Der alte Fontane – Zum hundertsten Geburstag

Nach Neune ist alles aus.

»Ich weiß nicht – ich kann seine Romane nicht mehr lesen!« sagt mir der oder jener, den ich nach ihm frage. Wir wollen uns nichts vormachen: sie sind ein wenig verblaßt und verstaubt – diese umständlich sorgsame Art, Dinge zu erzählen, die uns nicht halbwegs so wichtig erscheinen wie einstmals ihm, diese rührend einfach verschlungenen Probleme, die wir nicht etwa überwunden haben (das gibt es gar nicht), sondern die er nicht so tief, so menschlich erschütternd empfunden hat, dass sie uns heute noch fest packen. Seine Tragik ist nicht die unsre … Die Romane: schön. Und dann kennen die Leute noch einige Gedichte (meist nicht die aus dem Nachlaß) – und sie wissen nicht, dass der alte Fontane einer der feinsten und entzückendsten Theaterkritiker gewesen ist, die es je gegeben hat.

Der Theaterkritiker hats schlecht mit der Nachwelt. Die holt ihn wohl einmal hervor, wenn sie etwas nachschlagen will – aber im großen ganzen kümmert sie sich nicht viel um den Mann, der damals das theatralische Tuch mit der Elle gemessen hat. Und doch: Lest vom alten Fontane seine ›Causerien über Theater‹ (bei F. Fontane & Co. in Berlin erschienen) – und ihr werdet schmunzeln und lächeln und blättern und lesen und immer weiterlesen …

Es zeigt sich hier einmal wieder, um wieviel wichtiger eine fest fundierte Kultur ist als alles, alles andre. Fontäne brachte nicht nur seinen Kopf ins Theater mit (wie viele geben den in der Garderobe ab!) – er brachte eine Welt mit. Und stieß diese seine private Welt mit dem Mann da vorn an der Rampe zusammen: dann gab es einen guten Klang.

Ich bin kein Theaterhistoriker und sehe ganz davon ab, was denn eigentlich der alte Fontane in seinen vielen Zeitungsaufsätzen beschrieben hat. Kenner und Kundige werden aus diesen Aufsätzen das alte Theater-Berlin herauslesen, sie werden ihre Wissenschaft über die Literatur bereichern – davon laßt mich hier ganz schweigen.

Und laßt mich schwärmen.

Diese Feinfingrigkeit in Fontanes Arbeiten ist, wenn ich mich unter den Heutigen umsehe, am ehesten mit Alfred Polgars Grazie zu vergleichen. Auch hier die schmerzlich-freundliche Ironie, das tiefe Wissen, dass es ja schließlich alles nicht so wichtig ist – auch hier die entzückende Feinheit in den leisen Lichterchen, in den hingehauchten Pointen, in den kleinen Bosheiten und in den charmanten Liebeserklärungen an Kunst und Künstler. Auch dies verbindet Polgar mit Fontane, dass beide in der Ablehnung fast noch besser sind als in der Anerkennung, und dass es aus ihrem Tadel, besonders aus dem ironischen Tadel unendlich viel zu lernen gibt. Und blieb Fontane nicht ewig jung? Seine Haltung in Sachen Naturalismus, der den ganz anders empfindenden und erzogenen Mann in die Herzgrube stoßen mußte, soll ihm unvergessen bleiben. Es ist eine gute Gabe Gottes, noch aus Wildenbruch das Letzte herauszuholen und vor Ibsen nicht zu versagen. Ganz und gar nicht zu versagen.

Aber was ist das alles gegen den Ton, den Hauch, den Takt, der diese Aufsätze zu einem der schönsten deutschen Sprachgüter macht! Da ist noch nicht der grauenhafte österreichische Feuilletonismus neuer Observanz, auch nicht die silbrig französische Schreibart der Herren, die, frisch aus Paris zurückgekehrt, von den Boulevard-Blättern etwas mitgebracht hatten, das sie ebenso gut daheim in Pinne hätten vorfinden können. Nein, dies ist Anmut, und alle Gesetze der Schwere sind aufgehoben.

