afro-deutsch

 

Sie sind afro-deutsch? … ah, ich verstehe: afrikanisch und deutsch. Ist ja ’ne interessante Mischung! Wissen Sie, manche, die denken ja immer noch, die Mulatten, die würden’s nicht so weit bringen wie die Weißen.

Ich glaube das nicht. Ich meine, bei entsprechender Erziehung … Sie haben ja echt Glück, daß Sie hier aufgewachsen sind. Bei deutschen Eltern sogar. Schau an!

Wollen Sie denn mal zurück? Wie, Sie waren noch nie in der Heimat vom Papa? Ist ja traurig … Also, wenn Se mich fragen: So ’ne Herkunft, das prägt eben doch ganz schön. Ich z.B., ich bin aus Westfalen, und ich finde, da gehör‘ ich auch hin …

Ach Menschenskind! Dat ganze Elend in der Welt! Sei ’n Se froh, daß Se nich im Busch geblieben sind. Da wär’n Se heute nich so weit!

Ich meine, Sie sind ja wirklich ein intelligentes Mädchen. Wenn Se fleißig sind mit Studieren, können Se ja Ihren Leuten in Afrika helfen: Dafür sind Sie doch prädestiniert, auf Sie hör’n die doch bestimmt, während unsereins ist ja so ’n Kulturgefälle …

Wie meinen Sie das? Hier was machen. Was woll’n Se denn hier schon machen? Ok., ok., es ist nicht alles eitel Sonnenschein. Aber ich finde, jeder sollte erstmal vor seiner eigenen Tür fegen!

 

 

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May Ayim (1960-1996) war eine, ghanaisch-deutsche Dichterin, Wissenschaftlerin und politische Persönlichkeit, war eine der Vorreiterinnen der Schwarzen Deutschen Bewegung, die mit ihrer Forschung zur Geschichte und Gegenwart Afrodeutscher und mit ihrer politischen Lyrik im In- und Ausland bekannt wurde. Posthum sind ihr Gedichtband Nachtgesang und die Anthologie Grenzenlos und unverschämt erschienen, ebenso der Dokumentarfilm von Maria Binder “Hoffnung im Herz: Mündliche Poesie – May Ayim”.

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Poesie zählt für KUNO weiterhin zu den identitäts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer poetologischen Positionsbestimmung.