Industrial-Musik

Im Kielwasser der „Musikarbeiter“ von Kraftwerk entwickelte sich in Deutschland Anfang der 1980er-Jahre eine rhythmischere Interpretation von „Industriemusik“.

Die Krupps und die Einstürzende Neubauten griffen den Gedanken auf, echte Metallgegenstände und Werkzeuge als Instrumente zu nutzen. Während die Neubauten eher destruktiv-chaotisch vorgingen, brachten Die Krupps mit der „Stahlwerksinfonie“ eine strukturiertere, repetitive Monotonie ein, die stark von der Kulisse der rheinischen Schwerindustrie inspiriert war.

Wahre Arbeit – Wahrer Lohn gilt als einer der wichtigsten Ur-Impulse für die Electronic Body Music und den Industrial-Rock. Der Track verbindet pumpende Synthesizer-Sequenzen mit monotonem, hämmerndem Stahl-Schlagwerk und aggressivem Sprechgesang.

Die Fabrik hat aufgehört, bloß Waren zu produzieren; sie produziert jetzt ihren eigenen Nachruf. Wo früher der Takt der Maschinen den Arbeiter disziplinierte, reißt die Industrial-Musik diesen Takt aus der Montagehalle und wirft ihn auf die Tanzfläche. Die „Stahlwerksinfonie“ ist keine Untermalung des Feierabends, sondern das ungeschminkte Echo des Vormittags. Sie tankt den Treibstoff aus dem Lärm der Hochöfen, um das Bewusstsein der Hörer zu entzünden. Es ist die Musik einer Epoche, in der die Natur endgültig hinter Beton und Ruß verschwunden ist.

Wer hier einsteigt, verlässt den Schutzraum der bürgerlichen Harmonie. Die Krupps haben mit „Wahre Arbeit – Wahrer Lohn“ das Versprechen des Kapitalismus beim Wort genommen und es in eine repetitive Drohung verwandelt. Der Rhythmus ist das Fließband, die Stimme das Diktat des Meisters. Die CD-Pressung fungiert hier als Archäologie: Sie konserviert den analogen Dreck der Fabriketage im sauberen, digitalen Laserstrahl. Das ist der dialektische Umschlag – der Schmutz des Ruhrgebiets wird im ewigen Licht des Mediums unsterblich.

Genau wie Die Krupps in Düsseldorf den Rhythmus der Stahlwerke vertonten, war Detroit vom Takt von General Motors und Pere Ubu geprägt. Der monotone, hämmernde 4/4-Takt von Drumcomputern reflektierte direkt die hydraulischen Pressen und Fließbänder der Industrieanlagen

´Industrial` ist die Kunst des Abbruchs. Während die Popmusik der achtziger Jahre versucht, die Risse in der Fassade der Wohlstandsgesellschaft mit Synthesizer-Zucker zu kitten, hämmern Die Krupps mit dem Vorschlaghammer gegen die tragenden Wände. Jedes Geräusch ist ein Trümmerstück. Die Instrumente sind nicht länger Werkzeuge des Genies, sondern Werkzeuge der Demontage. Eisenstangen, Bleche, Generatoren – die Musikrichtung eignet sich die Trümmer der sterbenden Schwerindustrie an, noch bevor die Politik sie zu Industriedenkmälern erklären kann.

Was geht verloren im Übergang von der Schallplatte zur CD, vom Live-Lärm der frühen achtziger Jahre zur digitalen Rezeption?

Verloren geht die Unmittelbarkeit des Schocks. Gefunden wird eine präzise Anatomie des Geräusches. Die Reissue der frühen Krupps-Werke ist ein historisches Dokument, das uns daran erinnert, dass die radikalste Musik ihrer Zeit immer aus der Reibung an der materiellen Realität entsteht. Der wahre Lohn des Hörers ist die Erkenntnis, dass die Fabriken zwar schließen mögen, ihr Echo in unseren Nervenbahnen aber unaufhörlich weiterarbeitet.

 

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Stahlwerksinfonie“ + „Wahre Arbeit – Wahrer Lohn“ von Die Krupps sind auf CD erschienen.

Wahre Arbeit, wahrer Ton

Weiterführend  Der Begriff `Krautrock´ geht auf das Wort „Sauerkraut“ sowie die Bezeichnung „Krauts“ für die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg zurück. Der Ursprung des Wortes Krautrock geht auf eine Werbeanzeige der deutschen Firma Popo Music Management zurück, die in der US-amerikanischen Zeitschrift Billboard das Wort 1971 erstmals benutzte, um für Platten von Bacillus Records zu werben. Dieser Begriff wurde von der britischen Presse aufgegriffen und häufig benutzt. Krautrock ohne angloamerikanisches Vorbild. KUNO ertastet den Puls des Motorik-Beats. Es gibt wahrscheinlich keine andere Band, die sich bereits in einem frühem Stadium ihrer Arbeit so intensiv um den Vorlass gekümmert hat. Mit diesem Album besteht die Arbeit von Kraftwerk, sich beständig zu Re:mixen, es ist Pop mit Pensionsanspruch.