Routineleser

Das waren unendlich ineinander verschachtelte Sätze. Es musste sich um eine wissenschaftliche Arbeit, eine Abhandlung handeln, kein normaler Mensch wäre auf die Idee gekommen, alles dermaßen zu verkomplizieren. Da schaffte einer seiner Gehirnwelt Raum, auf Papier oder in den Speichern seines Rechners und bohrte sich gemein in die Denkstrukturen der anderen, der Leser. Welchen Sinn konnte so etwas machen, wenn nicht einmal ein Hauch von Inhalt innerhalb der Zeilen erkenntlich wurde? Herrn Nipp fiel dazu der Satz mit dem Agronomen ein und seinem reziprok zum Intellekt prosperierendem Volumen der Solanaceae-Knollen. Nipp quälte sich tapfer durch die Seiten des dicken Wälzers und musste Zeilen zwei drei viermal lesen, ohne sie wirklich tiefgehend zu verstehen. Begreifen aber schien unmöglich. Einige Namen und Begriffe riefen Erinnerungen an Anderes wach, aber aus anderen Zusammenhängen. Komisches Weltbild und ganz persönlicher Wahnsinn. Tausende von Randbemerkungen verwirrten das Ganze noch mehr und hinterließen eine unentschlüsselbare Ursuppe von Gedankenfetzelchen und genialen Ideen. Erst die Routine half Herrn Nipp sich einzulesen und nach gut fünfhundert Seiten, was übrigens gut ein Jahr dauerte, war das Werk schon ein Teil seines täglichen Lebens geworden, abstoßend und anziehend, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, das Teil einfach in die Ecke zu pfeffern, aber dafür war das Buch zu schwer, zumindest für Herrn Nipp.

Er legte Arno Schmidts Zetteltraum beiseite. Immer wieder, immer wieder auch süchtig weiter zu lesen.

Das Abrackern und Zusammenreimen aber sollte kein Ende finden. Bis wirklich in die Träume wurde er verfolgt von fremden Gedanken eines Menschen, den er nicht mal auf einem Foto gesehen hatte. Er schob das Buch in seinen Schuber, immer im Kopf die Marter, die folgen würde. Die Nachbarn hockten lieber vor ihren Kisten. Ließen sich beflimmern.

Er strengte sich an, ein paar Zeilen eines ihm unbekannten Liedes mitzubekommen, was sich jedoch als wirklich vergebliche Mühe herausstellte, die Gitarrenriffs legten sich einfach über die zum Verständnis wichtigen Textpassagen. Die Band war neu und ihm unbekannt, das sollte sich ändern dachte Herr Nipp. In der letzten Zeit hatte er sich angewöhnt, mit sich selbst zu reden, in der dritten Person versteht sich.

Hinten im Haus entstand Trubel, Radau, noch nicht genau lokalisierbar, noch nicht genau entschlüsselbar. Er kam näher und auf Nipp zu. Man konnte langsam Worte und gebrüllte Satzfetzen verstehen. „Du scheiß Kerl…..halte das nicht mehr aus… gehe…. gepackt.“ Zwischendurch aufgefüllt mit Heulkrämpfen oder dem Geräusch, wenn Bilder von den Wänden reißen. „Du selbstsüchtiger ..fuck…achtest nicht…Arschloch ….so‘n Mist…“ Nipp legte seine sonst unsichtbaren Gehörklappen, die er sich antrainiert hatte, auf die Ohrmuscheln, wie Augenlider, er musste das jetzt nicht unbedingt alles hören, zweimal die Woche Hasstiraden, daran hatte er sich inzwischen längst gewöhnt. Dies aber war die dritte, eine zu viel, sie zog aus, zwei Koffer mit sich schleppend.

„Nun gut, da kann man nichts machen.“ grummelte er vor sich hin, „war eh abzusehen gewesen.“ Er konnte nicht behaupten, dass dies ein Gefühl der Trauer in ihm erzeugte. Er fühlte nicht viel mehr als vorhin, nicht weniger als vor sieben Wochen, als sie schon mal ausgezogen war, nach einer Woche jedoch schon zurückkehrte.