Die Probe aufs Exempel – genau wie bei Polgar – ist die, dass wir die Schauspieler, von denen die Rede ist, gar nicht kennen. S. J. in seinem Bücherkäfig weiß, wer Johanna Jachmann-Wagner und Clara Meyer und Hans Julius Rahn und die kleine Buskar waren – ich kenne nicht einmal ihre Namen. Aber ich sehe sie vor mir! Ich sehe sie alle, alle: die Zimprigen und die mit der großen Schleppe und die auf ›edel‹ Frisierten und die Polterer und die Bartträger und die Dämonischen.

Die Zieglern sehe ich vor mir – er hat sie immer wieder in wenigen Sätzen eingefangen. Ich sehe den Heldenspieler Matkowsky, den Fontane nicht liebte und doch so tief verstand. Ich sehe die kleinen Götter und die Gastspiellöwen und die Heroinen – Herr Gott, wie groß ist dein Tierpark!

Er ist unerschöpflich in Vergleichen. Er holt, um einen Eindruck den Sinnen des Lesers nahezubringen, der ihn doch nicht mit wahrgenommen hatte, die unmöglichsten Dinge heran, die scheinbar ganz fern liegen – und wupp! ist der Eindruck da.

Von einem Rührstück Benedixens: »Das Ganze erinnerte mich an die bekannten Toaste wohlgenährter alter Herren (meist mit Pontac-Nase), die sich, wenn alles im heitersten Geplauder ist und einige Pärchen schon Knallbonbons gezogen und Conditorverse gelesen haben, plötzlich erheben, um völlig unmotiviert ›Dem, an den wir Alle längst gedacht haben, ein stilles Glas zu weihen‹. Alles legt auf fünf Minuten das Gesicht in traurige Falten – Die am meisten, die sich still erkundigen, von wem denn eigentlich die Rede sei –, bis die unbequeme Störung im Schaum des Champagners untergeht. Gott sei Dank! Nichts verwerflicher, als völlig nutzlos die heitern Minuten dieses Lebens auch nur um eine kürzen zu wollen!« Solcher Stellen gibt es Hunderte in dem Buch. Das Putzige dabei ist nun, dass alles, was Fontane zum Vergleich heranzieht, ihm unter der Hand – unter welch feiner Hand! – zum Kunstwerk, zum Bildchen, zum entzückenden Pastell wird. Ob ernst oder heiter: alles ist abgerundet, im Bild und Klang gleich durchgebildet und graziös. Vom Bildchen in die beste Reflexion: »Im zweiten Akt der ›Wildente‹ sitzt die Ekdalsche Familie am Tisch, Mann, Frau, Tochter, und die Frau rechnet eben ihr Wirtschaftsbuch zusammen: ›Brot 15, Speck. 30, Käse 10 -ja -’s geht auf‹, und dabei, brennt die kleine Lampe mit dem grünen Deckelschirm, und die Luft ist schwül, und das arme Kinderherz sehnt sich nach einem Lichtblick des Lebens, nach Lachen und Liebe … Es ist wahr, ein Stück wie die ›Wildente‹ entläßt uns ohne Erhebung, aber muß es denn durchaus Erhebung sein?«

Wer so sprach, hatte das Recht, mit feinstem Humor Dinge in einer Kritik zu gestalten, die ein andrer, erlaubte er sie sich, sicherlich verbiegen würde.

»Was von Zwischenfällen sich einstellte, steigerte nur noch die gute Laune. So beispielsweise während des zweiten Aktes. In demselben Augenblick, da Herr Berndal die Worte gesprochen hatte: ›Gegen den Unverstand eines alten Weibes hat auch der beste Mann keine Waffen‹, erscholl vom zweiten Range her ein vereinzeltes, aber intensives und die vollinnerlichste Zustimmung ausdrückendes Bravo. Jeder im Hause fühlte, dass nur ein Schwergetroffener eines solchen Herzenstones fähig sei, und drückte sein Beileid durch Beifall aus.«

Diese Filigranarbeit ist doppelt erstaunlich bei einem, der, wie man aus dem prachtvollen Vorwort Paul Schlenthers erfährt, diese Kritiken »nie für den Buchdruck bestimmt hat – die Zeit zum Schreiben und Drucken war so knapp, dass dem Verfasser selbst fast nie ein Bürstenabzug vorgelegt werden konnte«. Und doch ist alles so ziseliert, als hätten Jahre daran gefeilt.

Das haben sie auch. Aber Jahre vorher. Man muß aus der Stille kommen, um etwas Gedeihliches zu schaffen. Nur in der Stille wächst dergleichen.

