Fensterblicke

 

Im Klassenzimmer muss Simon sich auf einen hohen Stuhl setzen. Er schlenkert mit den Beinen. Mutter hat ihn vor der Türe abgesetzt. Als verlorener, stummer A- Laut hockt Simon da. hinter der Tafel steht eine Frau, die aus einem Buch vorliest. Sie endet mit den Worten:
„Und da wurde aus der Raupe ein wunderschöner Schmetterling.“

Die Frau, die alle Lehrerin nennen, lächelt begeistert. Die Kinder gucken sie mit aufgerissenen Mündern an. Simon greift mit einer Hand nach dem Stück Holz, das er in seine Tasche gesteckt hat. „Simon, alles klar?“ fragt die Lehrerin.
Er blickt sie an, blickt und blickt, doch da gibt es nur die Strukturen der Rinde, deren Kerben, die seine Finger auf und ab fahren. Das Gesicht kommt seltsam nahe, schiebt sich ihm entgegen, da hin, wo Simon ́s Loch ist, in der Mitte des Bauches. Simon schweigt.
Seltsam, denkt die Lehrerin.
Seltsamer Simon. Sie versteht nicht. Simon ist ein Kind, dem die Unterscheidung fehlt. Er trennt sich nicht von den Dingen, trennt sich nicht von sich. Ein Kuchen muss gestreichelt werden. Die eigenen Hände kann man essen. Die Anordnung der Eicheln unter dem Baum wird jahrelang im Gehirn gespeichert. Er ist jetzt das Holz in der Hand. Ist der Blick der Lehrerin. Sonst nichts. Die Lehrerin seufzt.
„Also, meine Kinder, was haben wir aus der Geschichte gelernt?“
Hugo hebt die Hand.
„Ja?“, fragt die Lehrerin.
„Die Raupe muss sterben.“
„Ja. Äh. Ja. Die Raupe muss sterben, damit ein Schmetterling entstehen kann. Also: Eine Sache stirbt und es entsteht immer eine noch Schönere. Ist das nicht toll, Kinder?“
Da platzt der blonde Hans heraus: „Ich hab aber die Raupe schöner gefunden.“
Alle lachen. Das ist gut, findet Simon, dann sieht ihn keiner an. Und: Hansl ist gut. Genau wie die Buchstaben. Die Buchstaben sind Charaktere ohne Risse. Kommen nicht zu nahe, wie die Gesichter der Menschen. Simon malt sie langsam, bedacht. Das bauchige B. Das kuschelige U. Simon duckt sich in deren Rillen hinein. Was für ein seltsames, stilles Kind, denkt die Lehrerin. Die Stunde verstreicht. Das Licht taktet den Tag.
Simon blickt aus dem Fenster. Die Spitzen der Bäume sind fröhlich geworden und der Wind singt. Der Wind ist ein Vogel. Ein Rabe sitzt am Fensterbrett auf einem Baum, der seinen Schatten in den engen Raum wirft. Simon beginnt, ein wenig in seiner Stimmlage zu pfeifen.

