Das Tanztheaterstück The Vera Strange Tapes war quasi das Vorspiel. In den frühen 1990er Jahren prägte eine Gruppe kreativer Köpfe die deutsche Hörspielszene mit innovativen Live-Aufführungen. Kai Mönnich, A.J. Weigoni, Marion Haberstroh und Frank Michaelis führten mit ihren Werken Schland (1992) und 5 oder die Elemente (1993) neue Maßstäbe ein.
Kai Mönnich, A.J. Weigoni, Marion Haberstroh, Frank Michaelis. Photo: Anja Roth
Diese Live-Aufführungen kombinierten klassische Hörspieltechniken mit theaterähnlichen Elementen, die das Publikum aktiv einbezogen. So wurde das Hörspiel zu einem multisensualen Erlebnis, das über das bloße Hören hinausging.
Kai Mönnich, A.J. Weigoni, Marion Haberstroh und Frank Michaelis haben begonnen, traditionelle Hörspiele aus dem Medium des Radios herauszulösen und sie live vor dem Publikum aufzuführen. Ihre Werke „Schland“ (1992) und „5 oder die Elemente“ (1993) verkörperten eine hybride Form, die Elemente von Performance, Theater, Lesung und Musik vereinte. Diese Arbeiten waren nicht nur akustische Experimente, sondern transmediale Grenzüberschreitungen, die die Grenzen zwischen auditiver Erzählung und visueller Präsenz auflösten. In einer Zeit, in der die Medienlandschaft durch Digitalisierung und Multimedia im Wandel begriffen war, boten diese Live-Hörspiele eine frische Perspektive auf Poesie und Klangkunst, die das Publikum aktiv einband und die Konventionen des Genres herausforderte.
Die Arbeiten von Kai Mönnich, A.J. Weigoni, Marion Haberstroh und Frank Michaelis markieren einen entscheidenden Wendepunkt in der deutschen Hörspielgeschichte. Mit den Produktionen „Schland“ (1992) und „5 oder die Elemente“ (1993) befreiten sie das Genre aus der Isolation des Tonstudios und brachten es als multimediales Ereignis live vor Publikum.
Die 1990er Jahre waren in Deutschland von einem tiefgreifenden Wandel geprägt. Der Fall der Mauer 1989 führte zu einer Welle des kreativen Aufbruchs: Künstler und Intellektuelle suchten nach neuen Ausdrucksformen. In dieser Atmosphäre florierte die experimentelle Kunst, die sich häufig von bestehenden Konventionen abgrenzte. Mönnich, Weigoni, Haberstroh und Michaelis nutzten diese Gelegenheit, um das Medium Hörspiel neu zu definieren, indem sie es aus dem Radio in den Live-Bereich überführten.
„Schland“ ist ein frühes Beispiel für die innovative Annäherung der Künstler an das Hörspiel. Die Inszenierung behandelt Themen von Identität und Heimat und fordert die Zuhörenden auf, sich mit dem Begriff der „Schland“-Kultur auseinanderzusetzen. Durch den Einsatz von Klanglandschaften, live gespielten Geräuschen und einer dynamischen, oft interaktiven Erzählweise wurde das Publikum direkt in die Erzählung einbezogen. Dies schuf nicht nur ein eindringliches Erlebnis, sondern förderte auch die Reflexion über den eigenen Platz in der sich verändernden Gesellschaft.
Die Inhalte der Werke waren ebenso innovativ. Schland befasste sich etwa mit der Identität und den gesellschaftlichen Themen der Zeit, indem es einen kritischen Blick auf die deutsche Einheit warf. Hierbei wurde die Struktur des Hörspiels durch fragmentierte Erzählungen und experimentelle Klanglandschaften neu definiert.
Die Arbeit dieses Künstlerkollektivs war eine direkte Antwort auf die veränderten medialen Sehgewohnheiten der Nachwendezeit. A.J. Weigoni proklamierte bereits Anfang der 1990er Jahre, dass die Literatur auf die Ästhetik von Musikvideos und die zunehmende Digitalisierung reagieren müsse. In „Schland“ wurde das Hörspiel nicht mehr nur als rein akustisches Medium begriffen, sondern als performativer Akt. Die Sichtbarkeit der Tonerzeugung – das bewusste Agieren der Sprecher und Musiker auf der Bühne – brach mit der traditionellen „unsichtbaren“ Magie des Rundfunks und setzte stattdessen auf eine transmediale Ästhetik.
