Sein ist Zeit, sonst Nichts

 

Es gibt keine Eigenschaft, kein separates Etwas, keine Größe, die allem Seienden gemeinsam ist oder in gleicher Weise zukommt. Kein ontologisches Gespenst namens Sein, dass sich neben dem Seienden ausmachen lässt: hier Seiendes, dort Sein. Es existiert nur eines: Seiendes. Und das existiert nur in der Zeit. Genauer gesagt: in der Raumzeit, dem Raum-Zeit-Kontinuum. Denn seit der Inflation des Urknalls gilt: ohne Zeit kein Raum, ohne Raum keine Zeit. Und für diese so bestimmte Zeit gilt: Sie hat eine eindeutige, unumkehrbare Richtung – in die Zukunft. Das heißt: Es gibt kein Zurück. Die Zeit ist der Fluss, in den wir niemals zweimal steigen können[1]. Müssen wir uns also endgültig von dieser liebgewonnenen abendländischen Hilfskonstruktion ‚Sein‘ verabschieden? An dieser Stelle sei an Heideggers fundamentalontologische Bestimmung des Seins erinnert. Mit ihr stellt er, so Hans-Georg Gadamer, die „Frage nach dem Sinn von Sein im Horizont der Zeit“ (Gadamer 1978: 106) – ausgerichtet auf „sein Ziel, Sein als Zeit zu denken“ (ebd.: 106). Sein als Zeit resp. Raumzeit zu denken lässt die Aussage ‚Das Seiende ist‘ als unsinnig erscheinen. Es sei denn, man versteht sie als unglücklich verkürzte Form der Aussage ‚Seiendes hat allein Bestand in der Raumzeit, die als Sein zu denken ist‘. Eben dieses Seiende ist als physikalische Präsenz bestimmt, die für eine gewisse Dauer Bestand in der als Sein zu denkenden Raumzeit hat. Dabei sind zwei Formen physikalischer Präsenz zu unterscheiden:

  1. die persistierende Entität (physische Präsenz) • das transitorische Ereignis (Ton, Bewegung, Frequenz u.ä.)

Der Bestand des Seienden in der als Sein zu denkenden Raumzeit: Diese so bestimmte Raumzeit ist aber weder allgemeines Merkmal noch individuelle Eigenschaft von Seiendem. Ihre Gegebenheit ist vielmehr die conditio sine qua non der Möglichkeit des Bestands des Seienden. Sei es als persistierende Entität, sei es als transitorisches Ereignis. Mit anderen Worten: Nach menschlichem Ermessen ist Seiendes allein in der als Sein zu denkenden Raumzeit gegeben, allein darin kann es Bestand haben. Implizit fände damit auch die alte Frage nach dem Nichts eine plausible Antwort: Solange die als Sein zu denkende Raumzeit gegeben ist, ist das Nichts ausgeschlossen. In dem Augenblick jedoch, wo die Raumzeit nicht mehr gegeben ist, wäre: Nichts. In diesem Gedankenkonstrukt kann es keine Gleichzeitigkeit von Sein und Nichts geben: Wenn Sein, dann kein Nichts; wenn Nichts, dann kein Sein.

Dass nun die Zeit eine eindeutige, unumkehrbare Richtung hat und ein bruchloses Kontinuum, reine Dauer ist, hat dramatische Konsequenzen, die sich uns erst auf den zweiten Blick zeigen: Mit unserer Konzeption von Zeit, der Teilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, trennen wir Untrennbares, um es erfassen zu können. Es beginnt mit dem Begriff ‚Zukunft‘, der auf nichts faktisch Gegebenes rekurriert. Zukunft ist nur der von uns stets imaginierte kommende Moment, dessen Eintreten wir nach menschlichem Ermessen zwar erwarten dürfen, dessen wir aber nie gewiss sein können (wir haben es hier mit dem Induktionsproblem zu tun, auf das schon David Hume aufmerksam gemacht hat). Jeder Moment unseres Daseins, der eintritt, ist Realität gewordene Zukunft, die wir als ‚Gegenwart‘ zu bezeichnen gelernt haben. Nun rauscht aber die Zeit als reine Dauer de facto ungebremst durch eben diese Gegenwart in die Vergangenheit. Erwies sich die Zukunft als der imaginierte kommende Moment, so erweist sich nun die Gegenwart als Chimäre. Denn sie ist das zeitliche Momentum, das im Augenblick ihres Eintretens bereits vergangen ist. Und kaum ist diese Gegenwart vergangen, ist die Zukunft, der imaginierte kommende Moment, schon die neue Gegenwart, während die vormalige Gegenwart ihrerseits längst Vergangenheit ist. Das, was jeder Einzelne in seiner jeweiligen Lebenswelt ‚Gegenwart‘ nennt, bezeichnet stets einen unbestimmten Zeitraum, von dem es keine klar umrissene und allgemein akzeptierte Vorstellung gibt: ‚Gegenwart‘ ist nichts weiter als ein skalenabhängiger Hilfsbegriff.