Ich müßte das ganze Buch ausschreiben, um zu zeigen, wie unendlich fein die Zeiger dieses kritischen Apparates ausschlugen. Wie er sich niemals vom Bombast täuschen ließ. Wie immer der gesunde Menschenverstand, der bürgerliche Verstand genau dann revoltierte, wenn einer seine Schwächen durch Radau verbergen wollte. Wie er aber sehr gern bereit war, sich durch einen Dichter, der ein Kerl war, auch über den Gendarmenmarkt hinaus entführen zu lassen.

Verspielt, wie ich bin, liebe ich an diesem Buch am meisten die zart ausgepinselten kleinen Bilderchen. So dieses: »Und nun endlich war der Sand durchs Glas gelaufen; der Vorhang fiel, und der bis dahin zurückgedämmte Enthusiasmus machte sich in schäumenden Kaskaden Luft. Wenn einst Perserpfeile den Himmel verfinsterten, so hier Kränze und Buketts. Immer mehr; letzte und allerletzte; und dann wieder von neuem. Die Scheidende sprach kurze herzliche Worte des Abschieds. Und als sie so dastand, halb versteckt in Kränzen und die Krone noch auf Haupt und Haar, glich sie einer blumengekleideten Flora, einer Königin des Sommers. Und so wird sie fortleben in unser aller Erinnerung: ein helles Bild, ein freundlicher Klang.« Nichts herrlicher, als wenn sich über einen possierlich hitzigen Pudel die kalte Dusche eines berliner Witzes ergießt – irgendeine der Anekdoten, von denen Fontane voll war, wird beiläufig erzählt, und Held und Dramatiker können einpacken. Aber bei aller preußischen Verstandesschärfe doch immer wieder der glühende Wunsch, hingerissen zu werden und die stets wiederholte Aufforderung an den Dichter: »Entwaffnet mich! Bezaubert mich! Reißt mich hin!« Und welch Takt, welche Delikatesse: »Einer Vorstellung wie der vom Mittwoch gegenüber« – es handelte sich um den Abschied einer Schauspielerin – »gibt es keine Kritik. Auch die rigoroseste Mutter wird in dem Momente, da sie von ihrer aus dem Hause scheidenden Tochter Abschied nimmt, nicht ein tränenersticktes ›Sitz grade!‹ sprechen; in solchem Augenblicke wird auch das leiseste Bedenken, die taktvollste Frage zur Taktlosigkeit. Vielleicht ist schon diese bloße Reflexion ein Verstoß.«

Und welche prächtigen Dinge alle in der Abteilung ›Aphoristisches‹ stehen, das müßt ihr selbst nachlesen. (So die himmlische Geschichte von dem sympathischen jungen Schauspieler, der beim Kritiker Besuch macht, in einem etwas blaß gewordenen Plüschfauteuil sitzt, sich als reizender Mensch entpuppt und um gütiges Interesse bittet. »Und nun endlich bricht der Abend seines ersten Auftretens an, und der Zauber ist hin, und alle guten Vorsätze fallen zu Boden. Ein verkleideter Mensch tritt aus der Kulisse, schlenkert hin und her und behauptet, Der oder Jener zu sein. Aber er ist nicht Der und nicht Jener, ja nicht einmal er selbst.«) Es zeigt sich wieder, wie unendlich wertvoll das ist, wenn einer gefestigt von draußen hereinkommt. Fontane hat immer Distanz zu den Dingen. Er kommt immer von draußen herein.

Und die alten Lustspielkritiken … Aber da hinten drängt schon der nächste Artikel seinen dicken Kopf hervor, und ich muß schließen. Zum Abschiedsgruß: Lest dieses seltene Buch und lernt wieder einmal, wo Kultur und Geschmack und Charme und Kraft und schwebende Leichtigkeit wachsen und gedeihen. In der Stille.

 

 

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Quelle: Die Weltbühne, 25.12.1919, Nr. 53, S. 792.

Weiterführend →

Zu Beginn des Essayjahres machte sich Holger Benkel gedanken über das denken.

In 2013 unternahm Constanze Schmidt Gedankenspaziergänge.

→ Gleichfalls in 2013 versuchte KUNO mit Essays mehr Licht ins Dasein zu bringen.

In 2003 stellte KUNO den Essay als Versuchsanordnung vor.

Lesen Sie von Kurt Tucholsky auch den Essay Fontane und seine Zeit.