauer wissen. Die Mühe wird durch das Dechiffriersyndikat belohnt. Jede Zeile erzeugt einen neuen Text aus einer alten Leserin, dergestalt bewegt sich Lichtenstein augenzwinkernd zwischen Archaik und Moderne.

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