Wer den Moment des Gegenwärtigen zu greifen versucht, greift ins Leere. Das Konzept der Gegenwart ist lediglich die Imagination der Zuflucht, die uns einen Spalt zwischen Vergangenheit und Zukunft eröffnet, in dem wir unser Leben leben können. Einen Spalt, der uns für einen Moment den unerbittlich steten Fluss der Zeit vergessen und uns im hic et nunc verweilen lässt. Damit erweist sich uns die Gegenwart als to chaos im ursprünglichen Sinn des Wortes, den wir bei Hesiod in der Theogonie finden. Karl Albert zitiert dazu den Philosophiehistoriker Olof Gigon: „Das Wort Chaos heißt ‚Spalt, Höhlung‘“ (Albert 1978: 21). Es „gehört zum Verbum chao, das etwa in seinen gebräuchlichen abgeleiteten Formen vom Aufsperren des Mundes, vom Klaffen einer Wunde, vom Gähnen einer Höhle im Berge gebraucht werden kann“ (ebd.: 22). Diese Fiktion der Gegenwart als to chaos ist für uns ein Geschenk. Sie widerspricht gänzlich der realen Zeit, die sich nicht einmal als Uhrzeit darstellen lässt, da diese doch im Sekundentakt permanent eben das zergliedert, was nur als Kontinuum, als reine Dauer, als steter Fluss gegeben ist. Gadamer nennt diese fiktive, subjektive Zeit „die erfüllte Zeit oder auch die Eigenzeit“ (Gadamer 2012: 68). Sie scheint, so Gadamer, „auch für das Fest charakteristisch, dass es durch seine eigene Festlichkeit Zeit vorgibt und damit Zeit anhält und zum Verweilen bringt – das ist das Feiern“ (ebd.: 69). Die Zeit „wird im Feiern sozusagen zum Stillstand gebracht“ (ebd. 69). Gegenwart als to chaos bezeichnet also ein hypothetisches episodales Momentum der Zeit, wo tatsächlich nur Diachronie im Zeitkontinuum besteht bis ans Ende der Welt.

 

 

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Literatur: Albert, Karl (1978): Einführung, in: ders. (Hg.): Hesiod Theogonie, Texte zur Philosophie Band 1, A. Henn Verlag, Kastellaun.

Gadamer, Hans-Georg (1977/2012): Die Aktualität des Schönen, Reclam Verlag, Stuttgart.

Gadamer, Hans-Georg (1978): Zur Einführung, in: Martin Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerks, Reclam Verlag, Stuttgart.

Die Essays von Stefan Oehm auf KUNO kann man als eine Reihe von Versuchsanordnungen betrachten, sie sind undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erzählungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der großen Theorie und schon gar nach den großen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende „integrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben“ auf der „Bühne der Schrift“ in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Schärf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gefühlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend.

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KUNO würdigte das Buch Worüber reden wir, wenn wir über Kunst reden? von Stefan Oehm mit einem Rezensionsessay. – Eine Leseprobe finden Sie hier.

 

[1] Da die Zeit gerichtet ist, ist sie auch nicht wiederholbar. Nun spielt aber gerade die Wiederholpräzision bei Experimenten, wenn es um die Überprüfung der Korrektheit ihrer Ergebnisse geht, die entscheidende Rolle. Da eine wesentliche Bedingung der Überprüfung die Wiederholung des Experiments unter denselben Versuchsbedingungen ist, müsste folglich auch die Zeit dieselbe sein. Nur ist dies aber nicht möglich, da die Zeit ja nicht wiederholbar ist. Wir können also Experimente stets nur unter Ausblendung dieses Faktors wiederholen. Was in der Konsequenz bedeutet: Wir können Experimente niemals unter exakt denselben Versuchsbedingungen wiederholen. Und das bedeutet wiederum: Ergebnisse von Experimenten können niemals verbindliche Aussagen sein, sondern bestenfalls Aussagen von größtmöglicher Wahrscheinlichkeit.