Klangliche Introspektion

Der Titel „Journal“ ist Programm. Volker Kriegel, der nicht nur als Musiker, sondern auch als begnadeter Cartoonist, Illustrator und Schriftsteller tätig war, verstand dieses Album als eine Art musikalisches Tagebuch.

Dieses Album gilt als eines der reflektiertesten und reifsten Spätwerke des deutschen Jazzrock-Pioniers. Während Kriegel in den 1970er-Jahren mit energetischen Formationen wie dem Mild Maniac Orchestra oder dem United Jazz + Rock Ensemble den europäischen Fusion-Jazz entscheidend prägte, markiert „Journal“ eine spürbare Kehrtwende hin zu introspektiven, fast schon literarisch anmutenden Klanglandschaften. Es ist eine kammermusikalische Momentaufnahme, die Jazz, Klassik und literarische Inspirationen elegant miteinander verwebt.

Im Gegensatz zu den gewohnten, oft funk- und rockbetonten Rhythmen seiner früheren Schaffensphasen, dominieren auf „Journal“ Transparenz und filigrane Texturen. Kriegel verzichtet hier weitgehend auf die typische, treibende Fusion-Rhythmik. Stattdessen setzt er auf ein akustisch geprägtes Instrumentarium.

Die Stücke fließen sanft und lassen viel Raum für die einzelnen Musiker. Neben Kriegels charakteristischem Gitarrenspiel, das sich durch melodische Klarheit und harmonische Raffinesse auszeichnet, prägen vor allem Wolfgang Schlüter an Marimba und Vibraphon sowie Hans P. Ströer an Synthesizern und Klavier den federleichten, schwebenden Gesamtklang des Albums.

Die Tracklist liest sich wie eine Sammlung von Notizen, Reiseeindrücken und intellektuellen Querverweisen. Louise Colet & Nora Barnacle“ (eine augenzwinkernde Hommage an die Musen von Gustave Flaubert und James Joyce) zeigen Kriegels tief verwurzelten Bezug zur Weltliteratur. Stücke wie „Storyboard“ oder „Notiz für Giorgio Morandi“ spiegeln seinen analytischen, bildhaften Blick als bildender Künstler wider, der Stimmungen in feinen, minimalistischen Pinselstrichen (oder hier: Tonschritten) einfängt. Kompositionen wie „Am Wörthsee“ oder „Schwebebahn“ evozieren konkrete Orte und Bewegungen, die jedoch im Medium des Jazz vollkommen ins Poetische übersetzt werden.

„Journal“ ist ein leises Meisterwerk des deutschen Jazz. Es demonstriert eindrucksvoll, dass Fusion-Jazz nicht laut, spektakulär oder technisch überladen sein muss, um eine tiefe Wirkung zu entfalten. Volker Kriegel gelang hier ein faszinierender Brückenschlag zwischen seinen verschiedenen künstlerischen Identitäten. Das Album bleibt ein zeitloses Dokument eines Intellektuellen an der Gitarre, der Musik als universelle Sprache für Beobachtungen, Gedanken und Geschichten verstand.

 

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Journal von Volker Kriegel, Mood Records 1981

So behalten wir ihn in Erinnerung. Volker Kriegel, Foto: Krajazz

Weiterführend Der Musikkritiker Ben Watson bezeichnet Zappas Mothers of Invention als „politisch wirksamste musikalische Kraft seit Bertolt Brecht und Kurt Weill“ wegen deren radikalem, aktuellen Bezug auf die negativen Aspekte der Massengesellschaft. So besehen war Frank Zappa neben Carla Bleys Escalator Over The Hill einer der bedeutendsten und prägendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die Komponistin führt uns vor Ohren, dass Improvisation ein gesellschaftspolitisches Idealmodell ist. Andere Nebenwege starten mit der Graham Bond Organisation, dem Blues… und diese Abwege münden in suitenartigen Kompositionen. Musikalisch konnte man seinerzeit auch Traffic nicht genau einordnen. „Extrapolation gilt heute als eines der klassischen Alben des britischen Jazz, auf dem „Jazz und Rock paradigmatisch fusioniert“ werden.“, schrieb Ulrich Kurth. Das Album dürfte neben Hot Rats von FZ für den Beginn des Jazz-Rock stehen.Es ist eine einzigartige Fusion so vieler unterschiedlicher Stile, was die eine Hälfte der Freude ausmacht; die andere Hälfte ist das Mysterium, wie es die Combo mit den wechselnden Besetzungen von Anfang bis Ende so wunderbar hinbekommt. Wenn man bedenkt, wie frei von allen Konventionen Soft Machine aus Canterbury klang, seit sie den Titel des Cut-up-Romans von William S. Burroughs angenommen hatte, hätte der Pate ihre Hinwendung zu den sich wandelnden Jazzformen zu Beginn der 1970er Jahre wahrscheinlich begrüßt. Fast alles, woran Steve Winwood beteiligt war, hatte etwas für sich, aber in all den Jahren hatte er seine besten Momente mit Traffic, mit zeitlichem Abstand lässt sich hören, wie gut diese Musik gealtert ist. Zu hören ist auch auf „Bitches Brew“ ein kollektives Musizieren, das Miles Davis als einen Komponisten erweist, der individuelle Freiheit mit respektvollem Zuhören vereint. Aus dem schillernden Klangbild der Lounge Lizards brechen reizvolle Statements hervor. Anton Fier belebt ein groovendes Energiefeld mit abstrakter Vieldeutigkeit. Spannend sind John Luries freidenkerische Dekonstruktionen der Jazz-Strukturen; Fake Jazz erscheint plötzlich als das Eigentliche!