Im Grab mit meinen lieben Konjunktiven

Noch nie hat jemand eine Landkarte von mir aufgeklappt. Die leeren Städte und versunkenen Titel, die man mit der Nasenspitze suchte, Vorstadtkinos, Hundeasyle, London ohne Nebel, ein Zirkuszelt aus Flugschatten und Schlaf, wo eine ewig schief gehende Sonne ihre eigenen Schatten wärmte. Lakonien, so der Name der Provinz und all der Dinge, die darin vorkämen, eine Welt, in der ich und alle, die mich kennen, noch einmal aufliefen, nur in sinnabgewandter Richtung. Wo Gott sich brüsk zur Erde beugte und sagte: Hier liegt ein kleiner Vogel, und der hat keinen Namen. Wer blind ist, fände darin schnell sein Ziel, denn dieses wechselte den Ort und käme ihm entgegen. Nach Hause könnte man sich nur verirren: man müsste jedes Mal auf einem anderen Weg hinfinden. Keiner erkennte mehr den anderen, alle müssten einander unentwegt überzeugen, dass sie es wirklich sind. Es gäbe Mondkarten für Umwege, Anleitungen für die Unwahrheit von Nutzhölzern, schwer erziehbare Filme; die Gebirge zur Linken, schwer von Abgeschiedenheit, die satten blauen Himmel rechts, schon sichtbar angezählt. (Irgendwer zählt immer das Blau des Himmels.) Bach-Toccaten beleuchteten unterseeische Friedhöfe, gestrandete Wale läsen eine Messe für Jablonski, und der Winter verabschiedete sich nicht nur in Treviso alljährlich als Champion. Die Schneebeben und Grabschmieden, die Tröstungssprachen aus dem Eisfach der Geschichte, könnte man sich aufrecht stehend entgehen lassen. Wieso laut der Welt sein Halt! zurufen, wenn uns ein Wort versammelt. Wir könnten einfach weitermachen so, nur wäre diese Welt irgendwann alle, befristet in Phonemen, die man wie Halme überall am Wegrand knickt. Keine weichen Aquarelle übrig dann, keine gedämpften Mondaufgänge, keine Haifischbecken für die Chroniken. Man dürfte weinen, sich selbst in seinem Todesjahr begegnen, im Plagiat der Hölle wandeln, nach dem Ende aller Litaneien. Da passte kein Satz irgendwo dazwischen. Dass niemand danach fragt, weckt mein Interesse.

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Mehrwegballaden. Neue Spektakel und Dioramen von Ralph Pordzik. École Noire, 2020

École Noire, 2020. Cover © Koshiro Onchi.

Weiterführend →

In den Aufzeichnungen von Ralph Pordzik findet sich eine Poesie, die man von den japanischen Haiku kennt, sie scheint auf besondere Weise verfügbar und dienstbar zu sein. Diese Notate entsprechen der Denkgenauigkeit der Spätmoderne, es ist Twitteratur im besten Sinn. – Lesen Sie auch einen Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur.

Bereits von seinem ersten Band Verabredung mit meinem Publikum war KUNO angetan. Auf KUNO lesen Sie auch einen Rezensionsessay von Holger Benkel über Ralph Pordzik  – Poesie ist das identitätsstiftende Element der Kultur, KUNOs poetologische Positionsbestimmung.