Die Wahl des Titels „Schland“ verdeutlicht die Auseinandersetzung mit nationaler Identität. Das Stück spielt mit den Klischees und Stereotypen, die mit Deutschland verbunden sind, und fordert die Zuhörenden dazu auf, ihren Blick auf die eigene Identität zu hinterfragen. Hierbei kommen sowohl humorvolle als auch nachdenkliche Elemente zum Tragen, was das Werk besonders zugänglich und ansprechend für ein breites Publikum macht.
5 oder die Elemente erweiterte sich das Spektrum um eine verstärkt lyrische und strukturelle Komponente. Hier wurde das Experiment mit der Synchronität von Sprache, Musik und Raumklang vertieft.
Zwei Jahre später folgte das Stück „5 oder die Elemente“, in der Regie von Ioona Rauschan uraufgeführt im Gutenberg-Museum zu Mainz, welches die Idee der vier Elemente – Erde, Wasser, Feuer, Luft – weiterentwickelt. Mit einer Erzählstruktur, die sich um fünf Protagonisten gruppiert, wird die Interaktion zwischen diesen Kräften untersucht. Mönnich, Weigoni, Haberstroh und Michaelis nutzen dabei innovative technische Mittel, um Klänge und Sprachmuster zu kombinieren, die eine vielschichtige akustische Erfahrung schaffen.
Ein treibender Faktor hinter dem neuen Impuls des Hörspiels waren die technologischen Entwicklungen der 1990er Jahre. Die Fortschritte in der Tonaufnahme- und Bearbeitungstechnologie ermöglichten es, komplexe Klanglandschaften zu erschaffen, die die Grenzen der physischen Aufführungstreppe überschritten. Die Künstler nutzten digitale Aufnahmetechniken, um Klänge zu manipulieren und zu verbinden, und schufen so eine Klangästhetik, die sowohl hypnotisch als auch herausfordernd war. Diese Techniken trugen zur Entstehung eines neuen Hörspiel-Genres bei, das von experimentellen Klängen und kreativen Erzählmethoden geprägt war.
Die Live-Performance von „5 oder die Elemente“ brach mit traditionellen Erzähltechniken, indem sie den Raum für Improvisation schuf. Die Wechselwirkungen zwischen den Schauspielern und der akustischen Umgebung ermöglichten es den Künstlern, auf das Publikum zu reagieren und das Erlebnis vor Ort maßgeblich zu beeinflussen. Der Ansatz der Interaktivität förderte ein Gefühl der Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit und machte jede Aufführung zu einem einzigartigen Erlebnis
5 oder die Elemente erweiterte diese Perspektive, indem es mit den vier Elementen Erde, Wasser, Feuer und Luft spielte und in einem künstlerischen Dialog zwischen Natur und Technik eine Beziehung herstellte, die durch vielschichtige Klänge und Atmosphären geprägt war.
Die Arbeiten von Mönnich, Weigoni, Haberstroh und Michaelis hinterließen einen bleibenden Eindruck auf die Hörspielkultur in Deutschland. Sie trugen zur Wiederbelebung des Genres bei und inspirieren bis heute viele Künstler. Das Experimentieren mit Klang, Raum und Erzählstruktur ermutigte eine neue Generation von Hörspielmachern, die Grenzen des Mediums zu erkunden.
Ihr Ansatz gilt heute als Beispiel für die Verschmelzung von Theater und Hörspiel, was die Relevanz beider Kunstformen in der zeitgenössischen Kultur unterstreicht. Die Idee, das Publikum aktiv in die Performance einzubeziehen, hat sich zu einem zentralen Element vieler moderner Inszenierungen entwickelt und damit die Rolle des Zuhörenden von einem passiven Konsumenten zu einem aktiven Mitgestalter verändert.
