Minestrone o Minestra?

 

Sir Peter und Ich, diesmal in leichteren Gesprächsebenen … Well, sagt Er, ich könnte jetzt eine Kleinigkeit essen. – Wo du das sagst, sage Ich, bekomme ich auch Appetit. – Es gibt Minestrone, sagt Er. – Aha, Gemüsesuppe, nicht schlecht, sage Ich. – Das ist dicke Suppe, also mit Fleisch, sagt Er, so kenne ich’s vom Tessin. – Das ist mir neu, sage Ich, die klassische norditalienische Minestrone hat Staudensellerie, Karotten, Lauch, Erbsen, Tomaten und Kartoffeln, immer auch Wirsing und Bohnen, aber kein Fleisch. – Du meinst wohl die Minestra, sagt Er. – Nein nein, sage Ich, ich meine die Minestrone. – Weißt du, sagt Er, du kannst das schon bei Ovid nachlesen, da werden die Ingredienzien genannt, das ist eine mediterrane Tradition, die sich bis heute erhalten hat. – Ich denke, sage Ich, da verwechselst du was. – So? – Bei Ovid steht, wie die mediterranen Völker den Salat zubereitet haben, und dass sie ihn vor der Hauptmahlzeit verspeist haben. – Nein, sie haben ihn danach gegessen, das ist ja der Witz! – Wo soll da der Witz sein? – Die mediterranen Völker waren schon in der Antike gastrophil! – Ich habe jetzt zufällig nicht den Ovid dabei, aber da steht’s genau andersherum! – Ich weiß, sagt Er betont bedächtig, im Grunde hat Ovid das bei Homer falsch abgeschrieben. – Von der Ilias, frage Ich spöttisch, oder von der Odyssee? – Von der Odyssee natürlich, sagt Er, die Ilias ist gastronomisch absolut unergiebig, wie du weißt. – Lassen wir das auf sich beruhen, sage Ich, ich sehe gerade auf der Speisekarte einen sorbischen Kartoffelsalat mit Spreewaldgurken. – Ich bleibe bei meiner Minestrone, sagt Er, was fasziniert dich eigentlich so sehr bei den Spreewaldgurken, die sind doch magenzerreißend sauer! – Sir Peter, sage Ich, gerade das ist ja der Witz, die saurenSpreewaldgurken sind reine Rauschmittel – bei der ersten quietscht dir zwar der Mund in den Angeln, macht aber Durst auf die zweite, die zweite schmeckt nach mehr – jetzt willst du saufen, und die dritte macht dich süchtig … – Schon gut, unterbricht Er mich, schon gut. – Es ist eigentlich so wie bei der hohen Kunst, sage Ich, je saurer, umso verführerischer, da werden Gurken zu Sirenen! – Na na, sagt Er ein wenig abschätzig, die Spreewaldgurken kommen meines Wissens nicht in der Odyssee vor. – Well, sage Ich, das ist klar wie Kloßbrühe, aber ich weiß, was dem Odysseus da entgangen ist. – Ja, sagt Sir Peter, es ist die reinste Tragik … aber ich bleibe bei Ministrone. – Minestra, sage Ich. – Nein, Minestrone, glaub mir, Minestrone. 

 

 

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Kleine Gipfeltreffen, von Ulrich Bergmann. KUNO 2021

Bonn ist nicht Weimar

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In diesem Jahr präsentiert KUNO von Ulrich Bergmann deutsche Seelenlandschaften im Postkartenformat. Mit seinen „Correspondenzkarten“ verschafft er den Lesern das Vergnügen von spezieller Twitteratur. Es ist eine bildungsbürgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus Kritische Körper, und auch aus der losen Reihe mit dem Titel Splitter, nicht einmal Fragmente aufploppen. – Eine Einführung in Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann finden Sie hier. Lesen Sie auf KUNO zu den Arthurgeschichten auch den Essay von Holger Benkel, sowie seinen Essay zum Zyklus Kritische Körper.

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