 „Na, Simon, träumst du schon wieder?“
Er zuckt zusammen.
Die Lehrerin. Ihr Haar fäll in walnussbraunen Locken auf die Schultern, auf der Nase kleine Pünktchen. Pickel, hätte die Mutter gesagt. Simon schaut nur und schaut. Es ist eine Art zu schauen, die bang macht. Davon weiß Simon nichts. Aber die Erwachsenen wissen es. Sie zittern. Sie haben keinen Namen dafür. Simon ist ein Kind ohne Rahmen. Simon ist ein es, denkt die Lehrerin und: Vor ihr ist er sich fremd. Simon lächelt nur, und seine Augen klappen nach innen.
Simon blickt zurück, aber er blickt nicht. Ist ein Kind als Strom. Simon treibt in sich selbst als Floss. Seine Fensterblicke sind Finger. Seine Augen zeichnen Arabesquen in die Luft, wenn er aus dem Fenster sieht. Er ist dann weit weg. Spielt die Rituale der Alten nach. Es ist, als hätte er keine Sprache. Es gibt nur ein Wort. Das Wort heißt: Aus. Simon ist aus. Aus sich heraus. Es gibt ihn nicht, auch wenn er da ist.
„Schlag dein Buch auf“, sagt die Lehrerin.
Und Simon, der nicht in sich sitzt ist sondern als Vogel hinterm Fenster und als Wind, schlägt fremd das Buch auf. Die Lehrerin nickt.
„Ja“, kommt es aus ihm.
Die Finger blättern. Aber innen bleibt ein Loch. Simon ist ein Kind ohne Ränder. Nur die Wolfsgebärden sind ihm angeboren. Dieses Sich- Wiegen mit dem Wind. Der hinter dem Fenster gerade den Frühling buchstabiert. Ein Fundkind, kann nicht kauen, nicht verdauen, was das Außen ihm aufdrückt. Es ist sich selbst abhanden gekommen. Er wird von der Welt besessen. Die Lehrerin besitzt ihn, jetzt, in dem Moment, indem sie ihn ansieht. Und der Himmel. Der Vogel, der sein Bild in ihn wirft. Es untrennbar mit dem verwebt, was Simon ist.
„Möchtest du lesen?“
Simon ́s Mund hechelt. Schnappt nach Luft. Simon ist ein Fisch. Er blickt auf die Seite, sie verschwimmt vor den Augen, die Struktur des Gesichtes der Lehrerin kommt seltsam nahe.
„A-“ dringt es schließlich aus Simon.
„A“
Sonst nichts.
Die Lehrerin seufzt.
„Gut, wir üben das noch“, sagt sie ratlos.
Dreht sich ein wenig verloren zu Hans.
„Hans, bitte!“
Der kleine Blonde nickt. Simon bleibt als großer A- Laut im Raum hängen und baumelt mit dem Blick schon wieder aus dem Fenster, noch den Ausdruck des entsetzten Stockens im Gesicht. Die

Dinge sprechen, die Menschen sind Störenfriede in einer Landschaft aus Strukturen, Anordnungen, Kaleidoskopen aus Welt für Simon. So auch die Lehrerin. So auch Hans, der ihn fragend ansieht. Langsam wandert Simon ́s Blick wieder aus dem Fenster und er sieht hinaus. Es ist ein Moment und in Moment gibt es für Simon nur den Moment, die Vögel, den Strom am Himmel. Allein ein Bauch rettet Simon vor dem Aus, dem Loch, das er selbst ist. Der Rhythmus ist die einzige Sicherheit: Einatmen, ausatmen. Simon atmet. Er atmet das A fort, sieht wieder aus dem Fenster und beruhigt sich langsam angesichts der Vögel. Seine Augen sind Finger, greifen nach dem Wind. Ratlos betrachtet die Lehrerin ihn aus den Augenwinkeln. Seltsam, denkt sie.

„Als die Welt noch se….sehr….jung….war…“, beginnt Hans zu lesen und seine Wangen röten sich. Simon hört schon nicht mehr richtig hin. Seine Augen nesteln an den Spitzen des Baumes hinter dem Fenster. Simon ist ein sich selbst abhanden gekommenes Kind.

 

***

Die Freiheit der Fische, Roman von Sophie Reyer, Czernin, 2019

Jakob ist Autist, doch das Wort Autismus kennt man nicht in einem Bergbauerndorf in Tirol. So wächst Jakob in einer Gemeinschaft auf, die ihn und sein Verhalten nicht verstehen kann und es auch gar nicht versucht – bis er schließlich zum Aussteiger wird.

Jakob ist randlos. Er nimmt alles in sich auf. Er versteht die Sprache der Fische und hört die Stimmen der Bäume, in der Welt erkennt er Strukturen und Zusammenhänge, die anderen verborgen bleiben. Doch mit der zwischenmenschlichen Kommunikation hat er Probleme.

Im Dorf hält man ihn für einen Verrückten, seine ältere Schwester Agathe beschimpft ihn regelmäßig als Krüppel und der Vater haut einfach zu. Nur Resi, seine jüngere Schwester, versteht ihn. Als Jakob älter wird und die Konflikte zunehmen, beschließt er, diesem Leben zu entfliehen und als Einsiedler in einer Höhle zu leben.

Sophie Reyers einfühlsame und bildhafte Sprache öffnet den Leserinnen und Lesern die faszinierende Welt Jakobs. Basierend auf einer wahren Geschichte ist ihr ein einzigartiges Buch über unterschiedliche Vorstellungen von Leben und Lebenlassen, von Toleranz und Unverständnis gelungen.