Nivola

 

Die Neuauflage dieses Klassikers der spanischen Literaturgeschichteaus, von zwei Vorworten, je einem Nach-Vorwort (!) und Nachwort eingeleitet und kommentiert, lenkt die Aufmerksamkeit auf einen außergewöhnlichen Schriftsteller und Philosophen, dessen Roman in fünfzehn Sprachen übersetzt wurde. Miguel de Unamuno, 1864 in Bilbao geboren, 1936 in Salamanca verstorben, hat mit seinem 1914 publizierten Werk „Nivola“, dem vom Autor kreierten Kunst- Begriff für spanisch „Niebla“ (dt. „Nebel“), einen philosophisch hintergründigen und erzähltechnisch vielschichtigen Text vorgelegt. Er könnte auch versierte Leser*innen verblüffen oder vielleicht sogar „benebeln“, falls er dem Protagonisten Augusto Pérez, einem begüterten Junggesellen, mit wachsender Verblüffung all dessen überraschenden Handlungen und oft verqueren Gedanken willenlos folgen sollte. Oder kopfschüttelnd den verzweifelten Don Augusto auf dessen völlig überraschender Reise zum Autor begleiten, nachdem dieser sich bereit erklärt hatte, ihm in dessen unglücklich endender Liebesaffäre mit Rat und Tat beratend beizustehen.

 Es ist in der Tat eine raffiniert konstruierte Verwicklung einer tragi–komischen Geschichte, an dessen Anfang sich ein wohlhabender Junggeselle in Begleitung eines ihm treu ergebenen Hund namens Orpheus auf die Suche nach einer heiratswilligen Gefährtin macht. In diesem wohl abgesicherten Spannungsbogen könnte sich auch Augusto bewegen, wenn er sich nicht ständig neu verlieben würde. Er gerät dabei in einen psychisch und körperlich hoch aufgeladenen Erregungszustand, der sporadisch, dann und wann auch periodisch eintritt, ohne dass Augusto sich dagegen zur Wehr setzen könnte. Im Gegenteil, beim Anblick einer ihn bezaubernden „Dame seines Herzens“ verwandelt sich seine vernunftgesteuerte Libido in eine triebgesteuerte Persönlichkeit. Sie folgt der spontan Auserwählten, wobei Augusto offensichtlich unbefangen Hausbewohner und Dienstpersonal nach Name und Herkunft der Auserwählten befragt. Alles scheint wie im Rausch abzulaufen, so wie bei den Begegnungen mit Fräulein  Eugenia Domingo del Arco, einer Klavierlehrerin. Sie ist das Objekt von Augustos offensichtlichem Streben nach Eheglück. Doch bevor es zur ersten Begegnung mit der Angebeteten kommt, holt sich Don Augusto erste Ratschlage bei der Tante von Eugenia, Doňa Ermelinda, und deren Ehegatten Don Fermín, einem rhetorisch geschulten Anarchisten und Witzbold.

Bereits das erste Treffen mit der Angebeteten endet deprimierend für den glühend entflammten Don Augusto. Eugenia gibt ihm den Laufpass. Selbst Orpheus, sein treuer Hund, kann ihn in seiner tiefen Enttäuschung nicht hinlänglich trösten. Eugenia trifft sich bald darauf mit ihrem Geliebten Mauricio. Er verurteilt überraschenderweise Eugenias Beziehungen zu Don Augusto nicht grundlegend, weil dieser doch über viel Geld verfüge und möglicherweise  sogar die Hypothek für das Haus ihrer Tante Ermelinda abzahlen könne. Fortan schwankt Eugenia in ihrer Ablehnung gegenüber Augusto. Er ist sogar gerührt, als Eugenia ihm für die finanzielle Unterstützung dankt, ihm jedoch gleichzeitig mitteilt, dass sie keine intimen Beziehungen mit ihm wünsche.

In seiner tiefen Enttäuschung fühlt er sogar gegenüber seiner treuen Magd Liduvina eine wachsende Zuneigung, sucht dann jedoch einen Ausweg in einer Studie über die Frau von einem gewissen Antolin S. Paparrigópulos, „ein sogenannter Gelehrter“, dessen Name auf den gleichnamigen Titel eines Werkes von Miguel de Unamuno verweist. Dieser nominelle Schachzug von Unamuno verweist auf ein besonderes Verfahren des Autors. Es besteht darin, Auszüge aus seinen bereits publizierten Werken als Nachweis für seine philosophischen und ethischen Positionen in seine Texte zu integrieren. So bescheinigt er „seinem“ Paparrigópulos, dass er einen klaren Verstand habe, dass seine Philosophie „die des unglücklichen Becerro de Bengua“ sei, der “Schopenhauer einen seltsamen Narren genannt hatte“, dem „sicherlich nicht solche Gedanken in den Kopf gekommen“ wären, wenn „er statt Bier Valdepenas getrunken hätte“ (vgl. S. 192).

