Death, Destruction & Bärlin

Das Berliner Maxim Gorki Theater stoppt die Aufführung des Stücks ´Demenz, Depression und Revolution`. Die Witwe des 2009 gestorbenen Fußball-Nationaltorhüters will verhindern, daß ihre Familientragödie auf der Bühne vermarktet wird. Unser Medienpartner kultura-extra berichtete von der Aufführung, die nun niemand mehr in dieser Form zu sehen bekommt:

Was die Welt im Innersten zusammenhalten würde, hatte schon der alte Goethe (gottlob) nicht herausgekriegt!

DEMENZ DEPRESSION UND REVOLUTION von Fritz Kater am Berliner Maxim Gorki Theater – Foto (C) Bettina Stöß

Sein menschelnd-menschheitlicher Nachfahre Fritz Kater – der mit seinem Uraufführungsregisseur um Gottes Willen nicht verwechselt werden darf – war, seit er selber Stücke schrieb, in einem immer wieder gern bestrebenden als wie beseelenden Bezug zu seinem Dichtervater, den er (Beispiel Droge Faust) obzwar durch/mittels Einar Schleef mitunter ziemlich gern und völlig richtig herbemühte, aber umso glaubwürdiger (menschelnd-menschheitlich halt) hinterfragen tat… Jetzt war ihm irgendwie nach Mythischem zumute, und so untertitelte er justament seine drei nächsten (Teil-)Stücke, die er als DEMENZ DEPRESSION UND REVOLUTION veröffentlichte, schlicht mit „studie zu 3 mythen der gegenwart“.

Über drei Stunden hörenswertes und zum Ende hin ein bisschen oder mehr und mehr nicht mehr so hörenswertes Textgemisch verabsolvierte sich mit großartig agierenden und noch viel großartiger sprechenden Schauspielerinnen sowie Schauspielern in der Premieren-Vorstellung, zu der wir gestern Abend sehr gespannt und überaus geduldig weilten: Die drei dargebrachten (Teil-)Stücke erschlossen sich dem ungeachtet nicht so eindeutig und leicht in der beabsichtigten Klammerzwänge, wie das nun von ihrem Autor eigentlich beabsichtigt gewesen war; und insbesondere während des dritten also des Final-Stückes der Trias war dann schon genervtes Augenrollen oder hochnervöses Auf-den-Sitzen-hin-und-her-Rutschen im Publikum beobachtbar.

Wie gut, dass es dann immer wieder solche Art von Leitfäden in den Programmheften zu lesen resp. nachzulesen gibt, wie nachstehendes Beispiel kurz belegen soll: „Demenz, Depression und Revolution: Die drei Themen stehen in Fritz Katers Stück unverbunden nebeneinander und beleuchten sich doch gegenseitig. Sucht man man einem verbindenden Element, so besteht es wohl darin, dass alle drei das Ineinandergreifen der Rädchen, das Funktionieren einer Hochleistungsgesellschaft nachhaltig stören oder sogar außer Kraft setzen.“ (Quelle: Sibylle Dudek, Störungen im Betrieb, s. Jahrbuch von Theater heute 2012)

Wir wissen und erfahren also (gottlob) nichts oder so gut wie nichts über das „Was die Welt im Innersten zusammenhält“ und machen uns daher über Fritz Katers (Teil-)Stücke – ganz unverbindlich und ganz unabhängig aller Theorien – unsern eigenen privaten Reim:

im schmetterlingsgrund

In einem Pflegeheim oder einer Beherbergungsanstalt für Alzheimer-Patienten wird sehr allgemein und wirr herumpalavert und der eine oder andere (medizinale) Fall konkret; am eindrücklichsten in Erinnerung diese Geschichte von der Frau, die auf der Suche nach dem Kissen ist, das sie dereinstmals während der Vertreibung (= Flüchtlings-Treck) mitführte und in sinnlichester Unvergessenheit behielt…

schwarzer hund 

Ein deutscher Starfußballer macht als Torwart eine internationale Blitzkarriere. Seine Frau ist bei und mit ihm ganz gemäß des Wencke-Myhre-Schlagers Er steht im Tor, im Tor, im Tor und ich dahinter… Aber wie das bei den Blitzkarrieren halt so ist – plötzlich ist unerwartet Schluss mit Lustig, und (egal was kommt): Alles geht schief. Und wenig später tut der Starfußballer einen Suizid an sich verüben; und das hatte er halt dann von seiner Scheißkarrieregeilheit…

tagebuch eines revolutionärs / versuch einer fälschung

Vom Prager Frühling 1968 handelt letztlich Katers Pavel-Jurácek-Text. Der Behandelte wäre/war tschechischer Jungautor und Jungregisseur gewesen; einen Gulliver-Film wollte er – während des Prager Frühlings – machen. Wir erfahren alles Diesbezügliche aus vorgelesenen und vorgetragenen (fiktiven?) Tagebucheintragungen aus der besagten Zeit…

Das Interaktive zwischen den Personen – Pavel, Pavels Tochter und Pavels Mäzenin – wird durch Rollentausche manifest und aufgelockert. Ja und wenn der hochbegnadete Thomas Lawinky nicht gewesen wäre – – ohne das versinnbildlichende Erlebthaben, das seinem Erzverstand und seiner Urkomik für die drei Wechselrollen zu verdanken war, würde der plakative Aufsagtext zur absoluten Blutleere „verronnen“ gewesen sein.

Am Uraufführungstag las man in der Berliner Zeitung einen seitenlangen Großaufmacher zu den in bundesrepublikanischen Theatern üblichen „Sklavenhalter-Verträgen“ für SchauspielerInnen und restliches Bühnenpersonal; da wurde auch am Beispiel des Maxim Gorki Theaters hin und her philosophiert, wie anständig oder unanständig so was wäre.
Die Quintessenz war dann in etwa die: Theater in einer kapitalistisch funktionierenden Gesellschaft funktionierte halt nur so oder so ähnlich.

Fanden wir nicht minder spannend als die Uraufführung (s. o.)

 


DEMENZ DEPRESSION UND REVOLUTION (Maxim Gorki Theater, 05.01.2013)
Regie: Armin Petras
Bühne: Annette Riedel
Kostüme: Patricia Talacko
Musik: Miles Perkin
Video: Rebecca Riedel
Choreographie: Berit Jentzsch
Dramaturgie: Sibylle Dudek
Mit: Michael Klammer, Cristin König, Peter Kurth, Thomas Lawinky, Svenja Liesau, Miles Perkin und Aenne Schwarz
Uraufführungen der Stücke im schmetterlingsgrund | schwarzer hund | tagebuch eines revolutionärs / versuch einer fälschung war am 5. Januar 2013

 

 

Andre Sokolowski, Photo, privat

Weiterführend →

Ein Porträt des Dramatikers Andre Sokolowski finden Sie hier.