Ehemannzipation

Dieses Wetter ist genau nach seinem Geschmack, nicht zu warm und manchmal kommt ein erfrischender Schauer. Wenn es dann einen ganzen Vormittag regnet, kann ihn das auch nicht weiter stören, weiterhin geht Herr Nipp davon aus, dass es nur schlechte Kleidung gibt, nicht aber solches Wetter. Außerdem fühlt man sich durch das regelmäßige Aufsuchen der Sauna durchaus gesundheitlich gestärkt. An diesem Tag muss unbedingt der Gemüsegarten gemacht werden. Mitte Juli wird es Zeit, dass die Mohnstrünke und Erbsenranken herausgerissen werden und neues Gemüse gesetzt wird, Porree und Steckrüben wahrscheinlich, vielleicht auch Grünkohl.

Auf dem Weg nach unten in den Garten liegt auf einem kleinen Höckerchen eine Emma. War das nicht die Zeitschrift von jener streitbaren Dame, die allerdings inzwischen sogar Werbung für eine große Boulevardzeitung machte? Das Flaggschiff der deutschen Emanzipation, hier wurden die großen Genderdiskussionen geführt, hier regte man sich über die Girliebewegung Anfang des 21. Jahrhunderts auf, diesen vielbeschriebenen und bekrittelten Rückschritt auf dem Weg zur wahren Gleichberechtigung. Hier kämpften intelligente Frauen gegen die Diskriminierung des weiblichen Geschlechts. Herr Nipp konnte sich noch gut daran erinnern, dass die Leitartikel während seines Studiums immer wieder zu heftigen Diskussionen unter den Studierenden führten. Letztlich landeten die coolen Jungs und jungen Frauen dann doch zusammen im Bett, aller Emanzipation zum Trotz.

Auf der halbverrotteten weißen Plastikbank liegt eine Papiertüte mit zwei Mehrkornbrötchen, daneben eine PET-Flasche mit anderthalb Litern Mineralwasser, medium versteht sich, das kann man schneller trinken. Und bei der Gartenarbeit ist es wichtig, viel zu trinken, nichts Alkoholisches versteht sich. Wasser oder alkoholfreies Weizenbier sind angesagt. Manchmal hilft auch ein Tee oder Saft. Die Brötchen sind nicht mehr unversehrt, Herr Nipp hat einige Stücke herausgebrochen und sie zwischendurch in den Mund gesteckt. Er liebt es, wenn man manchmal etwas zu kauen bekommt. Seine Füße zieren ziemlich zerfurchte und abgetragene Lederschuhe, ehemals hatte er sie braun gekauft, irgendwann dann schwarz umgefärbt, inzwischen stehen sie kurz vor der Auflösung. Nach spätestens sechs Jahren sind solche Schuhe einfach abgetragen. Sie gehen in den Zustand des Zerbröselns über. Das ist allerdings auch nicht weiter schlimm, denn sie haben kaum im Regal gestanden und damit ihren Zweck hinlänglich erfüllt. Der fette dunkle Boden hat sich dickklumpig an die Sohlen geheftet und erschwert das Gehen etwas, Herr Nipp muss die Füße höher nehmen, als es ihm normalerweise gefällt. Letztlich macht das allerdings nichts aus, denn er ist völlig auf seine Arbeit konzentriert.

Nebenan streitet ein Ehepaar im Haus, das stört die Idylle des allgemeinen Vogelgezwitschers ein wenig, inzwischen geht das Gekeife in die dritte Runde, Türen werden geknallt, manchmal dann wieder Ruhe. Herr Nipp kennt die beiden vom Sehen. Sie sitzen gerne auf der Terrasse, haben dann meist den Grill angeworfen und braten sich ein Kotelett nach dem nächsten. Dementsprechend haben die beiden auch einen beträchtlichen Umfang entwickelt, Biomasse aufgebaut. Man sagt ja gerne, dass Dicke gemütlich sind. Das obligatorische Bierchen rundet die Sache im wahrsten Sinne des Wortes ab.