Die Live-Hörspiele von Kai Mönnich, A.J. Weigoni, Marion Haberstroh und Frank Michaelis sind mehr als nur kreative Arbeiten; sie sind ein Spiegel der gesellschaftlichen Veränderungen der 1990er Jahre und ein Beispiel für das Potenzial der Hörspielkunst, Grenzen zu überschreiten. Durch innovative Darstellungsformen und die Einbeziehung des Publikums schufen sie ein ergreifendes Erlebnis, das die deutsche Hörspielszene nachhaltig prägte. Ihre Werke stehen in der Tradition der kreativen Auseinandersetzung mit Identität und Gemeinschaft
Was bleibt stiften nicht nur die Dichter… auch Musiker und darstellende Künstler sind beteiligt-
Die 1990er Jahre waren geprägt von kulturellen Umbrüchen in Deutschland, insbesondere nach der Wiedervereinigung. Die Literaturszene experimentierte mit neuen Formen, um die Fragmentierung der Gesellschaft widerzuspiegeln. A.J. Weigoni, war ein zentraler Protagonist dieser Szene. Als Poet und „Sprechsteller“ brach er mit konventionellen Gattungsgrenzen und integrierten Einflüssen aus Popkultur, Jazz und Minimalmusik in seinen Werken. Seine Texte waren radikal, oft fragmentarisch und luden zu interaktiven Interpretationen ein.
Die Live-Aufführung nutzte Elemente der Minimalmusik und Jazz, um eine offene Struktur zu schaffen, die aus vorhersehbaren Mustern ausbrach. Es war eine Bricolage aus Pop-Klischees und experimentellen Klängen, die das Publikum zur interaktiven Ergänzung animierte. Diese frühen Live-Hörspiele waren Pioniere des heutigen Booms an Podcast-Live-Events und szenischen Lesungen. Sie etablierten das Konzept, dass ein Hörspiel nicht nur konsumiert, sondern im Moment seiner Entstehung bezeugt wird. Auf KUNO lässt sich der Übergang von der klassischen Literatur zur akustischen Performance bis heute nachvollziehen.
Die Arbeit von Mönnich, Weigoni, Haberstroh und Michaelis bleibt ein wesentlicher Beitrag zur Dekonstruktion des literarischen Textes und seiner Transformation in einen lebendigen, klanglichen Raum.
Diese Arbeit brach mit der Tradition des reinen Radiospiels und etablierte das Live-Format als performative Kunstform, die visuelle und auditive Ebenen verband. Haberstroh und Mönnich agierten unprätentiös, aus emotionaler Tiefe heraus, und folgten der inneren Logik der Figuren, um Herzen zu erobern. Musikalisch integrierte Michaelis freie Rhythmen und Experimente, die an Jazz und Minimalismus anknüpften, und schuf so eine Schwebe, die Unabgeschlossenheit betonte. Beide Werke teilten die Radikalität: Sie verweigerten abgeschlossene Narrative und forderten den Zuhörer zur Mitgestaltung auf, was sie von konventionellen Hörspielen abhob.
Durch die Kombination von Live-Aufführungen, technologischen Entwicklungen, progressiven Inhalten und interdisziplinären Einflüssen schufen sie ein neues Verständnis von Hörspiel als dynamische Kunstform.
Ein Schlüssel zur Neuerfindung des Hörspiels lag in der Interdisziplinarität. Diese Klangartisten zogen Einflüsse aus verschiedenen Kunstformen wie Theater, Musik und bildender Kunst heran, um ein ganzheitliches Erlebnis zu schaffen. Dieser Ansatz ermutigte andere Künstler, ihre eigenen Grenzen zu überschreiten und neue Wege der kreativen Beleuchtung zu finden. Die Arbeiten von Mönnich, Weigoni, Haberstroh und Michaelis revolutionierten das Hörspiel, indem sie es live machten. In einer Zeit, in der Medien zunehmend interaktiv wurden, boten sie eine Brücke zwischen Tradition und Avantgarde. Ihre Experimente mit Klang, Stimme und Performance beeinflussten spätere Formen wie Podcasts und immersive Theateraufführungen.
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Frank Michaelis, A.J. Weigoni, Andy Schulz und Marion Haberstroh. Instant Music 1989
Weiterführend →
→ Eine Werkübersicht über die akustische Kunst von A.J. Weigoni finden Sie in der Reihe MetaPhon.
→ Ein Kollegengespräch mit Ioona Rauschan findet sich hier. Das Live-Hörspiel 5 oder die Elemente wurde in der Regie von Ioona Rauschan mit Marion Haberstroh und Kai Mönnich im Gutenberg-Museum zu Mainz uraufgeführt. Probehören kann man das Monodram Señora Nada (Regie Ioona Rauschan) in der Reihe MetaPhon. Das Hörbuch Gedichte mit einer Klangkomposition von Tom Täger auf CD erhältlich.