Diesmal aber schien es wirklich endgültig zu sein, sie hatte ihren Laptop unterm Arm und über der Schulter lag in Zellophan gehüllt ihr Lieblingsabendausgehkleid. Nipp überlegte einige Zeit, ob er einige angemessene Worte oder ein altmodisches Sprichwort passend zur Situation zum Besten geben sollte, aber den Gedanken gab er schnell wieder auf, persönliche Worte fielen ihm einfach nicht ein und Sprichwörter waren zu verletzend. Davon gab so viele passende, er hätte darin ertrinken können. Und das war immer gefährlich und konnte eine Veränderung des Standpunktes mit sich bringen. Und das war nun wirklich das Letzte, was er sich so wünschte. Langsam begann sein Kopf sich zu klären, räumte sich auf, erst kaum merklich, dann immer deutlicher. Sein „Sonst-immer-Nebel-Schleier“ lichtete sich für angenehme Momente. Freiheit, was auch immer das heißen sollte. Er eroberte sich jetzt endlich die Nachbarwohnung, den Mundschutz gezückt, was ihn dort wohl erwarten würde. Diese Frau konnte nur Chaos hinterlassen haben.

Nipp erkannte plötzlich, dass die Unordnung im Kopf in der Wohnung ihre Entsprechung fand. Fantasieanregen und kreatives Chaos, nichts davon stimmte wirklich. Eine Seifenblase immer nur von ihm vor dem Zerplatzen geschützt, jetzt war diese zerborsten, wie letztes Jahr die silbernen Christbaumkugeln, die er aus dem zweiten Stock auf die Straße fallen ließ, nur so aus Spaß und um zu sehen, was passiert, er hatte nur vergessen, dass sie daran so gehangen hatte. Seine Blase und die Kugel hatten etwas freigegeben, Luft und vor allem Leere. Das also.

Herr Nipp begann langsam seine Gliedmaßen zu bewegen und musste feststellen, dass sie ihm tatsächlich noch gehorchten. Endlich schien einer dieser seltenen Augenblicke gekommen, etwas nicht nur anzu- oder zu überdenken, sondern zu handeln. Jetzt war sie weg. Er konnte sich sich selbst nicht mehr verweigern. Langsam bewegte er sich durch die offensichtlich syphige Küche. Seine Füße sträubten sich, versagten ihm ihren Dienst jedoch nicht ganz. Sie wollten einfach nichts zertreten oder gar unnütz berühren, wer konnte schon wissen, was das alles war.

Nipp öffnete die erstmögliche Schublade und entnahm ihr ein möglichst großes und scharfes Messer, besah sich den Boden und versuchte durch diesen Blick zu ermitteln, wie die unter der Deckschicht, die sogar jegliches Eigenleben verweigerte, selbst Fliegen und Schimmel mochten sich hier nicht ansiedeln, und wenn doch überlebten sie aus wissenschaftlich nicht erkundbaren Gründen nicht lange, es wohl aussehen würde. An einigen Stellen war das Gemisch aus Kartoffelschalen, allgemeinem Dreck, Frittierfett, Backpulver, Geschirrspülmittel, Eierschalen, Joghurt, Käserinden und Müsliresten, und was sich sonst noch so alles auf einem Küchenboden ansammeln konnte, relativ gut und flächig angetrocknet, ganz nach dem Motto, tritt sich fest. Hier konnte man mit ein wenig gutem Willen sogar die Fugen sehen, die sich wie ein Slip durch eine zu enge Hose abmalten. Herr Nipp begann mit seinem Schneidwerk.

Sauber trennte und befreite er die Fliesen von ihrer Schmutzschicht, Schutzschicht. Genau 593 Stücke von 10×10 Zentimetern hatte er zu lösen, keine einfache Aufgabe. Aber was damit tun?

Herr Nipp erinnerte sich an den Berg von noch nicht zusammengebauten Schachteln, den er aus irgendeiner Laune heraus bei einer Zwangsversteigerung erworben hatte. Er türmte also die einzelnen Stücke, die er vom Boden wirklich sehr sauber und ohne jegliche Brüche hatte lösen können, aufeinander, ohne auch nur eines zu zerbrechen, die Konsistenz war unbeschreiblich und vor allem widerstandsfähig. Er war geradezu stolz auf sich. Aus dem Radio trällerte gerade Doris Day ihr „Que será será“.