Zur abgeschnittenen Jeans passt Herrn Nipp das ausgefärbte, ehemals schwarze T-Shirt ausgezeichnet. Tief in der Hocke reißt er büschelweise Vogelmieren und die Reste des Frühsommergemüses aus, Spinat und Möhren, einige ausgeblühte Radieschen. Die Ranken der Erbsen zieren noch vereinzelte Schoten. Er pflückt sie und steckt diese entweder ganz in den Mund oder öffnet sie und lässt die grünen Kugeln in diesen rollen. Die jungen Erbsen zerplatzen süßlich zwischen Zunge und Gaumen. Ältere haben einen eher schärferen, fast metallischen Geschmack. Die verdorrten Mohnstrünke werden in einen Eimer gestopft und regelmäßig zum Komposter gebracht. Die Kapseln hat er bereits geerntet, aus dem bläulichen Mohn wird er wohl einen Kuchen backen. Die leeren Samenschoten an ihren langen Stielen bringt er später einer bekannten Floristin, die sie für Gestecke verwenden wird. Ein Busch an Beinwell wird entfernt, der hat im Gemüsebeet nun wirklich nichts zu suchen. In den Staudenbeeten mag man ihn gerne sehen, hier aber macht sich Beinwell einfach zu breit.

Wieder flammt vom Nachbarhaus die Lautstärke herüber. Wenn die Nachbarskinder streiten und sich angiften, dann ist das noch erträglich, hier aber werden die Nerven aller Ruhesuchenden arg strapaziert. Wieder knallen Türen. Wieder Ruhe, Herr Nipp ist gespannt, wann die Komödie weitergeht.

Der Boden wird gemacht, geharkt und von lästigem Wildkraut befreit. Am nächsten Tag sollen auf dem Wochenmarkt neue Gemüsepflanzen gekauft werden. Dort kann man auch einige nette Gespräche führen. Manchmal bekommt man auch gute Gartentipps von anderen Kleingärtnern, die aus Liebhaberei immer noch kleine Parzellen bewirtschaften und nicht alles dem Diktat der Zierschönheit, des Ziergartens unterworfen haben. Gerade im ländlichen Bereich findet man solche liebevoll angelegten Gemüsegärten noch. Zwischen den Bohnenstangen stehen dort in ordentlichen Reihen die verschiedenen Lieblinge, die letztlich doch geerntet und gegessen werden. Auch wenn die Ernten nicht ganz so üppig aussehen wie aus Industrieherstellung, so haben diese Gemüse doch einen ganz besonderen Geschmack. Hier wird oft noch mit Kompost und Pferdemist gedüngt. Nicht mit Kunstdünger und Gülle. Man achtet auf hohen Humusgehalt des Bodens, tauscht untereinander Tipps und Pflanzen. Zwischendrin finden sich alte Bauernstauden, Alant und Kreuzkraut, auch der giftige Eisenhut, der verspielte Flox, nicht vergessen sollte man die Iris und verschiedene alte Asternsorten für den Herbst. An den Beeträndern wuchert der Frauenmantel. Schnecken werden auf dem Land mit Bierfallen und Schere bekämpft, manchmal auch mit blauem Korn, aber man weiß um den Nutzen der Igel, denen immer einige Haufen aus Zweigen und Gartenresten zur Verfügung stehen. Einige Kartoffeln, die ganz knapp unter der Oberfläche liegen und vom Dauerregen freigespült wurden, klaubt er noch aus dem Boden heraus, sie werden am nächsten Tag als Pellemänner gegessen, Pellkartoffeln. Mit frisch gemachter Kräuterbutter immer ein Genuss.

Die Lautstärke im Nachbarhaus schwillt an, die Terrassentür wird aufgerissen, der wirklich dicke Mann tritt heraus, dreht sich um und ruft mit seiner Bassstimme ins Haus: “…und übrigens: Mein Bauch gehört mir!”

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus ab 2017 Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.