Die Verwirrung des Lesers dürfte sicherlich noch größer werden, wenn der Autor seiner Figur Augusto empfiehlt, er müsse nun ein neues Experiment auf der Suche nach der idealen Frau machen. Doch die Handlungsstränge führen zu einer überraschenden Wende, in deren Verlauf Eugenia „ihrem“ Augusto plötzlich in die Arme fällt und ihm gesteht, dass sie ihn nun heiraten wolle. Es ist ein verblüffendes Geständnis in einer verwirrenden Liebesgeschichte, die nun wohl  zu einem glücklichen Ende führt. Doch drei Tage vor der angesetzten Hochzeitsfeier erhält der Bräutigam Augusto von „seiner“ Eugenia einen Brief. Sie teilt ihm mit, dass sie mit ihrem Mauricio auf Nimmerwiedersehen in ein weit entferntes Dorf gefahren sei. Dort wolle sie nun von dem Geld, dass er ihr auf der Grundlage der erstatteten Hypothek geschenkt habe, fortan sorglos leben.

Der wie vom Blitz getroffene Augusto, dessen tiefen Schmerz nur noch sein treuer Orpheus lindern kann, ist entschlossen zu sterben. Zuvor jedoch bittet er  „seinen“ Autor, ihn zu trösten oder ihn in seiner unglücklichen Lage zu beraten. Eine Bitte, die Unamuno in der Funktion als realer Autor des Romans mit dem Ausruf zurückweist, dass er seinen Tod nicht zurücknehmen kann, weil er alles schon niedergeschrieben habe. Aus Salamanca, dem realen Wohnort von Miguel de Unamuno, heimgekehrt, ist Don Augusto nun fest entschlossen zu sterben, eine Absicht, die er sowohl seiner Haushälterin Liduvina als auch seinem Diener Domingo mitteilt. Während sich Augusto nun im Akt des Sterbens in einem „schwarzen Nebel auflöst“, setzt die Grabrede seines ihm treu ergebenem Orpheus ein. Der Autor versetzt sich in seine Gemütslage, bescheinigt dem von ihm kreierten Hund eine Wandlungsfähigkeit, verschafft ihm das Bewusstsein nicht nur eines mitleidenden Tieres, sondern eines dem Menschen freiwillig unterworfenen Wesens, kritisiert die Heuchelei des homo faber, nennt ihn einen Zyniker, der einen verräterischen Vertrag mit den Hunden abgeschlossen habe, weil er sie teilhaben lässt an der Jagd auf seine Artgenossen. Doch ungeachtet dieser scharfen Kritik an dem Wesen und Verhalten des Menschen, … der Tod seines Herrn rührt Orpheus so sehr, dass er angesichts des Leichnams selbst den Tod wählt, um mit ihm im Reich der reinen, wahrhaften Hunde, jenseits des irdischen Nebels zu leben.

Der Roman, unter der Einwirkung wesentlicher Ideen aus Unamunos philosophischer Abhandlung „Über das tragische Lebensgefühl“ aus dem Jahr 1913 entstanden, verweist auf die Kluft zwischen Verstand und Leben. Dieser unüberbrückbare Gegensatz lässt sich in der Aussage „Alles Vitale ist antirational und alles Rationale ist antivital“ zusammenfassen. Er veranlasst den Autor zu einer Reihe von Textstrategien, die seine Position als stilistischer Avantgardist zu Beginn des 20. Jahrhunderts festigte. Seine stetig wechselnde Erzählstrategie löst den fortlaufenden Strang der Handlung auf. Für den Leser des 21. Jahrhunderts erweist sich das provokante Spiel des Autor-Erzählers mit seinem Protagonisten Augusto und dessen naiver Einstellung gegenüber seinen „Angebeteten“ als befreiend, verstörend und belustigend. Gemütszustände, die sicherlich den Anlass für eine vergnügliche Lektüre bilden.

 

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Nebel. Roman von Miguel de Unamuno. Übersetzung von Otto Buek, revidiert nach der dritten Ausgabe des Originals von Roberto de Hollanda und Stefan Weidle. Nachwort von Wilhelm Muster. Bonn (Weidle Verlag) 2022