Im Keller lagen sieben Kartons mit genau je 500 Schachteln im Format 12 mal 12 Zentimeter, das passte ja wie Arsch auf Eimer. Er nahm den ersten Karton mit fünfhundert nach oben und baute nur mal zum Ausprobieren ein paar zusammen. Was sich erst als unangenehme Fuckelarbeit darstellte machte nach und nach immer mehr Spaß und Herr Nipp wurde fast stolz auf seine neu entdeckte Geschicklichkeit. Während die erste Kiste noch ihre zehn Minuten benötigte, schaffte er es, sich langsam über sieben und fünf Minuten an die von ihm erhofften dreißig Sekunden heranzupirschen. Tatsächlich wurden die Handgriffe immer sicherer und irgendwann, so nach einer Stunde hatte er den Kniff heraus, dass die Kistchen nicht erst auseinandergefaltet werden mussten, sondern einfach in sich hochgezogen und aufgeklappt werden brauchten, so ließ sich innerhalb weniger Sekunden eine zwar nicht sehr dekorative dafür aber sehr praktische Schachtel erzeugen. Die einzelnen Teile hatten eine Höhe von sieben Zentimetern und ein blaues M war auf den Deckel gedruckt. „M M M wie zum Beispiel Machen oder Material oder Mensch oder manchmal. Die sollen M heißen, das ist gut….“ Und so weiter sponn Herr Nipp herum. Ohne dass er es wirklich selber bemerkt hatte, steckte er mitten in der Arbeit. Und zwar mitten in genau der Arbeit , die er bei den sogenannten echten Künstlern immer so bewundert hatte. Er war in einen Schaffensprozess herein geraten, der sich aus ihm und seiner Beziehung zur direkten Umwelt entwickelte. Eine Arbeit, die Herrn Nipp mit all seinen Sinnen und Gedanken in Anspruch nahm. Alles befand sich plötzlich in ihm und er konnte aus sich schöpfen. Seine Gedanken begannen zu kreisen, zu fliegen und wirbelten, ohne Chaos zu verbreiten, ohne es zu lichten, um ihrer und der Arbeit selbst willen. Und Nipp merkte nicht einmal etwas davon, er konnte auch nichts davon merken, er kannte die Selbstbeobachtung nur aus Büchern. Er war einfach in seine Arbeit, unsinnig sie auch sein mochte, vertieft, lebte in ihr. Das war neu und schön und befriedigte, auch wenn er selbst das nicht zu bemerken schien.

Nipp holte sich die Flasche alten Cognac vom Regal des Wohnzimmers, schenkte sich ein Glas ein und roch daran. „Heute ist der Tag.“ Mit dem Mut eines Menschen, der nur noch gewinnen kann, nippte er zuerst, ließ den edlen Tropfen mehrmals im Mundraum kreisen und nahm nach dem ersten Schluck einen zweiten, größeren mit mehr Geschmack. „Heute, ja heute ist der Tag.“ Er verpackte die einzelnen Stücke in die jeweiligen Schachteln. Eine ruhige, immer gleiche, gleichsam meditative Arbeit. Was hatte er in den letzten Jahren gemacht? Schachteln wurden gefüllt und gestapelt, Stapel wurden wieder abgebaut und in den Keller geräumt, neue Schachteln wurden entfaltet, um sie wiederum zu füllen und zu stapeln. Immer wieder die gleichen Handgriffe fünfhundertdreiundneunzigmal. Es dauerte Stunden, wie ihm schien eine schier unendliche Zeit der Muße und der laufenden Gedanken. Vertiefung, Meditation und unaussprechliches Glück, dessen, was er immer gesucht hatte. Seine Strümpfe hatten je zwei Löcher vorne und seitlich des großen Zehs. Seine Fingernägel der linken Hand waren sämtlich abgekaut, aber das alles war jetzt egal. Das weiße T-Shirt hatte speckige gelbe Stellen, wer sollte jetzt so genau darauf achten? Er hatte heute vergessen, seine Jeanshose anzuziehen, er fror nicht. Herr Nipp brauchte bis morgens früh um sechs, um seine Arbeit zu verrichten. Der Inhalt seiner uralten Cognacflasche näherte sich der kritischen Grenze, sprich dem Boden, nicht Füllung, an der man hin und wieder mal schnuppern konnte, sondern Leere, aber das gerade war gut so. Nipp hatte etwas ihm Eigenes geschaffen. Etwas, das ihm gehörte, von ihm in eine Welt gebracht, sein Kind, Eigenzeugung, Pflichtübung nicht wie sonst, sondern seine Kür. Die gestapelten Kisten verstaute er, kaum dies alles fassend. Nipp erhob sich und brachte den ganzen Rest in den Keller, den hatte er lange nicht mehr durchforstet, vieles bettelte geradezu darum, weggeworfen zu werden. Ein guter Lagerplatz, alles war selbst- und unverständlich.

Nipp ging zufrieden ins Bett und hatte seit langem wieder eine ruhige Nacht, morgens.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist Mikroblogging eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein.